Griechenland – Für die Digitalisierung griechischer Städte stehen in zwei getrennten Förderprogrammen Budgets von zusammen rund 325,3 Millionen Euro bereit. Nach Jahren der Planung, Finanzierung und Ausschreibungen rückt jedoch die praktische Wirkung in den Vordergrund: Welche Systeme funktionieren bereits, wie viel Zeit und Energie sparen sie und wer wird sie langfristig betreiben?
Eine intelligente Stadt soll nicht einfach möglichst viele Sensoren oder Apps besitzen. Ihr Nutzen zeigt sich, wenn Autofahrer schneller einen Parkplatz finden, Straßenlampen bedarfsgerecht leuchten, Müllfahrzeuge gezielter eingesetzt werden und Bürger Behördengänge digital erledigen können. Auch Warnungen vor Überschwemmungen oder Bränden gehören zu den möglichen Anwendungen.
Neubau in Elliniko, Modernisierung in bestehenden Städten
Ein Sonderfall ist das Projekt Elliniko auf dem Gelände des ehemaligen Athener Flughafens. Dort entwickelt LAMDA Development eine neue Stadt mit digitaler und Telekommunikationsinfrastruktur, energieeffizienten Gebäuden, intelligenten Netzen und moderner Konnektivität. Das Vorhaben wird als Europas erste vollständig von Grund auf geplante und gebaute Smart City präsentiert.
Die meisten griechischen Kommunen haben andere Voraussetzungen. Sie müssen neue Technik in dicht bebaute Viertel, ältere Infrastruktur und bereits laufende Verwaltungsprozesse integrieren. Ein digitaler Dienst ist deshalb nur dann hilfreich, wenn er ein konkretes Problem löst und sich im Alltag zuverlässig nutzen lässt.
90 Millionen Euro für 17 Städte, 235,3 Millionen für 332 Kommunen
Die Maßnahme „Smart Cities“ aus dem Wiederaufbaufonds verfügt über ein anfängliches Budget von 90 Millionen Euro. Sie richtet sich an 17 Kommunen: 16 große Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern sowie Trikala, das als beispielhafte Smart City einbezogen wurde.
Daneben steht das Programm „Digitaler Wandel der Kommunen“ im Rahmen von ESPA 2021–2027. Sein öffentlicher Finanzierungsrahmen beträgt rund 235,3 Millionen Euro; angesprochen sind alle 332 Gemeinden des Landes. Beide Programme sind eigenständige Förderlinien mit dem Ziel, kommunale Dienstleistungen und die Lebensqualität zu verbessern. Die genannten Summen sind Programmbudgets, keine Bilanz bereits nachgewiesener Einsparungen.
Gefördert werden können unter anderem Verkehr und Parkraummanagement, Energieversorgung, Katastrophenschutz, digitale Dienstleistungen für Bürger und Unternehmen, Cybersicherheit und kommunale Dateninfrastruktur. Dazu gehören auch zentrale Datenplattformen und digitale Zwillinge: virtuelle Stadtmodelle, die reale Informationen für Überwachung, Planung und Entscheidungen zusammenführen.
Trikala und Chania als Beispiele für Fortschritte
Bei der Umsetzung des 90-Millionen-Euro-Programms spielt die Organisation Koinonia tis Pliroforias eine zentrale Rolle. Sie unterstützt die Kommunen und verfolgt den Stand der Vorhaben. Ihr Geschäftsführer Stavros Asthenidis, der zuvor an der Spitze einer IT-Entwicklungsgesellschaft der Stadt Athen stand, verweist in einem Gespräch mit der griechischen Nachrichtenagentur APE-MPE auf Trikala als frühes positives Beispiel für Lösungen in passender städtischer Größenordnung.
Auch Chania habe einen großen Teil der vorgesehenen Maßnahmen aus dem Wiederaufbaufonds genutzt, sagt Asthenidis. Entscheidend seien politische Entschlossenheit und Mitarbeiter, die Projekte tatsächlich umsetzen können. In größeren Ballungsräumen brauche es gezieltere Ansätze, weil sich Technik dort schwieriger flächendeckend installieren lasse.
Wo sich intelligente Technik rechnen muss
Ein vernetztes Parksystem sollte freie Stellplätze auf dem Smartphone zuverlässig anzeigen und eine integrierte Bezahlung ermöglichen. Die großflächige Erfassung von Parkplätzen am Straßenrand erfordert allerdings teure Infrastruktur. Ähnlich ist es bei der Straßenbeleuchtung: LED-Leuchten verbrauchen weniger Energie, wirklich intelligent wird das System aber erst, wenn es die Lichtstärke automatisch an den tatsächlichen Bedarf anpasst.
Sensoren in Abfallbehältern können die Entsorgung effizienter machen; bei flächendeckender Ausstattung übersteigen die Kosten jedoch möglicherweise den Nutzen. Messgeräte für Luftverschmutzung oder Wasserstände entfalten ihren Wert erst dann, wenn ihre Daten konkrete Warnungen, Dienste oder automatische Reaktionen auslösen.
Bei digitalen Anträgen und Zahlungen sieht Asthenidis bereits deutliche Fortschritte. Sie ersparen Bürgern Wege zu Behörden. Die nächste Stufe sei allerdings nicht die bloße Übertragung eines Formulars ins Internet, sondern ein möglichst automatisierter Ablauf ohne unnötige Zwischenschritte und persönliche Vorsprache.
Digitale Zwillinge und KI für widerstandsfähigere Städte
Die Anpassung an den Klimawandel, Extremwetter, Bevölkerungsverdichtung und Migrationsbewegungen zählt Asthenidis zu den größten künftigen Aufgaben. Digitale Stadtmodelle können geografische, verkehrsbezogene und weitere Daten bündeln. Mit Algorithmen und künstlicher Intelligenz lassen sich darauf aufbauend mögliche Entwicklungen durchspielen, Risiken früher erkennen und Ressourcen gezielter verteilen. Voraussetzung sind allerdings belastbare Daten; ohne sie bleiben auch aufwendige Modelle begrenzt nützlich.
Entscheidend sind Ergebnisse und dauerhafter Betrieb
Auch die OECD bewertet Smart Cities nicht allein nach dem Grad der Digitalisierung. Maßgeblich seien Verbesserungen bei Lebensqualität, gesellschaftlicher Teilhabe, Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit. Das verlangt messbare Ergebnisse statt bloßer Installationszahlen.
Nach Ansicht von Asthenidis müssen Kommunen deshalb zunächst ihre tatsächlichen Bedürfnisse, Anlagen und Abläufe erfassen. Viele konzentrierten sich auf zusätzliche Fahrzeuge oder Personal, ohne ihre Infrastruktur systematisch zu analysieren. Erst danach sollten sie Technik auswählen, deren Betrieb wirtschaftlich tragbar ist. Was für eine Metropole sinnvoll sein kann, kann eine kleine Gemeinde finanziell überfordern.
Ob die Förderung langfristig wirkt, hängt damit ebenso von klarer Strategie, administrativer Kontinuität, politischem Willen und qualifiziertem Personal ab wie von der Technik selbst. Die entscheidende Bewährungsprobe ist, ob die neuen Dienste im Alltag genutzt werden, Kosten senken, Zeit sparen und nach dem Ende der Förderung weiter funktionieren.
Mit Informationen von: OECD, Koinonia tis Pliroforias.