Griechenland – Der neue nationale Supercomputer Daidalos in Lavrio ist mit 85,69 Petaflops einer der leistungsstärksten Rechner der Welt. Doch ob sich die Investition von 58,9 Millionen Euro für Griechenland auszahlt, dürfte weniger von technischen Rekorden abhängen als davon, ob daraus neue Produkte, erfolgreiche Unternehmen und marktfähige Forschung entstehen.
Diesen Maßstab legt Nikos Zachariadis an, Chief Operating Officer (COO) und Partner des in Thessaloniki ansässigen Rechenzentrums-, Cloud- und Telekommunikationsunternehmens Lancom. In einem Gespräch mit dem Nachrichtenportal Voria.gr bezeichnet er den kürzlich eingeweihten Supercomputer als wichtigen Schritt für Griechenland, warnt aber davor, technische Leistungsfähigkeit mit wirtschaftlichem Fortschritt gleichzusetzen.
Im TOP500-Ranking vom Juni 2026 belegte Daidalos mit einer gemessenen Rechenleistung von 85,69 Petaflops Platz 31 weltweit. Die Position verschaffe Griechenland internationale Sichtbarkeit im Hochleistungsrechnen. Eine Rangliste allein sei jedoch kein dauerhafter Erfolgsmaßstab, betont Zachariadis: Mit jeder neuen Technologiegeneration könnten sich die Platzierungen ändern.
Entscheidend ist der Zugang für Start-ups und kleinere Unternehmen
Die zentrale Frage lautet aus Sicht des Lancom-Managers, ob auch kleinere griechische Firmen, junge Technologieunternehmen und Forschungsteams die neue Infrastruktur tatsächlich nutzen können. Eine vielversprechende Idee müsse sich in eine praktische Anwendung überführen lassen, ohne dass übermäßige technische oder bürokratische Hürden im Weg stehen.
Zachariadis fordert deshalb ein offenes, transparentes und funktionierendes Kooperationsmodell. Unternehmen sollten den Supercomputer nicht bloß als Nutzer in Anspruch nehmen, sondern gemeinsam mit Forschungseinrichtungen ein Dienstleistungsökosystem aufbauen können. Griechenland verfüge bereits über Firmen mit Erfahrung in digitalen Infrastrukturen, Datenmanagement, Cybersicherheit und internationalen Telekommunikationsnetzen. Dieses Wissen müsse Teil des Projekts werden.
Darin sieht er eine wirtschaftspolitische Chance: Griechenland könne sich von einem Land, das Technologien vor allem anwendet und konsumiert, stärker zu einem Standort entwickeln, der eigene Lösungen entwirft, produziert und exportiert. Dafür brauche es nach seiner Einschätzung Kontinuität, eine klare Strategie und tragfähige Partnerschaften zwischen öffentlichem und privatem Sektor.
Welche Rolle die KI-Fabrik PHAROS übernehmen soll
Ein wichtiger Baustein ist die griechische KI-Fabrik PHAROS. Sie soll Daidalos mit Wissenschaft, Start-ups, Industrie und Unternehmen verbinden und so helfen, die verfügbare Rechenleistung in konkrete Anwendungen zu überführen. Ob diese Verbindung gelingt, ist für Zachariadis eine der entscheidenden Bedingungen für den Erfolg des Gesamtvorhabens.
Leistungsfähige Prozessoren allein reichen für künstliche Intelligenz nach seiner Darstellung nicht aus. Benötigt werden ebenso zuverlässige Rechenzentren, Glasfasernetze mit hoher Kapazität, große Datenbestände, eine tragfähige Energieversorgung, Cybersicherheit und qualifizierte Fachkräfte. Erst ihr Zusammenspiel mache aus Rechenleistung eine tatsächlich nutzbare digitale Infrastruktur.
Ein Netz von Athen über Thessaloniki bis Kreta
Zachariadis plädiert dafür, das Projekt nicht auf den Standort Lavrio zu begrenzen. Er skizziert ein landesweites Netz öffentlicher und privater Infrastrukturen, in dem Athen, Thessaloniki und Kreta wichtige Knotenpunkte bilden könnten. Über internationale Glasfaserverbindungen ließen sich damit die Balkanstaaten, Südosteuropa und der östliche Mittelmeerraum stärker verknüpfen.
In diesem Modell würde Daidalos spezialisierte Hochleistungsberechnungen übernehmen. Andere öffentliche und private Einrichtungen könnten sichere Datenübertragung, Speicherung, Cloud-Dienste sowie den laufenden Betrieb kommerzieller KI-Anwendungen bereitstellen. Nicht Wettbewerb zwischen staatlichen und privaten Anlagen, sondern ihre gegenseitige Ergänzung soll nach Zachariadis den wirtschaftlichen Nutzen steigern.
Beitrag zur digitalen Souveränität Europas
Das Vorhaben berührt auch die Frage, wie unabhängig Europa bei kritischen digitalen Technologien sein kann. Zachariadis argumentiert, dass digitale Souveränität nicht allein dadurch entsteht, dass ein besonders leistungsfähiger Rechner auf europäischem Boden steht. Ebenso wichtig seien die Kontrolle über Software, Datennetze, Sicherheitsprozesse und technologische Abhängigkeiten.
Daidalos könnte seiner Einschätzung nach künftig griechische und europäische KI-Modelle unterstützen. Als mögliche Einsatzbereiche nennt er die Vorhersage von Naturkatastrophen, komplexe wissenschaftliche Simulationen, neue Energietechnologien und Anwendungen für die Sicherheit und Widerstandsfähigkeit kritischer Infrastrukturen. Auch Cybersicherheit sowie Verteidigung und Katastrophenschutz gehören für ihn zum strategischen Umfeld solcher Technologien. Diese Anwendungen beschreibt er als Potenziale, nicht als bereits erreichte Ergebnisse.
Erste Nutzerzugänge ab Dezember 2026 geplant
Obwohl der Supercomputer bereits eingeweiht wurde, steht seine praktische Nutzung noch am Anfang. Der erste Zugang für Nutzer ist schrittweise ab Dezember 2026 vorgesehen. Zachariadis hält es deshalb für notwendig, schon jetzt über die nächste Entwicklungsphase nachzudenken: Fortschritte in der Computertechnik könnten innerhalb weniger Jahre Erweiterungen oder neue technische Architekturen erforderlich machen.
Ein langfristiger Plan müsse technologische Erneuerung, Energieeffizienz, Fachkräfteentwicklung, kommerzielle Nutzung von Forschungsergebnissen und eine dauerhafte Einbindung in europäische Digitalinfrastrukturen abdecken. Vor allem fordert Zachariadis messbare Ziele: Wie viele Unternehmen profitieren, wie viele neue Produkte entstehen, wie viele Forschungsideen erreichen den Markt und wie viele Wissenschaftler finden in Griechenland eine Perspektive? An solchen Ergebnissen werde sich der tatsächliche Wert des Supercomputers für die griechische Wirtschaft zeigen.