Athen – Griechenland erlebt einen beispiellosen demografischen Einbruch. Innerhalb der letzten 15 Jahre ist die Zahl der Geburten im Land um 42 Prozent zurückgegangen. Wie aus einer aktuellen Untersuchung des Instituts für demografische Forschung und Studien (IDEM) hervorgeht, verzeichnet die griechische Gesellschaft nicht nur immer weniger Nachwuchs, sondern auch ein stetig steigendes Alter der Erstgebärenden. Die Entwicklung offenbart zudem eine starke regionale Spaltung: Während ländliche Regionen auf dem Festland massiv überaltern, trotzen einige Inseln dem extremen Negativtrend.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die durchschnittliche Zahl der jährlichen Geburten sank von 148.000 (1979-1980) auf voraussichtlich 67.000 (2024-2025).
- Im Jahr 2024 kamen landesweit im Durchschnitt 184 Todesfälle auf 100 Neugeborene.
- Die Inselregionen der Kykladen und Zakynthos verzeichnen mit einem Geburtenrückgang von unter 15 Prozent die stabilsten Raten.
Historischer Tiefstand bei Geburten und Fertilitätsraten
Die demografische Kurve Griechenlands zeigt seit Jahrzehnten nach unten. Wie die staatliche Nachrichtenagentur APE-MPE unter Berufung auf Vyron Kotzamanis, Professor für Demografie und IDEM-Direktor, berichtet, stieg das Durchschnittsalter der Frauen bei der Geburt von 26,2 Jahren (Ende der 1970er Jahre) auf mittlerweile 32,2 Jahre an. Gleichzeitig sank die Fertilitätsrate drastisch: Kamen 1979 noch 2.200 Kinder auf 1.000 Frauen, sind es im Zeitraum 2024-2025 nur noch 1.240. Frauen des Geburtsjahrgangs 1950 bekamen im Schnitt noch 2,0 Kinder, während die Generation von 1985 auf einen Wert von unter 1,5 abrutschte.
Dieser Geburtenrückgang führt unweigerlich zu einer negativen natürlichen Bevölkerungsbilanz. Konnte das Land im Jahrzehnt zwischen 1971 und 1980 noch einen Überschuss von 638.000 Geburten gegenüber den Sterbefällen verzeichnen, kippte diese Bilanz nach dem Jahr 2010 ins Negative. Allein im Zeitraum von 2011 bis 2020 starben 267.000 Menschen mehr, als geboren wurden. Für die laufende Fünfjahresperiode (2021-2025) wird das Defizit bereits auf 290.000 geschätzt.
Wachsende Kluft zwischen dem Festland und den Inseln
Besonders auffällig sind die immensen regionalen Unterschiede. Während die Geburtenzahl zwischen 2009 und 2024 landesweit um 42 Prozent einbrach (von rund 117.400 auf 68.300), erlebten sechs Präfekturen auf dem griechischen Festland – darunter Thesprotia, Grevena, Phthiotis und Kozani – einen Rückgang von über 50 Prozent. Demgegenüber steht die Entwicklung in sechs Inselregionen, wo das Minus unter 30 Prozent lag. Auf den Kykladen und der Ionischen Insel Zakynthos fiel der Rückgang mit weniger als 15 Prozent landesweit am geringsten aus.
Diese Diskrepanz spiegelt sich auch im Verhältnis von Sterbefällen zu Geburten wider. Während 2009 in Griechenland auf 100 Geburten noch 92 Todesfälle kamen, verdoppelte sich dieser Wert bis 2024 auf 184. Regionen wie die Dodekanes, Chania, Rethymno und Heraklion auf Kreta sowie Xanthi verzeichneten auch 2024 noch mehr Geburten als Todesfälle. In 17 Festlandpräfekturen – etwa Trikala, Arkadien und Serres – lag die Sterberate hingegen bei dramatischen 175 bis 276 Todesfällen pro 100 Geburten.
Die Ursachen: Weniger Frauen im gebärfähigen Alter
Der drastische Einbruch der Geburtenzahlen lässt sich laut Professor Kotzamanis auf mehrere Faktoren zurückführen. Ein Hauptgrund ist die schrumpfende Basis: Die Zahl der Frauen im Alter zwischen 25 und 44 Jahren ist um rund 480.000 (28 Prozent) gesunken. Dies sei eine direkte Folge der sinkenden Geburtenraten nach 1980 sowie eines negativen Migrationssaldos in dieser Altersgruppe ab 2010.
Regionen, die besonders stark überaltern, litten unter einer historischen Kombination: Einer geringen Fertilität bei der Generation von 1960, einer schnellen Abwanderung von jungen Menschen und einem raschen Anstieg der älteren Bevölkerung. Die Inseln hingegen konnten aufgrund ihrer wirtschaftlichen und touristischen Attraktivität junge Menschen binden und auch neue Arbeitskräfte aus dem In- und Ausland anziehen, was zu einer deutlich jüngeren Bevölkerungsstruktur führte.
Düstere Prognosen für die Jahrhundertmitte
Die Untersuchung lässt wenig Raum für Optimismus. Der aktuelle Rückgang von 42 Prozent in den letzten 15 Jahren übertrifft den Einbruch der 1980er Jahre (damals 31 Prozent) deutlich. Für die Zukunft prognostizieren die Experten eine dritte Welle des Bevölkerungsrückgangs. Zwischen den Jahren 2045 und 2060 wird ein weiterer Einbruch um 15 Prozent erwartet. In diesem Zeitraum wird die geburtenarme Generation der Jahre 2010 bis 2029 ins reproduktive Alter kommen, der im Vergleich zu den Jahrgängen 1990 bis 2009 rund 450.000 Menschen fehlen.