Griechenland – Das Griechische Rote Kreuz hat offizielle Erste-Hilfe-Richtlinien herausgegeben, nachdem an den Küsten des Landes vermehrt Vorfälle mit dem invasiven Hasenkopf-Kugelfisch (Lagocephalus sceleratus) gemeldet wurden. Der hochgiftige Meeresbewohner, der sich in den letzten Jahren im östlichen Mittelmeer rasant vermehrt hat, taucht zunehmend auch in flachen Gewässern beliebter Urlaubsregionen auf. Während der Biss des Fisches nicht giftig ist, kann er aufgrund der extrem starken Kiefer schwere Verletzungen verursachen. Der Verzehr des Tieres ist hingegen strikt lebensgefährlich.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Der Verzehr des Hasenkopf-Kugelfisches ist aufgrund des tödlichen Nervengifts Tetrodotoxin absolut lebensgefährlich.
- Bei einem Biss rät das Rote Kreuz zu starkem Druck auf die Wunde und der sofortigen Alarmierung des Rettungsdienstes (112 oder 166).
- Die rasante Ausbreitung des Fisches verursacht massive Schäden in der Küstenfischerei und gefährdet das Ökosystem des Mittelmeers.
Rotes Kreuz veröffentlicht Erste-Hilfe-Regeln
Der Gesundheitsbereich des Griechischen Roten Kreuzes reagiert mit seinen Anweisungen auf die wachsende Verunsicherung bei Einheimischen und Touristen. Die Gefahr des Hasenkopf-Kugelfisches liegt primär in seinem Fleisch, das das starke Nervengift Tetrodotoxin enthält. Da sich das Gift im gesamten Körper des Fisches verteilen kann, gilt kein Teil als sicher für den menschlichen Verzehr. Kommt es zu einem Angriff im Wasser, sind die bissigen, schnabelartigen Kiefer das Hauptproblem, da sie tiefe Fleischwunden und starke Blutungen hervorrufen können. Für diesen Fall raten die Experten zu vier konkreten Schritten:
- Reinigung: Die Wunde sollte umgehend mit reichlich fließendem, sauberem Wasser und Seife ausgewaschen werden. Lokale Antiseptika dürfen ohne ärztliche Anweisung nicht verwendet werden.
- Blutungsstopp: Mit sauberen Kompressen oder einem Tuch ist konstanter Druck auf die Verletzung auszuüben. Bei starken Blutungen muss der Druck aufrechterhalten und die betroffene Extremität hochgelagert werden.
- Medizinische Versorgung: Ein Arztbesuch ist zwingend erforderlich. Die Wunde benötigt fachgerechte Pflege, eine Überprüfung des Tetanusschutzes und bei tiefen Schnitten eine chirurgische Naht.
- Notruf: Ereignet sich der Vorfall in einer abgelegenen Gegend oder lässt sich die Blutung nicht stoppen, ist unverzüglich der Rettungsdienst (in Griechenland unter 166) oder die europäische Notrufnummer 112 zu verständigen.
Zunehmende Vorfälle an beliebten Badestränden
Das eigentliche Alarmzeichen für die Behörden ist die Verhaltensänderung der Tiere. Der ursprünglich im Indischen und Pazifischen Ozean beheimatete Fisch trat erstmals 2013 verstärkt in griechischen Gewässern auf. Mittlerweile erstreckt sich sein Verbreitungsgebiet von Kreta über die Dodekanes bis hin zur Küste von Attika, einschließlich stark frequentierter Strände in Saronida, Kavouri, Voula, Vari und Vouliagmeni. Berichten zufolge greifen die Fische, die teils in nur 20 Zentimeter tiefem Wasser schwimmen, Badegäste an. Die Verletzungen reichen von Bisswunden an den Schienbeinen bis hin zu Attacken auf das Gesäß oder die Genitalien. Einige Opfer mussten stationär behandelt werden, wie etwa im Asklipieio-Krankenhaus in Voula. Meeresbiologen beobachten, dass die Fische zunehmend Rudel bilden und aufgrund des Fehlens natürlicher Feinde ein äußerst aggressives und furchtloses Fressverhalten an den Tag legen.
Massive Schäden für die Küstenfischerei
Die Ausbreitung des Hasenkopf-Kugelfisches hat auch gravierende wirtschaftliche Folgen. Der Fisch ist ein Allesfresser und ernährt sich von Garnelen, Krabben, Tintenfischen, Oktopussen sowie kommerziell wertvollen Fischen wie Meerbrassen. Regionen wie der Saronische Golf, die von lokalen Fischern einst wegen ihres Fischreichtums als „Geldautomaten“ bezeichnet wurden, gelten heute als nahezu leergefischt. Zudem zerstören die Kugelfische die Ausrüstung: Sie zerreißen Netze und fressen teilweise sogar die Angelhaken samt Köder. Das Griechische Zentrum für Meeresforschung (ELKETHE) schätzt den durchschnittlichen finanziellen Verlust pro Fischer auf über 6.000 Euro jährlich.
Prämien und EU-Forschungsprojekte als Gegenmaßnahme
Um der Plage Herr zu werden, prüft das griechische Ministerium für ländliche Entwicklung ein Prämienmodell. Fischer sollen für jeden gefangenen Hasenkopf-Kugelfisch sechs Euro pro Kilo erhalten. Ähnliche Pilotprojekte laufen bereits auf Kreta, den Dodekanes sowie auf Zypern, wo die Regierung bis zu 4,80 Euro pro Kilo zahlt. Auch die Türkei subventioniert den Fang. Parallel dazu suchen Wissenschaftler nach Verwertungsmöglichkeiten. Im Rahmen des von der EU finanzierten Projekts „Lagomeal“ forschen Experten des ELKETHE und des Forschungszentrums „Demokritos“ an Verfahren, um das Tetrodotoxin aus dem Fisch zu entfernen, um ihn künftig als sicheres Fischmehl für Tierfutter nutzen zu können.
Ökologisches Ungleichgewicht durch Überfischung
Für Meeresbiologen ist der Kugelfisch jedoch nur das Symptom eines tieferliegenden Problems. Anastasia Miliou, Forschungsdirektorin des Instituts für Meeresschutz „Archipelagos“, betont, dass sich das Ökosystem der Ägäis nach 3.500 Jahren Stabilität derzeit massiv und gewaltsam verändere. Mehr als 1.000 invasive Arten haben das Mittelmeer bereits besiedelt. Hauptursachen seien die Vertiefung des Suezkanals, ungeprüft abgelassenes Ballastwasser von Frachtschiffen und vor allem die systematische Überfischung. Letztere habe dazu geführt, dass die natürlichen Feinde des Kugelfisches – darunter Unechte Karettschildkröten, Schwertfische, Haie, Hornhechte und Goldmakrelen – stark dezimiert wurden. Miliou plädiert daher für einen Strategiewechsel: Anstatt nur den Fang des Kugelfisches zu prämieren, sollten Fischer auch finanziell dafür entschädigt werden, ihre Fangtätigkeit vorübergehend ruhen zu lassen. Nur so könne sich die Natur erholen und die Population der natürlichen Raubfische wieder anwachsen, die die Ausbreitung der invasiven Arten auf natürliche Weise regulieren.
