Athen – Was macht eine Wohnung zu einem Zuhause? Für die griechische Architektin und Designerin Tzortzina Pantazopoulou liegt die Antwort nicht allein in Grundrissen, Materialien und Möbeln. Sie untersucht, wie Menschen ihre Räume gestalten, welche Erinnerungen sie darin bewahren und welchen Einfluss insbesondere Frauen auf die Wohnkultur Athens haben. Ihr Forschungsfeld ist die typische Athener Polykatoikia, das mehrgeschossige Wohnhaus, das große Teile des Stadtbilds prägt.
Pantazopoulou lebt in Athen und promoviert an der Universität Antwerpen im Bereich Innenarchitektur. In ihrer Forschung verbindet sie Architektur mit gesellschaftlichen und persönlichen Fragen. Dabei geht es unter anderem um familiäre Gegenstände, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden, um häusliche Routinen und um die unterschiedlichen Rollen, die Menschen innerhalb eines Haushalts übernehmen.
Die Wohnung als Spiegel von Erinnerung und Gesellschaft
Besonders interessiert Pantazopoulou, wie sich das häusliche Leben im Laufe der Zeit verändert hat. In ihrer Untersuchung zur Wohnkultur der Athener Polykatoikia nimmt sie verschiedene weibliche Lebensrealitäten in den Blick und arbeitet mit einer intersektionalen feministischen Perspektive.
Ein Ausgangspunkt ist für sie die Rolle der griechischen Hausfrau, die in vielen Haushalten darüber entschied, welches Sofa aufgestellt oder welches Bild aufgehängt wurde. Solche scheinbar beiläufigen Entscheidungen begreift sie als Handlungen der Innenarchitektur: Sie prägen das Wohnen und stehen zugleich im Zusammenhang mit gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen.
Die Polykatoikia findet die Architektin gerade wegen ihrer Gegensätze interessant. Hinter Fassaden und Grundrissen, die sich an der Moderne orientieren, bestehen familiäre Bräuche, kulturelle Erinnerungen und überlieferte Vorstellungen vom Zusammenleben fort. Die Gebäude beherbergen damit Lebenswelten, die weit über die ursprünglich vorgesehenen Raumfunktionen hinausgehen.
Für ihre Forschung besucht Pantazopoulou Menschen in ihren Wohnungen und spricht mit ihnen über bevorzugte Räume, Einrichtungsentscheidungen und Gegenstände, die sie aus früheren Familienhaushalten übernommen haben. Das jeweilige Zuhause wird so nicht nur als gebauter Raum, sondern auch als Ort persönlicher und gesellschaftlicher Geschichte sichtbar.
Ein Buch fragt, was ein Haus zum Zuhause macht
Gemeinsam mit Ilaria Palmieri hat Pantazopoulou das Buch „They Asked Me to Design a House, I Asked Them to Design a Home“ verfasst, das im Oktober im Verlag Set Margins erschien. Es nähert sich der Frage nach dem Zuhause aus anthropologischer und feministischer Perspektive und überschreitet damit klassische Formen architektonischer Forschung.
Die Idee entwickelte sich aus der gemeinsamen Forschungs- und Praxisarbeit der beiden Gestalterinnen nach ihrem Abschluss an der Royal Academy of Art in Den Haag. Sie wollten nicht mehr in herkömmlichen Architektur- oder Interior-Design-Büros arbeiten. Stattdessen suchten sie nach einer eigenen Sprache, mit der sich das Leben in Innenräumen und die Bedeutung des Zuhauses untersuchen lassen. Das Projekt führte auch zu weiterer wissenschaftlicher Arbeit.
In einem Gespräch mit dem Reiseportal Travel.gr beschreibt Pantazopoulou, wie früh ihr Wunsch entstand, Architektin zu werden. Schon als Kind habe sie Hausgrundrisse in Zeitschriften studiert und eigene Entwürfe gezeichnet. Während des Architekturstudiums in Patras sei ihre anfängliche Begeisterung jedoch verloren gegangen. Erst im weiterführenden Studium in den Niederlanden habe sie wieder einen Zugang zu ihrem ursprünglichen Interesse gefunden.
Heute gestaltet sie nicht unbedingt selbst Wohnhäuser. Sie untersucht vielmehr die Menschen, ihre Biografien und die Werkzeuge, mit denen Räume entworfen werden. Dazu zählen für sie auch Fantasie, Nostalgie, Erinnerung und mögliche Erfahrungen von Verletzung. Sie hofft, die Erkenntnisse später stärker in praktische Entwürfe einfließen lassen zu können.
Warum Athen für sie mehr ist als Beton
Die Stadt Athen sieht Pantazopoulou kritisch und zugleich mit großer Zuneigung. Das dichte Meer der Wohnhäuser bestimmt für sie das Erscheinungsbild der Hauptstadt mindestens ebenso stark wie ihre bekannten historischen Monumente. Nicht den Gebäudetyp selbst betrachtet sie als das Hauptproblem, sondern die mangelnden Grünflächen und öffentlichen Räume, schwierigen Gehwege und den chaotischen Stadtraum.
Hinzu kommt aus ihrer Sicht die zunehmend schwierige Wohnungssuche in einer Stadt, in der Hotels und kurzfristig vermietete Apartments viel Raum beanspruchen. Auch schnelle, wenig sensible Renovierungen bereiten ihr Sorgen: In Wohnungsanzeigen entdeckt sie nach eigener Darstellung immer wieder ältere Athener Apartments, deren räumliche und architektonische Eigenheiten durch Umbauten verloren gegangen seien.
Die Polykatoikia besitzt nach ihrer Einschätzung dennoch eine entscheidende Stärke. Sie kann sich verändern und unterschiedliche Lebensformen aufnehmen. Diese Anpassungsfähigkeit macht den Wohnhaustyp für Pantazopoulou interessant, auch wenn sie sich fragt, wie lange er unter den heutigen Bedingungen bestehen kann.
Kypseli als kleines Abbild der Stadt
Die Athener Nachbarschaft Kypseli spielt in ihrer Arbeit eine besondere Rolle. Dort begegnen sich Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen; gemeinsam prägen sie Wohnungen, Geschäfte und Straßen. Pantazopoulou beschreibt das Viertel als eine Art Athen im Kleinen, mit der Fokionos-Straße, steilen Wegen, Cafés, der historischen Bar Au Revoir und dem Kaffeehaus Ta Tzoumerka.
Sie verschweigt dabei die alltäglichen Nachteile nicht: Parkplatzsuche, dichter Verkehr und wenig Tageslicht in manchen Wohnungen gehören für sie ebenfalls zu Kypseli. Trotzdem ist gerade die Mischung aus unterschiedlichen Bewohnern, Spuren vergangener Jahrzehnte und gegenwärtigen Veränderungen für ihre Forschung aufschlussreich.
Ihre zentrale Überzeugung lautet, dass Menschen die Architektur einer Stadt mitprägen. Architekten setzen nach ihrem Verständnis häufig die Wünsche derjenigen um, die ein Bauprojekt beauftragen. An Athens gewachsener Bebauung und fehlender übergreifender Stadtplanung lasse sich daher auch etwas über die griechische Gesellschaft ablesen.
Von Lissabon und Sevilla zu bemalten Seidentüchern
Dass Pantazopoulou Städte weniger nach einzelnen Gebäuden als nach ihrer Atmosphäre beurteilt, zeigt sich auch auf ihren Reisen. Besonders gern kehrt sie nach Lissabon zurück; auch Sevilla hat sie beeindruckt. Sie schätzt südliche Städte mit Sonne, Musik, Höhenunterschieden und überraschenden Ausblicken. An Sevilla fasziniert sie insbesondere die starke arabische Prägung im europäischen Stadtraum.
Neben der wissenschaftlichen Arbeit gestaltet Pantazopoulou unter dem Namen Yicha bedruckte Tücher. In ihrem kleinen Atelier in Kypseli entwickelt sie Zeichnungen, die von Menschen, Räumen, Gegenständen und Motiven der griechischen Alltagskultur erzählen. Die Illustrationen verwendet sie auch als Teil ihrer Forschung.
Die Idee, daraus eine eigene Marke zu machen, entstand, als Freunde sie baten, ihre Zeichnungen auf Stoff zu drucken. Der Name Yicha geht auf einen vertrauten Spitznamen zurück, den eine Freundin für die Marke vorgeschlagen hatte. Bei den Materialien achtet Pantazopoulou nach eigenen Angaben besonders auf Qualität und verwendet vor allem Seide aus Soufli und Baumwolle. Künftig möchte sie verstärkt auch Textildesign für Innenräume entwickeln und so ihre gestalterische Arbeit noch enger mit ihrem Interesse am Wohnen verbinden.