Griechenland – Die Zahl der Geburten durch Kaiserschnitt verzeichnet in Griechenland einen beispiellosen Anstieg und erreicht den höchsten Wert in ganz Europa. Nach neuesten Daten der griechischen Statistikbehörde (ELSTAT) stieg der Anteil der operativen Entbindungen im Jahr 2023 auf 62,2 Prozent. Diese Entwicklung alarmiert Fachleute und Gesundheitsorganisationen, da der weltweite Durchschnitt deutlich darunter liegt und ein Großteil der Eingriffe offenbar nicht medizinisch indiziert ist.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Im Jahr 2023 erfolgten 62,2 Prozent aller Geburten in Griechenland per Kaiserschnitt.
- Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt einen Richtwert von maximal 10 bis 25 Prozent.
- Länder wie Spanien (24,7 %) oder Irland (38,6 %) weisen trotz ähnlicher Altersstrukturen der Mütter deutlich niedrigere Raten auf.
- In den Niederlanden, Schweden und Frankreich liegt der Wert bei unter 200 Eingriffen pro 1.000 Geburten.
Demografische Faktoren erklären die Entwicklung nicht
Forscher weisen darauf hin, dass die drastische Zunahme operativer Eingriffe bei Entbindungen in Griechenland nicht allein durch medizinische Faktoren zu rechtfertigen sei. Eine detaillierte Datenanalyse des Demografen Vyron Kotzamanis verdeutlicht, dass weder das durchschnittliche Alter der Mütter noch der Anteil der In-vitro-Fertilisationen die massiven Unterschiede zu anderen europäischen Staaten erklären können. Die Kaiserschnitte in Griechenland hätten sich seit 1990 mehr als verdreifacht.
Der Anteil der Frauen, die im Alter von 40 Jahren oder älter Kinder gebären, weise zwischen Griechenland, Spanien und Irland keine signifikanten Unterschiede auf. Während diese Quote in Griechenland bei 10,65 Prozent liege, verzeichnen Spanien 10,79 Prozent und Irland 11,27 Prozent. Dennoch liege die Kaiserschnittrate auf der iberischen Halbinsel bei lediglich 24,7 Eingriffen pro 100 Geburten. Dies deute nachdrücklich darauf hin, dass in griechischen Kliniken zahlreiche Operationen ohne zwingende Indikation durchgeführt würden.
Warnungen der Weltgesundheitsorganisation und internationale Vergleiche
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beobachtet weltweit einen kontinuierlichen Anstieg der Kaiserschnittraten, die von 6,7 Prozent im Jahr 1990 auf weltweit 22 Prozent im Jahr 2023 geklettert sind. Während diese Entwicklung in weniger entwickelten Ländern teilweise zur Senkung der Mütter- und Säuglingssterblichkeit beitrage, werfe der Trend in hochindustrialisierten Staaten kritische Fragen zur medizinischen Versorgungskultur auf.
Für Griechenland hatte die internationale Gesundheitsbehörde bereits im Jahr 2016 in Zusammenarbeit mit dem griechischen Gesundheitsministerium auf die dringende Notwendigkeit von Gegenmaßnahmen hingewiesen. Damals lag die Quote der operativen Entbindungen bereits bei über 50 Prozent. Wissenschaftler betonen, dass eine Überschreitung der empfohlenen Höchstgrenze darauf hindeute, dass die Methode exzessiv angewandt werde, ohne einen nachweisbaren gesundheitlichen Vorteil für Mutter oder Kind zu bieten.
Belastung für das Gesundheitssystem und geforderte Maßnahmen
Die außergewöhnlich hohe Anzahl an Schnittentbindungen hat weitreichende wirtschaftliche und strukturelle Konsequenzen. Die operativen Eingriffe verursachen deutlich höhere Kosten als natürliche Geburten, was sowohl die finanziellen Ressourcen der Familien als auch die Kassen der staatlichen Gesundheitsversorgung (EOPYY) erheblich belastet. Gleichzeitig warnt die Internationale Föderation für Gynäkologie und Geburtshilfe vor den potenziellen Komplikationen medizinisch nicht notwendiger Operationen.
Experten stufen die derzeitige Entwicklung in Griechenland inzwischen als ernstzunehmendes Problem für die öffentliche Gesundheit ein. Wie Forscher fordern, seien dringende Interventionen notwendig, die sich gezielt an das medizinische Personal sowie an werdende Eltern richten. Um die Zahl der überflüssigen Operationen effektiv zu senken, bedürfe es umfassender Aufklärungskampagnen im gesamten Land. Eine Trendwende sei jedoch nur durch die aktive Einbindung der ärztlichen Berufsverbände möglich, da deren Mitwirkung entscheidend für die Änderung etablierter klinischer Praktiken sei.