Athen – Das schwere Zugunglück von Tempi aus dem Jahr 2023 wirkt sich weiterhin massiv auf die europäischen Statistiken zur Schienensicherheit aus. Laut dem neuen, im Mai 2026 abgeschlossenen Zweijahresbericht der Europäischen Eisenbahnagentur (ERA) führt Griechenland die europäische Rangliste bei den beiden wichtigsten Sterblichkeitsindikatoren an. Gleichzeitig hinkt das Land beim Ausbau des lebensrettenden europäischen Zugsicherungssystems ETCS hinterher, während die Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten ihre Infrastruktur und Sicherheitsstandards kontinuierlich modernisiert.
Obwohl die Eisenbahn innerhalb der Europäischen Union nach wie vor das sicherste landgebundene Verkehrsmittel ist und die Fahrgaststerblichkeit nahezu das Niveau der Luftfahrt erreicht, zeigt der Bericht deutliche nationale Diskrepanzen. Die Daten verdeutlichen, dass das europäische Schienennetz hinsichtlich Technologie und Sicherheitstechnologie weiterhin stark fragmentiert ist, was sich insbesondere für den länderübergreifenden Verkehr und den Tourismus als Herausforderung darstellt.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Im Jahr 2024 verzeichnete die EU insgesamt 1.507 schwere Eisenbahnunfälle mit 750 Todesopfern und wirtschaftlichen Kosten von rund 3,4 Milliarden Euro.
- Aufgrund des Tempi-Unglücks weist Griechenland europaweit die höchsten Raten bei der Fahrgaststerblichkeit auf und bildet beim ETCS-Ausbau mit Lettland, Litauen und Portugal das Schlusslicht.
- Luxemburg (100 Prozent), Belgien (98 Prozent) und die Schweiz (96 Prozent) führen Europa bei der Implementierung des automatischen Zugsicherungssystems an.
Nachwirkungen von Tempi: Griechenland als statistischer Ausreißer
Das gravierendste Ergebnis des ERA-Berichts betrifft die griechische Eisenbahninfrastruktur. Die Agentur sah sich bei der Erstellung bestimmter Grafiken zu den Sterblichkeitsindikatoren gezwungen, Griechenland herauszurechnen, um die Lesbarkeit der europäischen Durchschnittswerte zu erhalten. Die Frontalkollision in Tempi wird von der Behörde als Einzelereignis mit extrem hohen Opferzahlen eingestuft, das die nationalen Werte dominiert.
Konkret betrifft dies den allgemeinen Sterblichkeitsindikator, der auf Dreijahresbasis pro Zugkilometer berechnet wird, sowie den Fahrgaststerblichkeitsindikator, der über einen Zeitraum von elf Jahren pro Personenkilometer gemessen wird. Die ERA stellt klar, dass derart verlustreiche Unfälle trotz der statistischen Glättung über lange Zeiträume als Extremfälle gelten und die Sicherheitsbilanz eines Landes maßgeblich prägen.
Zugsicherung ETCS: Europa investiert, Griechenland holt langsam auf
Ein zentrales Werkzeug zur Vermeidung menschlicher Fehler ist das European Train Control System (ETCS). Griechenland rangiert bei der prozentualen Netzabdeckung in der untersten europäischen Gruppe. Nur sechs europäische Länder, darunter Deutschland, Italien und Spanien, haben es bislang geschafft, über 90 Prozent ihres Netzes mit der höchsten Schutzstufe, die eine automatische Zugbremsung umfasst, auszustatten.
Dennoch verzeichnete der griechische Staat im Jahr 2026 Fortschritte, um den jahrelangen Rückstand aufzuholen. Das ETCS-System wurde auf der Strecke zwischen Thessaloniki und Idomeni in Betrieb genommen. Zudem nähern sich die Reparaturarbeiten an der durch das Sturmtief Daniel zerstörten Infrastruktur in Thessalien dem Abschluss, während die schrittweise Ausweitung des Sicherungssystems auf der Hauptverkehrsachse zwischen Athen und Thessaloniki vorangetrieben wird.
Die EU-Bilanz für 2024: Weniger Unfälle, aber hohe wirtschaftliche Kosten
Europaweit dokumentiert die ERA für das Jahr 2024 durchschnittlich mehr als vier schwere Zwischenfälle pro Tag. Die Zahl der Unfälle sank zwar um vier Prozent gegenüber 2023 und liegt unter dem Vor-Pandemie-Niveau, übersteigt den Durchschnitt der letzten vier Jahre jedoch um drei Prozent. Der Rückgang ist primär auf weniger Entgleisungen und Vorfälle an Bahnübergängen zurückzuführen. Dennoch forderten die Unfälle 750 Menschenleben und führten zu 548 Schwerverletzten. Besondere Erwähnung fand auch das Unglück im spanischen Adamuz Anfang 2026, für das die ERA ausdrücklich den verursachten menschlichen Schmerz anerkannte.
Die wirtschaftlichen Dimensionen sind immens: Die Gesamtkosten der schweren Unfälle in der EU-27 belaufen sich auf geschätzte 3,4 Milliarden Euro. Davon entfallen 74 Prozent direkt auf den Verlust von Menschenleben. Stagnation herrscht bei der Sicherheit der Bahnangestellten; jährlich sterben weiterhin etwa 30 Beschäftigte im Dienst, mehr als 40 werden schwer verletzt.
Fahrgastzahlen steigen, Güterverkehr bleibt Sorgenkind
Während sich der europäische Personenverkehr nach der COVID-19-Pandemie robust erholt und das Vorkrisenniveau überschritten hat, bleibt die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene hinter den politischen Zielen zurück. Der Marktanteil des Schienengüterverkehrs lag 2023 bei stagnierenden 12 Prozent.
Gleichzeitig wächst das einheitliche europäische Netz langsam zusammen. Bis Ende 2025 waren rund 22.000 Streckenkilometer mit ETCS ausgestattet. Die größten ausgestatteten Netze befinden sich in der Schweiz, in Belgien und in Spanien mit zusammen etwa 11.500 Kilometern. Auf den zentralen europäischen Verkehrskorridoren lag die Abdeckung Ende 2024 jedoch erst bei 15 Prozent. Positiv entwickelt sich die administrative Vereinheitlichung: Bis Ende 2024 besaßen knapp 209.000 Lokführer eine gültige europäische Lizenz, und im Jahr 2025 wurden fast 21.000 neue Schienenfahrzeuge zugelassen.
Cybersicherheit und militärische Mobilität als neue Handlungsfelder
Die europäische Eisenbahnpolitik richtet den Fokus zunehmend auf neue Bedrohungsszenarien und Technologien. Ein eigenständiges Kapitel widmet die ERA der militärischen Mobilität. Seit dem Maßnahmenpaket vom November 2025 wird die Schiene als kritisches Element der europäischen Verteidigungslogistik betrachtet (Dual-Use-Infrastruktur).
Parallel dazu verschärft die Umsetzung der NIS-2-Richtlinie und des Cyber Resilience Act die Anforderungen an den Schutz von IT-Systemen im Bahnbereich. Technologisch treibt die Agentur den Übergang von der Forschung in den operativen Betrieb voran. Dazu zählen der automatische Zugbetrieb, die satellitengestützte Positionsbestimmung, vorausschauende Wartung mittels künstlicher Intelligenz sowie der Einsatz Digitaler Zwillinge zur effizienteren Steuerung der europäischen Schienennetze.