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Zahlreiche Fahrzeuge stehen in einem dichten Verkehrsstau auf einer mehrspurigen Straße in Athen, was den alltäglichen Stress der Pendler illustriert.
Gesellschaft

Athen: Studie enthüllt die massiven Stressfaktoren der Hauptstadtbewohner

Antonia Feldberg, Autorin bei GRland Deutschland
29.04.2026 20:59
Antonia Feldberg
AthenUrbanes Leben
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Beispielbild (KI) | GRland
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Athen – Der tägliche Überlebenskampf im städtischen Raum hinterlässt bei den Einwohnern deutliche Spuren. Eine aktuelle Untersuchung, die auf Initiative von Uber unter der wissenschaftlichen Leitung der Gesellschaft für Regionale Entwicklung und Psychische Gesundheit (EPAPSY) durchgeführt wurde, liefert nun belastbare Daten zur mentalen Verfassung der Bevölkerung. Zwischen dem 19. und 24. März wurden in Athen und Thessaloniki insgesamt 1.023 Personen mithilfe eines sogenannten Stressmessgeräts untersucht, um die primären Belastungsfaktoren des städtischen Alltags zu quantifizieren.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Die durchschnittliche Stressbelastung der Befragten liegt bei 48,53 von maximal 100 Punkten.
  • Rund 57 Prozent der Teilnehmer zeigten in den vergangenen zwei Wochen Angstsyndrome.
  • Wirtschaftliche Schwierigkeiten erhöhen den persönlichen Stresswert um 8,58 Punkte.
  • Pendelzeiten von über einer Stunde täglich steigern das Stresslevel um 7,37 Punkte.
  • Studierende und junge Erwachsene (18 bis 34 Jahre) verzeichnen die höchsten Belastungswerte.

Die Messung der mentalen Belastung im städtischen Raum

Zentrales Instrument der Datenerhebung war ein interaktives Stressmessgerät, das unter anderem an zentralen Verkehrsknotenpunkten wie dem U-Bahn-Station am Syntagma-Platz platziert wurde. Die Teilnehmer beantworteten gezielte Fragen zu ihrem Kontrollverlust im Alltag, woraus ein individueller Wert zwischen null und 100 ermittelt wurde. Die demografische Auswertung zeigt eine deutliche Geschlechterverteilung bei der Bereitschaft zur Teilnahme: 64 Prozent der Befragten waren Frauen, 35 Prozent Männer und ein weiteres Prozent ordnete sich einer anderen Geschlechtskategorie zu. Bezüglich der Altersstruktur bildeten die 18- bis 24-Jährigen mit 42 Prozent die größte Gruppe, gefolgt von den 25- bis 34-Jährigen mit 24 Prozent und den 44- bis 55-Jährigen mit 21 Prozent.

Die Belastung trifft Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen. So berichte die 57-jährige Dimitra N., die im Industriegebiet von Aspropyrgos in der Logistikbranche arbeite, dass vor allem die großen Distanzen und familiäre sowie finanzielle Probleme ihr Leben massiv erschwerten. Sie gebe an, unter Schlafstörungen zu leiden und träume davon, die Stadt in Richtung ihres Heimatdorfes bei Galaxidi zu verlassen. Diese individuellen Erfahrungsberichte spiegeln sich in den Gesamtdaten wider, die aufzeigen, dass insbesondere das Zusammentreffen von beruflicher Beanspruchung und mangelnder Infrastruktur ein kritisches Niveau erreicht hat.

Der tägliche Verkehrskollaps als massiver Auslöser

Die städtische Mobilität erweist sich als einer der zentralen Stressoren. Laut der Untersuchung nutzen 51 Prozent der Befragten primär öffentliche Verkehrsmittel, während 33,5 Prozent auf private Fahrzeuge zurückgreifen. Lediglich 12 Prozent bewältigen ihre Wege zu Fuß. Der Zeitaufwand für diese täglichen Pendelstrecken ist enorm: Für 35 Prozent der Einwohner beträgt die reine Fahrtzeit mehr als eine Stunde pro Tag. Ein erheblicher Anteil von 40,6 Prozent der Teilnehmer gab an, an den meisten Tagen der Woche massiven Stress wegen möglicher Verspätungen durch Verkehrsstaus oder unzuverlässige Transportmittel zu empfinden.

Der Präsident der EPAPSY, Dimitris Galanis, fasst die Situation drastisch zusammen: “Das erste Bild, das ich wählen würde, um das Leben in Athen zu beschreiben, ist die Kifissos-Autobahn zur Mittagszeit.” Dies sei eine extrem stressige Situation. Er ergänzt, dass Athen bedauerlicherweise keine fußgänger- oder fahrradfreundliche Stadt sei, was sich auch im Verhalten von Autofahrern an Fußgängerüberwegen zeige. Der 18-jährige Student Spyros S. bestätige diese Wahrnehmung und erkläre, dass in der Hauptstadt die Zeit sehr schnell vergehe, während die Fortbewegung extrem langsam vonstattengehe.

Lebenshaltungskosten treiben die psychische Belastung in die Höhe

Neben den infrastrukturellen Defiziten stellt die finanzielle Unsicherheit den stärksten isolierten Belastungsfaktor dar. Auf die Frage, wie schwer es falle, die monatlichen Ausgaben zu decken, antworteten 35 Prozent, dass dies schwierig sei. Weitere 16 Prozent bewerten die Lage als sehr schwierig und 6 Prozent als extrem schwierig. Lediglich 32 Prozent gaben an, keinerlei Probleme bei der Deckung ihrer Fixkosten zu haben. Diese wirtschaftliche Dysfunktion fügt dem individuellen Belastungskonto im Durchschnitt 8,58 Einheiten hinzu.

Die 51-jährige Notariatsangestellte Niki F., die als alleinerziehende Mutter einer chronisch kranken Tochter lebe, erreiche auf dem Stressmessgerät den Maximalwert von 100. Sie schildere, dass die Mieten exorbitant gestiegen seien und die staatlichen Hilfen nicht ausreichten. Obwohl sie die Stadt gerne verlassen würde, binde die Notwendigkeit, in der Nähe großer spezialisierter Krankenhäuser zu bleiben, sie an den Großraum Athen. Die medizinische Versorgungssicherheit in der Provinz sei aus ihrer Sicht nicht ausreichend gewährleistet, um einen Umzug zu riskieren.

Medizinische Einordnung: Der Unterschied zwischen Stress und Angst

Fachleute warnen davor, alltagsbedingte Erschöpfung pauschal mit klinischen Erkrankungen gleichzusetzen. Der Psychiater und Psychotherapeut Kimon Promponas erklärt die Differenzierung: “In der Psychiatrie ist der klinische Begriff ‘Angst’ und nicht ‘Stress’. Es sind verwandte, aber nicht identische Konzepte. Dinge, die uns im Alltag erschweren, sind nicht per se Angst, sie sind Schwierigkeiten.” Diese könnten jedoch kumulativ zur Entstehung eines klinischen Zustands beitragen. Eine Generalisierte Angststörung setze zwingend ein zeitliches Kriterium voraus, während akuter Druck durch berufliche Fristen oder eine Wohnungssuche als Stress klassifiziert werde.

Der Experte verweist auf die strukturellen Folgen der Urbanisierung, die weltweit zu steigenden Anforderungen führten. Das städtische Umfeld verlange zunehmend nach beruflichem Erfolg und finanzieller Leistungsfähigkeit. Promponas betont: “Dies ist auch mit Indikatoren wie Angststörungen, Depressionen und sogar Selbstmordraten verbunden, die in Großstädten besonders hoch sind.” Er zieht den Vergleich zu Südkorea, wo die Suizidrate mit 29,1 Todesfällen pro 100.000 Einwohner fast dreimal so hoch liege wie der OECD-Durchschnitt von 10,8.

Strategien zur Bewältigung und Entstigmatisierung

Die Auswertung der Daten aus Athen und Thessaloniki offenbart ein flächendeckendes Problem: 68,6 Prozent der Bürger befinden sich in einem moderaten Stresszustand, 14,5 Prozent weisen hochgradige Werte auf. Bemerkenswert ist, dass die jüngsten Altersgruppen sowie Studierende am stärksten betroffen sind, während Personen im Alter von 44 bis 55 Jahren sowie Rentner die geringsten Werte verzeichnen. “Manche Menschen brauchen Pflege – und sie sind nicht schwach. Im Gegenteil, es ist mutig, um Hilfe zu bitten, wenn man sie braucht”, unterstreicht Dimitris Galanis die Notwendigkeit offener Diskussionen über psychische Gesundheit.

Obwohl einfache Lösungen wie aerobe körperliche Bewegung oder soziale Interaktionen von Medizinern empfohlen werden, scheitert deren Umsetzung oft an den städtischen Gegebenheiten, wie dem akuten Mangel an zugänglichen Grünflächen im Athener Zentrum. Die Initiative der EPAPSY zielt primär darauf ab, das Thema in den öffentlichen Raum zu verlagern und zu entstigmatisieren. Wenn die städtische Realität von Zeitnot, finanziellen Sorgen und Staus geprägt ist, bleibt die gesellschaftliche Anerkennung dieser Belastungen der erste zwingende Schritt zur Besserung.

Detaillierte Umfrageergebnisse zum Kontrollverlust

  • 31,6 Prozent der Befragten fühlen sich oft machtlos angesichts ihrer Lebensumstände.
  • 30,4 Prozent haben regelmäßig das Gefühl, dass sich die alltäglichen Schwierigkeiten unüberwindbar anhäufen.
  • 42,4 Prozent geben an, ihre persönlichen Probleme sehr oft oder ziemlich oft bewältigen zu können.
  • 37,4 Prozent empfinden, dass sich die Dinge in ihrem Leben häufig nach ihren Vorstellungen entwickeln.
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