Griechenland – Rund 200 junge Geflüchtete sollen ihre Unterkünfte im Rahmen des Integrationsprogramms HELIOS Junior spätestens am 9. November verlassen. Das geht aus einer Mitteilung der Internationalen Organisation für Migration (IOM) an die Betroffenen hervor, die von der Initiative Solidarity With Migrants bekannt gemacht wurde. Mit dem vorzeitigen Ende des Programms verlieren ehemalige unbegleitete minderjährige Geflüchtete eine wichtige Unterstützung beim Übergang in ein selbstständiges Leben.
Die Betroffenen sind zwischen 18 und 21 Jahre alt. Nach der Ankündigung bleibt offen, wo sie nach dem Auszug unterkommen und welche Hilfen ihnen noch zur Verfügung stehen. Einige von ihnen hatten erst vor etwa zwei Monaten begonnen, Leistungen aus dem Programm zu erhalten.
Wohnraum, 150 Euro im Monat und Hilfe beim Berufseinstieg
HELIOS Junior wurde im Oktober 2024 ins Leben gerufen. Geplant war, insgesamt 2.000 ehemalige unbegleitete Minderjährige im Alter von 18 bis 21 Jahren auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit zu unterstützen. Tatsächlich erreichte das Angebot Schätzungen zufolge nur etwas mehr als 400 junge Menschen.
Das Programm sah eine Unterkunft für bis zu 18 Monate und eine mit monatlich 150 Euro aufgeladene Prepaidkarte für 16 Monate vor. Das Geld war für grundlegende Ausgaben bestimmt: Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Hygieneartikel, Kommunikation, Fahrten am Wohnort sowie einfache Schul- und Arzneimittelkosten.
Hinzu kamen Beratung und Informationen über weitere Hilfsangebote. Die Teilnehmenden sollten Zugang zu Griechischkursen, beruflicher Qualifizierung und Arbeitsvermittlung erhalten. Auch bei der Anerkennung beziehungsweise Bescheinigung von Kenntnissen und Fähigkeiten war Unterstützung vorgesehen, abgestimmt auf einen individuellen Integrationsplan.
Diese Begleitung sollte eine Lücke schließen, die gerade für junge Menschen ohne familiären Rückhalt beim Erreichen der Volljährigkeit entstehen kann. Mit dem Auslaufen der Unterstützung entfällt für die derzeitigen Teilnehmenden nicht nur die Unterkunft, sondern auch der geplante Übergang in eine eigenständige Lebensführung.
Streit um die Finanzierung und das vorzeitige Ende
Die IOM begründete die Einstellung in ihrer Nachricht an die Betroffenen nach den vorliegenden Angaben mit unzureichenden Mitteln für eine Fortsetzung. Zugleich wirft das Ende des Programms Fragen auf: Nach Recherchen des griechischen Nachrichtenportals in.gr waren dafür Mittel aus dem europäischen Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds vorgesehen. Warum das Angebot dennoch vorzeitig beendet wird, geht aus der Begründung der IOM nicht hervor.
Die Initiative Solidarity With Migrants hatte bereits Mitte Oktober auf eine mögliche abrupte Einstellung aufmerksam gemacht. Sie führt die Entscheidung auf Gespräche zwischen der IOM und dem griechischen Ministerium für Migration und Asyl zurück. Die IOM beantwortete die Fragen des Nachrichtenportals zu den Hintergründen nach dessen Angaben nicht.
Das Ministerium bestätigte gegenüber in.gr das Ende von HELIOS Junior und ordnete es in einen grundsätzlichen Kurswechsel ein. Wie Migrationsminister Thanos Plevris angekündigt habe, würden sämtliche Programme zur Bezuschussung von Wohnraum für Migranten eingeschränkt. In diesem Rahmen sei auch HELIOS Junior zusammen mit anderen Wohnprogrammen beendet worden.
Nach Angaben des Ministeriums wurden oder werden zudem insgesamt 30 Unterbringungseinrichtungen und Wohnungen, vor allem im Zentrum von Athen, bis zum Jahresende geschlossen. Der Schwerpunkt der Integrationspolitik liege künftig auf dem Erwerb von Berufserfahrung und dem Erlernen der griechischen Sprache statt auf Wohnkostenzuschüssen. Eine konkrete Antwort auf die Fragen nach der vorgesehenen Finanzierung und der weiteren Unterbringung der betroffenen jungen Erwachsenen enthielt die Stellungnahme nicht.
Kritik von Flüchtlingshelfern und einer früheren Staatssekretärin
Lefteris Papagiannakis, Direktor des Griechischen Flüchtlingsrats, kritisierte gegenüber in.gr die Schließung. Er sieht sie als Teil einer restriktiven Migrationspolitik, zu der er unter anderem Zurückweisungen, faktische Inhaftierung, Einschränkungen von Dienstleistungen und die Schließung von Unterkünften für unbegleitete Minderjährige zählt. Diese Bewertung ist seine politische Einordnung der Maßnahmen.
Auch die frühere stellvertretende Migrationsministerin Sofia Voultepsi, unter deren Verantwortung HELIOS Junior als neuartiges Integrationsangebot vorgestellt worden war, betonte gegenüber in.gr die Bedeutung des Programms. Es habe jungen Menschen einen geordneten Übergang ins Erwachsenenleben ermöglichen sollen. Bildung und Schutz vor organisierter Kriminalität sowie Radikalisierung seien sowohl für die Betroffenen als auch für die griechische Gesellschaft wichtig.
Bei der Einführung war insbesondere die Integration dieser besonders verletzlichen Gruppe in den Arbeitsmarkt hervorgehoben worden. Das Ministerium hatte damals außerdem auf die 2020 unter Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis geschaffene Sonderverwaltung zum Schutz unbegleiteter Minderjähriger verwiesen.
Die Kritik berührt auch die allgemeine Kinder- und Jugendhilfe in Griechenland: in.gr hatte zuvor über Probleme bei Projekten für Jugendliche aus Einrichtungen und Krankenhäusern berichtet, darunter ein Angebot zum halbautonomen Wohnen sowie weitere Vorhaben, die mit Mitteln aus dem europäischen Aufbau- und Resilienzfonds vorgesehen waren.
Für die rund 200 derzeitigen Teilnehmenden von HELIOS Junior ist die unmittelbare Frage jedoch konkreter: Bis zum 9. November sollen sie ausziehen. Ein Ersatz für die bisherige Unterkunft und die begleitenden Leistungen wurde in den mitgeteilten Stellungnahmen nicht benannt.
Mit Informationen von: Internationale Organisation für Migration (IOM), griechisches Ministerium für Migration und Asyl, Griechischer Flüchtlingsrat.