Athen – Am Donnerstag, den 25. Juni 2026, wurden im griechischen Außenministerium persönliche Gegenstände griechischer Gefangener aus nationalsozialistischen Lagern an deren Nachfahren übergeben. Das historische Aufarbeitungsprojekt, das Teil der internationalen Kampagne #StolenMemory ist, wurde durch die Recherchearbeit griechischer Schülerinnen und Schüler aus staatlichen Schulen ermöglicht. Nach mehr als acht Jahrzehnten erhielten vier Familien die letzten Besitztümer ihrer Vorfahren zurück, die bislang in Deutschland archiviert waren.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Griechische Schüler recherchierten im Rahmen eines staatlich koordinierten Programms erfolgreich die Nachfahren von vier NS-Gefangenen.
- Die übergebenen Gegenstände, darunter Uhren und Schmuck, lagerten jahrzehntelang bei den Arolsen Archives in Deutschland.
- Griechenland ist das erste Land, das durch das Projekt alle gesuchten Familien von NS-Opfern dieser Liste vollständig ausfindig machen konnte.
Staatliches Schulprojekt zur historischen Aufarbeitung
Die Initiative zur Einbindung von Schülern in die Suche nach Angehörigen entstand durch eine Kooperation mehrerer staatlicher Stellen. Federführend waren der Leiter des Diplomatischen und Historischen Archivs des Außenministeriums, Giorgos Polydorakis, sowie der Generalsekretär für Religionen des Bildungsministeriums, Giorgos Kalantzis, und dessen Büroleiterin Vasiliki Keramida. Gemeinsam mit den in Deutschland ansässigen Arolsen Archives, die das weltweit größte Archiv zu den Opfern des Nationalsozialismus verwalten, wurde die Suche in Griechenland strukturiert.
Wie während der Veranstaltung hervorgehoben wurde, weist der griechische Ansatz im internationalen Vergleich zwei Besonderheiten auf. Zum einen ist es das weltweit erste Mal, dass die Einbindung von Schülern in die Suche nach NS-Opferfamilien nicht nur auf lokaler Ebene stattfindet, sondern Teil einer zentral gesteuerten Regierungsinitiative ist. Zum anderen erreichte Griechenland eine Erfolgsquote von einhundert Prozent bei der Suche nach den rechtmäßigen Erben der auf der Liste geführten Staatsbürger.
Uhren und Schmuck: Die vier gelösten Fälle
Im Zentrum der Zusammenkunft stand die Übergabe der persönlichen Gegenstände. Vier verschiedene Schulen hatten die Recherchen zu vier spezifischen Schicksalen übernommen. Schüler des Abendgymnasiums Evosmos in Thessaloniki fanden die Familie von Evangelos Kerasiotis, dessen Uhr an seine Schwägerin Kaiti Kerasioti übergeben wurde. Die Schülerinnen berichteten im Rahmen der Veranstaltung von ihren Erfahrungen während des Suchprozesses.
Das Zweite Allgemeine Gymnasium Koropi aus Attika recherchierte den Fall des Zwangsarbeiters Dimitrios Vafiadis. Der Direktor der Arolsen Archives, Moritz Wein, der eigens für die Veranstaltung nach Athen gereist war, übergab eine Geldbörse mit Münzen, einen Ring und eine Taschenuhr mit Kette an den Neffen des Opfers, Dimitrios Vacharelis. Das Siebte Gymnasium Nea Ionia machte die Angehörigen von Giorgos Sagmatopoulos ausfindig. Dessen Uhr wurde an seine Großnichte Panagiota Galani überreicht. Schließlich lokalisierte das Erste Allgemeine Gymnasium Ymittos die Familie von Nikolaos Fasouliotis. Seine Tochter, Konstantia Tsioptsi, nahm ein Armband und eine kleine Brosche ihres Vaters entgegen. Alle Familien erhielten zudem Kopien der in den Arolsen Archives aufbewahrten Originaldokumente zu ihren Angehörigen.
Die #StolenMemory-Kampagne der Arolsen Archives
Die Arolsen Archives verwahren über 30 Millionen Dokumente aus den nationalsozialistischen Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern. Die Kampagne #StolenMemory wurde 2018 ins Leben gerufen, um die Familien von Opfern weltweit ausfindig zu machen und persönliche Gegenstände, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den Lagern gefunden wurden, zurückzugeben. Von den ursprünglich rund 4.500 aufbewahrten Gegenständen konnten bereits viele an die rechtmäßigen Erben retourniert werden.
An der offiziellen Zeremonie in Athen nahmen zahlreiche staatliche und kirchliche Vertreter teil. Neben Generalsekretär Kalantzis, der den griechischen Premierminister vertrat, war die Sondergesandte zur Bekämpfung von Antisemitismus, Botschafterin Chrysoula Aliferi, im Namen des Außenministers anwesend. Die Kirche von Griechenland wurde durch Archimandrit Amphilochios Diamantidis vertreten, der im Namen des Erzbischofs Hieronymus II. teilnahm.