Griechenland – Der Oleander, eine der am weitesten verbreiteten Zierpflanzen im Land, steht derzeit im Zentrum einer heftigen öffentlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Ein offizielles Rundschreiben der Griechischen Gesundheitsbehörde (EODY), welches Anfang März verschickt wurde, warnt eindringlich vor der hohen Toxizität des Strauches und empfiehlt dessen weitreichende Entfernung aus öffentlichen Räumen. Umweltverbände und Wissenschaftler wehren sich jedoch massiv gegen diesen Vorstoß und warnen vor einem drohenden ökologischen Schaden für das städtische Mikroklima.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die nationale Gesundheitsbehörde stuft den Oleander als hochgiftig ein.
- Ein Rundschreiben empfiehlt die Entfernung der Pflanzen an Schulen und Plätzen.
- Wissenschaftler und Botaniker lehnen die großflächige Abholzung strikt ab.
- Daten zeigen lediglich vier spezifische Vergiftungsfälle bei Kindern durch den Strauch.
- Umweltexperten betonen die Wichtigkeit der Pflanze für den städtischen Klimaschutz.
Die giftige Gefahr: Was die nationale Gesundheitsbehörde warnt
Die Griechische Gesundheitsbehörde (EODY) hat in einem detaillierten Dokument auf die erheblichen gesundheitlichen Risiken hingewiesen, die vom Oleander (Nerium oleander) ausgehen. Laut den Experten der Behörde ist der milchige Pflanzensaft in sämtlichen Teilen des Strauches mit einer Vielzahl toxischer Substanzen angereichert. Insbesondere die Blätter, die Stängel und die Blüten weisen extrem hohe Konzentrationen an gefährlichen Toxinen auf. Dabei handelt es sich primär um Glykoside wie Oleandrin, Neriin und Thebain. Diese Substanzen entfalten eine starke Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System des Menschen und können Symptome auslösen, die von starker Übelkeit und Bauchschmerzen bis hin zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen und plötzlichem Herztod reichen.
Das Risiko einer Vergiftung beschränkt sich den staatlichen Analysen zufolge nicht allein auf die versehentliche Einnahme. Die Behörde warnt ausdrücklich davor, dass auch der Kontakt des Pflanzensaftes mit der Haut, den Augen oder offenen Wunden zu schweren allergischen Reaktionen und Dermatitis führen kann. Zudem wird darauf hingewiesen, dass selbst das Einatmen des Rauches, der beim Verbrennen von Oleanderzweigen entsteht, hochgradig toxisch ist. Da Kinder durch die auffälligen Farben der Blüten besonders angelockt werden könnten, formuliert das Rundschreiben strikte Handlungsempfehlungen für den öffentlichen Raum.
Um potenziellen Vergiftungen vorzubeugen, rät die Behörde zur vollständigen Entfernung der Pflanzen aus Bereichen, in denen sich Kinder aufhalten. Dies betrifft Schulhöfe, Spielplätze, öffentliche Parks, Gehwege sowie private Gärten. Die Sträucher sollen durch ungiftige Alternativen ersetzt werden. Bis eine Entfernung organisatorisch möglich ist, fordert die Griechische Gesundheitsbehörde (EODY) die zuständigen Stellen dazu auf, die betroffenen Flächen abzusperren und mit entsprechenden Warnhinweisen zu versehen. Weiterhin wird eine umfassende Aufklärung des Schulpersonals, der kommunalen Gärtner sowie der Kinder selbst empfohlen.
Zwischen Angst und Realität: Die Daten der Vergiftungszentrale
Die weitreichenden Empfehlungen basieren unter anderem auf einem offiziellen Informationsaustausch zwischen dem Griechischen Gesundheitsministerium und dem Griechischen Innenministerium. In den übermittelten Akten sind die Fallzahlen der nationalen Vergiftungszentrale aufgeführt. Diese Daten zeigen, dass seit der Jahresbilanz 2020 jährlich etwa 15 bis 20 Vorfälle gemeldet werden, bei denen Teile der Pflanze verschluckt wurden, meistens von Kindern. Die medizinischen Berichte belegen jedoch auch, dass in keinem dieser dokumentierten Fälle die Verabreichung eines Gegenmittels erforderlich war, da die Patienten durchgehend nur milde Symptome aufwiesen.
Der interdisziplinäre Verband der Experten für städtisches und periurbanes Grün relativiert die behördliche Warnung mit Blick auf die Gesamtstatistik drastisch. Der wissenschaftliche Zusammenschluss betont, dass in dem anfänglichen Rundschreiben eine fundierte Risikoanalyse vollständig fehle. Laut den aktuellen Auswertungen der Vergiftungszentrale kommt es bei Kindern im Alter von null bis 14 Jahren jährlich zu rund 22.000 allgemeinen Vergiftungsfällen. Davon lassen sich lediglich 78 Fälle auf Pflanzen und Pilze zurückführen, wobei 71 dieser Vorfälle im häuslichen Umfeld stattfinden. Explizit auf den Oleander zurückzuführen waren demnach landesweit lediglich 4 Fälle, was die Forderung nach einer flächendeckenden Ausrottung der Pflanze aus Sicht der Experten unverhältnismäßig erscheinen lässt.
Lokale Konflikte befeuern die landesweite Debatte
Die Umsetzung und Interpretation der behördlichen Empfehlungen führt auf kommunaler Ebene zu direkten Auseinandersetzungen. Ein aktuelles Beispiel liefert die Gemeinde Kifisia im Norden der Hauptstadt. Dort schaltete sich kürzlich der ehrenamtliche Tierschutzverein des noblen Vorortes Ekali ein. Die Tierschützer wandten sich offiziell an die zuständige Grünflächenbehörde, um die geplante Neupflanzung von weiteren Oleandersträuchern auf dem Mittelstreifen der Rodon-Straße zu stoppen. Der Verein argumentierte, dass in dem Bereich bereits ausreichend toxische Pflanzen existieren würden und verwies als Begründung explizit auf das Rundschreiben der Gesundheitsbehörde.
Dieser lokale Disput ist jedoch kein isoliertes Phänomen. Zuvor hatten bereits Interventionen von Tierschutzorganisationen, Umweltverbänden und kommunalen Verwaltungen wie der Gemeinde Veria für Aufsehen gesorgt. Auch die Ärztekammer Larisa hatte öffentlich auf die Toxizität der Zierpflanze aufmerksam gemacht und die regionalen Behörden zum Handeln aufgefordert. Auf den Plattformen der sozialen Medien fordern nun besorgte Bürger und Mitglieder verschiedener Vereine die sofortige Umsetzung der Abholzungspläne, während Gegenstimmen darauf verweisen, dass Kinder in öffentlichen Anlagen ohnehin unter der Aufsicht ihrer Eltern stehen sollten.
Massive Kritik an Abholzungsplänen durch Wissenschaftler
Gegen die Pläne zur Ausmerzung des Oleanders formiert sich massiver Widerstand aus den Reihen der Fachverbände. Der Panhellenische Verband der Geotechniker und Grünanlagenunternehmen (PEEGEP) kritisiert die Vorgehensweise scharf. Zwar sei die Toxizität der Pflanze seit der Antike unbestritten, doch ein unbedachtes, massenhaftes Ausreißen von Millionen Sträuchern werde weitreichende ökonomische, kulturelle und ökologische Schäden nach sich ziehen. Die Entscheidung sei ohne wissenschaftliche Fundierung getroffen worden und ignoriere die vielfältigen positiven Eigenschaften des Strauches im urbanen Raum.
Die Experten warnen zudem vor immensen finanziellen Belastungen für den Staat und die Kommunen, sollte der Ersatz von Millionen Pflanzen tatsächlich angeordnet werden. Der Oleander erfordert in der Pflege nur minimale Budgets und gedeiht selbst unter den widrigsten städtischen Bedingungen prächtig. Darüber hinaus verweisen die Kritiker auf das europäische Klimagesetz, welches den rechtlichen Rahmen für ein klimaneutrales Europa bis zum Jahr 2050 vorgibt. Die Richtlinien dieses Gesetzes untersagen bis zum Jahr 2030 jegliche Reduzierung von städtischen Grünflächen und fordern stattdessen deren Ausbau. Auch die Griechische Botanische Gesellschaft unterstreicht, dass der Oleander als mediterrane Pflanze extrem widerstandsfähig gegen langanhaltende Dürreperioden und urbane Luftverschmutzung ist.
Botanische Bedeutung und Klimaschutz im urbanen Raum
Die Befürworter der Pflanze betonen ihre essenzielle Rolle im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels. Dimitris Kalantzis, der Vorsitzende des Vereins für den Athener Park Pedion tou Areos, erklärt, dass die außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit gegen Hitze und Trockenheit den Oleander zur idealen Bepflanzung für Städte macht, die zunehmend unter extremen Hitzewellen leiden. Durch fachgerechten Schnitt können die Sträucher zu schattenspendenden Bäumen herangezogen werden. Als Beispiel nennt er die historische Freifläche im Pedion tou Areos, wo alte Oleanderpflanzen in Baumform natürliche Kühloasen für die Bevölkerung bilden.
Unterstützung erhält diese Sichtweise durch Dr. Ioannis Bazos von der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen (EKPA). Der Experte für Ökologie und Taxonomie hält eine tatsächliche Vergiftung von Kindern für äußerst unwahrscheinlich, da der Pflanzensaft extrem bitter schmeckt. Ein Kind würde eine Pflanze mit einem derart abstoßenden Geschmack nicht in einer Menge herunterschlucken, die für eine Vergiftung ausreicht. Die Pflanze, die historisch bereits vom Philosophen Theophrastos im 4. Jahrhundert v. Chr. und später vom Arzt Dioskurides beschrieben wurde, wächst in Griechenland als autarkes, immergrünes Gewächs und erreicht Wuchshöhen zwischen 2 und 6 Metern.
Die Sträucher mit ihren markanten lanzettlichen Blättern blühen von Frühling bis in den späten Herbst in Farben wie Rosa, Violett, Weiß, Rot und Gelb. Neben der extremen Genügsamkeit bezüglich der Bodenqualität und Bewässerung leistet der Oleander einen nachweislich messbaren Beitrag zur Luftreinhaltung an vielbefahrenen Straßen. Die großen Blattflächen sind in der Lage, gesundheitsschädliche Mikroteilchen aus der Umgebungsluft, insbesondere Feinstaub der Kategorien PM10 und PM2.5, effektiv zu binden und somit die urbane Luftqualität nachhaltig zu verbessern.