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Ein älterer Mann sitzt auf dem Gehweg in einer Straße in Athen, was die Problematik der Obdachlosigkeit verdeutlicht.
Gesellschaft

Obdachlosigkeit in Athen: 70 Prozent verlieren ihr Zuhause aus finanzieller Not

Antonia Feldberg, Autorin bei GRland Deutschland
25.06.2026 21:59
Antonia Feldberg
Athen
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Symbolbild | GRland
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Athen – Eine groß angelegte Zählung hat die dramatische Lage von Menschen ohne festen Wohnsitz in der griechischen Hauptstadt offengelegt. Wie eine gemeinsame Untersuchung der Stadtverwaltung Athen und der Panteion-Universität zeigt, ist Obdachlosigkeit für viele Betroffene zu einem chronischen Zustand geworden. Finanzielle Nöte kristallisieren sich dabei als treibende Kraft für den Wohnungsverlust heraus. Die Erhebung, an der 150 Freiwillige sowie Organisationen der Zivilgesellschaft beteiligt waren, liefert wichtige Daten für die künftige Ausrichtung der städtischen Sozialpolitik.

Die Datenerhebung fand bereits im Oktober des vergangenen Jahres statt und bildete einen Teil eines gesamteuropäischen Projekts zur Erfassung von Obdachlosigkeit. Durch die detaillierte Auswertung der Ergebnisse wird deutlich, dass das Leben auf der Straße vor allem ältere Menschen trifft und tiefgreifende strukturelle Ursachen hat.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Rund 72 Prozent der Befragten gaben an, ihre Wohnung aufgrund finanzieller Probleme verloren zu haben.
  • Die Obdachlosigkeit in Athen betrifft überwiegend Männer (71 Prozent), wobei mehr als 60 Prozent der Erfassten über 50 Jahre alt sind.
  • Über 31 Prozent der Betroffenen leben bereits seit mehr als fünf Jahren ohne autonome Unterbringung.

Die finanziellen und sozialen Ursachen

Der Verlust des eigenen Zuhauses ist selten das Resultat einer einzelnen Krise. Dennoch dominieren wirtschaftliche Gründe das Bild: 72,2 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, aus finanzieller Not auf der Straße gelandet zu sein. Neben der Armut spielen auch gesundheitliche Probleme sowie Suchterkrankungen bei 37,9 Prozent eine entscheidende Rolle. Familiäre Konflikte wurden von 30,2 Prozent als Grund für den Wohnungsverlust genannt. Diese Zahlen verdeutlichen die vielschichtigen und oft ineinandergreifenden sozialen Schwierigkeiten, die zur Obdachlosigkeit führen.

Mina Fountzoula, Vizebürgermeisterin für soziale Solidarität, betonte die Dringlichkeit der Situation. Wenn jeder dritte Betroffene länger als fünf Jahre obdachlos sei und sieben von zehn Personen aus wirtschaftlichen Gründen in diese Lage gerieten, müssten politische Maßnahmen entwickelt werden, die exakt auf diese vulnerablen Gruppen zugeschnitten seien.

Demografisches Profil: Ältere alleinstehende Männer besonders gefährdet

Die Auswertung des 681 Personen umfassenden Samples – 384 davon wurden direkt auf der Straße angetroffen, 297 über Hilfseinrichtungen erreicht – liefert ein klares demografisches Bild. Die große Mehrheit der Menschen ohne Obdach in Athen sind Männer (71 Prozent) und besitzen die griechische Staatsbürgerschaft (69,9 Prozent). Das Phänomen betrifft primär mittlere und höhere Altersgruppen: 62 Prozent sind älter als 50 Jahre. Im Gegensatz dazu machen junge Erwachsene unter 30 Jahren lediglich acht Prozent aus. Ein weiteres Merkmal ist die soziale Isolation, da fast zwei Drittel der Erfassten (65,8 Prozent) allein leben, ohne die Unterstützung durch einen Partner oder die Familie.

Die Chronifizierung des Problems ist alarmierend. Mehr als die Hälfte der Befragten ist seit über zwei Jahren ohne eigenständige Wohnung. Konkret leben 31,6 Prozent seit mehr als fünf Jahren auf der Straße, weitere 24,9 Prozent verharren seit zwei bis fünf Jahren in dieser prekären Situation.

Teil eines europäischen Überwachungsmechanismus

Die Studie ist kein isoliertes Athener Projekt, sondern Teil einer groß angelegten europäischen Initiative, die von der Universität in Leuven koordiniert wird. Insgesamt 35 europäische Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern beteiligten sich an dem Vorhaben, eine gemeinsame Methodik zur Erfassung von Obdachlosigkeit zu etablieren. Ziel dieser Standardisierung ist es, verlässliche Mechanismen zur Überwachung zu schaffen und auf lokaler Ebene effektive politische Strategien entwerfen zu können.

Maria Stratigaki, Vizebürgermeisterin für Gleichstellung, erklärte dazu, dass die systematische Aufzeichnung und wissenschaftliche Dokumentation unerlässlich seien, um gezielte soziale Schutz- und Integrationsmaßnahmen zu planen. Die wissenschaftliche Leitung der Athener Untersuchung lag bei Professor Kostas Dimoulas von der Panteion-Universität.

Städtische Hilfsnetzwerke und Integrationsprogramme

Um die Not auf den Straßen zu lindern, unterhält die Stadt Athen verschiedene Unterstützungsstrukturen. Die Organisation KYADA (Zentrum für Aufnahme und Solidarität) betreut mit ihrem “Street Work”-Team derzeit rund 1.400 Personen. Weniger als die Hälfte davon sind sogenannte “rough sleepers”, also Menschen, die dauerhaft im Freien übernachten. Die übrigen leben in unzureichenden Verhältnissen oder kommen vorübergehend bei Bekannten unter.

Zentraler Anlaufpunkt ist ein Gebäudekomplex am Vathi-Platz. Das dortige offene Tageszentrum wird täglich von mehr als 150 Menschen genutzt, die Zugang zu sanitären Anlagen, Mahlzeiten und psychosozialer Beratung erhalten. Die angeschlossenen Unterkünfte bieten Platz für 200 Personen, die dort für eine Übergangszeit von bis zu zwölf Monaten (6+6 Monate) leben können, um mit individuellen Aktionsplänen den Weg in die Selbstständigkeit zu finden.

Darüber hinaus nimmt die Stadt an einem vom Ministerium für sozialen Zusammenhalt und Familie finanzierten Programm teil. In der aktuellen Phase wurde die Finanzierung für 46 Haushalte genehmigt. Dadurch profitieren 58 Personen – 46 Erwachsene und 12 Minderjährige – von denen die meisten bereits Wohnungen angemietet haben und bei der Arbeitssuche unterstützt werden.

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