Griechenland – Mehr als 400.000 Haushalte geraten durch ihre Gesundheitsausgaben finanziell unter erheblichen Druck. Nach Daten für 2023 waren 404.418 Haushalte betroffen, das entspricht 9,5 Prozent aller Haushalte. Für rund eine Million Menschen können die Kosten für Medikamente, Behandlungen und Untersuchungen damit die Deckung grundlegender Lebensbedürfnisse gefährden. Die Ergebnisse wurden beim 15. Panhellenischen Patientenkongress vorgestellt.
Weitere 302.249 Haushalte, knapp sieben Prozent, wurden durch Gesundheitsausgaben in Armut gedrängt, gerieten noch tiefer in finanzielle Not oder näherten sich der Armutsgrenze. Beide Gruppen überschneiden sich: Ein Haushalt kann gleichzeitig von sogenannten katastrophalen und von verarmenden Gesundheitskosten betroffen sein. Grundlage der Angaben ist eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Michalis Chletsos und Charalambos Oikonomou, Professor für Soziologie und Gesundheitspolitik an der Panteion-Universität, erarbeitet haben.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Fast jeder dritte Haushalt im ärmsten Einkommensfünftel war 2023 von katastrophalen Gesundheitsausgaben betroffen.
- Direkte Zahlungen der Patienten machten 34,4 Prozent aller Gesundheitsausgaben in Griechenland aus, in der EU durchschnittlich 15,5 Prozent.
- 21,9 Prozent der Personen mit medizinischem Behandlungsbedarf konnten diesen 2024 wegen Kosten, Wartezeiten oder Entfernung nicht decken.
Wann medizinische Rechnungen die Existenz gefährden
Nach der WHO-Methodik gelten direkte Gesundheitszahlungen als katastrophal, wenn sie mehr als 40 Prozent der finanziellen Leistungsfähigkeit eines Haushalts ausmachen, nachdem Ausgaben für Grundbedürfnisse wie Essen, Wohnen und Energie berücksichtigt wurden. Entscheidend ist daher nicht allein die Höhe der Rechnung: Für eine Familie mit geringem verfügbaren Einkommen können auch niedrigere Beträge existenzbedrohend sein.
Die Folgen reichen vom Aufbrauchen von Ersparnissen über Kredite und den Verkauf von Eigentum bis zum Verzicht auf andere notwendige Ausgaben. Hinzu kommt das Risiko, dass Betroffene notwendige Untersuchungen und Behandlungen verschieben, weil sie diese nicht bezahlen können. Die WHO-Studie zur finanziellen Absicherung von Patienten in Griechenland untersucht diese Belastungen.
Medikamente belasten ärmere Familien besonders stark
Von den katastrophalen Gesundheitsausgaben entfallen insgesamt 36 Prozent auf Krankenhausbehandlungen, 34 Prozent auf Medikamente und rund 14 Prozent auf Zahnbehandlungen. Der Rest verteilt sich vor allem auf ambulante Arztbesuche, Diagnostik und medizinische Produkte. Es handelt sich um die Anteile an den Ausgaben, nicht um den Anteil der Haushalte, die die jeweilige Leistung benötigen.
Im ärmsten Einkommensfünftel entfallen 57 Prozent der katastrophalen Ausgaben auf Medikamente und etwa 18 Prozent auf ambulante Behandlungen. In den mittleren Einkommensgruppen machen Medikamente rund 40 Prozent aus, gefolgt von Klinikaufenthalten mit 21 Prozent und Zahnbehandlungen mit 20,5 Prozent. Im reichsten Fünftel der betroffenen Haushalte hängen hingegen nahezu zwei Drittel der entsprechenden Ausgaben mit stationärer Behandlung zusammen.
Die ungleiche Verteilung zeigt sich noch deutlicher beim Gesamtrisiko. Nach den von Oikonomou vorgestellten Zahlen gehören rund 63 Prozent aller von katastrophalen Ausgaben betroffenen Haushalte zum ärmsten Einkommensfünftel. Dort traf das Problem 2023 fast jeden dritten Haushalt, im reichsten Fünftel dagegen nur drei Prozent.
Auch das Alter spielt eine große Rolle. Bei Haushalten mit einer Person im Ruhestand oder über 60 Jahren als Haushaltsvorstand liegt die Betroffenenquote bei 15 Prozent, bei solchen mit arbeitslosem Haushaltsvorstand bei 14 Prozent. Etwa 80 Prozent der Haushalte mit katastrophalen Ausgaben werden von Menschen über 60 geführt. Rentner, ältere Menschen, Arbeitslose und wirtschaftlich nicht aktive Personen gehören damit zu den besonders gefährdeten Gruppen.
In Griechenland zahlen Patienten deutlich mehr selbst als im EU-Schnitt
Laut dem Gesundheitsprofil Griechenlands 2025, erstellt von OECD und Europäischem Observatorium für Gesundheitssysteme und Gesundheitspolitik, machten direkte private Zahlungen 2023 genau 34,4 Prozent aller Gesundheitsausgaben aus. Der EU-Durchschnitt lag bei 15,5 Prozent. Öffentliche und verpflichtende Finanzierung deckte in Griechenland 60,9 Prozent der Gesamtkosten, gegenüber 80 Prozent im Durchschnitt der EU. Die Quote der Haushalte mit katastrophalen Gesundheitsausgaben lag mit 9,5 Prozent über dem angegebenen europäischen Durchschnitt von 6,4 Prozent.
Eine weitere Entwicklung betrifft Arzneimittel. Nach einer Untersuchung, die Antonis Karokis, Leiter der Unternehmensangelegenheiten des Pharmaunternehmens MSD, auf dem Kongress vorstellte, stiegen die direkten Zahlungen der Patienten für Medikamente von 416 Millionen Euro 2012 auf geschätzte 810 Millionen Euro 2024. Neben regulären Eigenbeteiligungen von beispielsweise zehn oder 25 Prozent müssen Patienten teilweise die Differenz zwischen Apothekenpreis und dem vom öffentlichen Krankenversicherer EOPYY anerkannten Erstattungspreis zahlen.
Als Beispiel wurde die Behandlung eines Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes und erhöhten Cholesterinwerten genannt: Bei jährlichen Medikamentenkosten von 1.980 Euro beträgt seine Eigenbelastung 396 Euro. Laut dem von MSD präsentierten Vergleich liegt die entsprechende Belastung nahezu dreimal so hoch wie im europäischen Durchschnitt und mindestens viermal so hoch wie in Deutschland.
Nach Schätzungen von MSD könnte eine unzureichende regelmäßige Einnahme notwendiger Medikamente mit 2,4 bis 6,5 Prozent mehr Krankenhausaufenthalten zusammenhängen. Als potenziell vermeidbare zusätzliche Krankenhauskosten wurden etwa 500 Millionen Euro genannt. Diese Werte sind Schätzungen des Unternehmens und keine nachgewiesenen Einsparungen.
Jeder fünfte Behandlungsbedarf bleibt unerfüllt
Nicht jeder Patient, der eine Behandlung benötigt, kann sie tatsächlich wahrnehmen. Nach den Eurostat-Daten für 2024 verzeichnete Griechenland den höchsten Anteil nicht gedeckter medizinischer Bedürfnisse in der EU: 21,9 Prozent der Menschen mit entsprechendem Bedarf nannten Kosten, lange Wartezeiten oder große Entfernungen als Hindernis. EU-weit lag der Anteil bei 3,6 Prozent.
Unter Menschen mit Armutsrisiko stieg die Quote in Griechenland auf 32,3 Prozent, gegenüber sechs Prozent in der EU. Bei zahnmedizinischen Leistungen konnten 27,1 Prozent der Personen mit Bedarf keine entsprechende Versorgung erhalten. Unter armutsgefährdeten Menschen waren es sogar 52,8 Prozent. Die finanziellen Folgen zeigen sich also auch in Leistungen, die Patienten auslassen und deshalb gar nicht erst bezahlen.
Die Situation chronisch Erkrankter verdeutlichen vorläufige Studienergebnisse zu Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. 97 Prozent der Teilnehmenden berichteten von privaten Gesundheitskosten; im Durchschnitt lagen sie bei 354 Euro im Monat. Vier von zehn gaben mehr als ein Viertel ihres Einkommens für krankheitsbedingte Bedürfnisse aus. Neben Medikamenten und Untersuchungen zählen dazu psychologische Unterstützung, Ernährungsberatung und Fahrten zu medizinischen Einrichtungen.
Memi Tsekoura, Vorsitzende der griechischen Patientenvereinigung, wies auf solche indirekten Belastungen hin. Selbst eine kostenlose Vorsorgeuntersuchung könne für jemanden unerreichbar sein, der die Fahrt nicht bezahlen könne. Krankheit kann außerdem die Erwerbstätigkeit der Patienten oder ihrer pflegenden Angehörigen einschränken.
Welche Änderungen diskutiert werden
Die WHO empfiehlt unter anderem mehr Befreiungen von Zuzahlungen bei niedrigen Einkommen, jährliche Obergrenzen für Eigenzahlungen abhängig von der finanziellen Leistungsfähigkeit sowie niedrige feste Beträge anstelle bestimmter prozentualer Beteiligungen. Weitere Vorschläge betreffen eine bessere öffentliche Finanzierung von Zahnmedizin, ambulanten und langfristigen Pflegeleistungen sowie Maßnahmen gegen lange Wartezeiten und informelle Zahlungen. Der Zugang zum vollen Leistungspaket soll stärker an den Wohnsitz als ausschließlich an Versicherungsbeiträge gekoppelt werden.
MSD stellte zwei Alternativen für Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen vor: Eine Senkung der Medikamenten-Eigenbeteiligung auf zehn Prozent würde nach Unternehmensschätzung jährlich 120 Millionen Euro kosten. Eine Obergrenze von 250 Euro Eigenzahlungen pro Jahr wurde mit 160 Millionen Euro beziffert. Daneben wurde eine mögliche Einsparung von etwa 170 Millionen Euro durch höhere zulässige Arzneimittelrabatte diskutiert. Diese Modelle sind Vorschläge und Berechnungen aus der Pharmabranche, keine bereits beschlossenen Maßnahmen.
Der Leiter des EOPYY, Athanasios Zamanis, teilte mit, dass die Überarbeitung der einheitlichen Regelung für Gesundheitsleistungen läuft. Die Bearbeitung soll im November 2026 abgeschlossen werden. Zudem stellte er ein Programm zur vorbeugenden Zahnversorgung von Kindern mit geplantem Beginn Anfang 2027 in Aussicht.
Der langfristige Trend unterstreicht den Handlungsbedarf: Der Anteil der Haushalte mit katastrophalen Gesundheitsausgaben stieg von 7,2 Prozent im Jahr 2008 auf 10,5 Prozent 2015 und 10,6 Prozent 2020. Trotz des Rückgangs auf 9,5 Prozent im Jahr 2023 liegt er weiter über dem Vorkrisenstand. Oikonomou verband die Entwicklung mit Einschnitten in die öffentliche Finanzierung während der Schuldenkrise, höheren Eigenbeteiligungen und eingeschränktem Zugang zu einzelnen Leistungen. Die WHO-Studie sieht für die ärmsten Haushalte weiterhin Schwierigkeiten, die mit der Hochphase der Krise vergleichbar sind.
Mit Informationen von: Weltgesundheitsorganisation (WHO), OECD, Europäisches Observatorium für Gesundheitssysteme und Gesundheitspolitik, Eurostat, MSD, Griechische Patientenvereinigung, EOPYY.