Europa – Die klassischen Rollenbilder innerhalb der Europäischen Union haben sich gedreht: Nicht der vermeintlich ausgabenfreudige Süden, sondern der wirtschaftlich starke Norden weist die höchste private Verschuldung auf. Wie aktuelle Daten von Eurostat für das Jahr 2025 zeigen, liegen die am stärksten verschuldeten Haushalte vor allem in West- und Nordeuropa, während Länder wie Griechenland und Italien weit unter dem europäischen Durchschnitt bleiben.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die private Verschuldung in der EU sank 2025 auf durchschnittlich 49,4 Prozent des BIP.
- Deutschland liegt mit 49,0 Prozent aufgrund des starken Mietmarktes knapp unter dem europäischen Schnitt.
- Griechische Haushalte weisen mit nur 38,0 Prozent eine der niedrigsten Schuldenquoten in Europa auf.
Das Nord-Süd-Paradoxon der privaten Verschuldung
Laut den veröffentlichten Daten betrug die Verschuldung der Haushalte im Jahr 2025 in der gesamten EU 49,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und in der Eurozone 50,7 Prozent. Beide Indikatoren verzeichnen seit 2020, als sie noch bei über 60 Prozent lagen, einen stetigen Rückgang. Der Indikator erfasst nicht die absolute Schuldenlast einzelner Haushalte, sondern setzt die gesamten privaten Verbindlichkeiten ins Verhältnis zur nationalen Wirtschaftsleistung. Die Europäische Kommission definiert einen Wert von 55 Prozent des BIP als Schwelle, ab der die private Kreditaufnahme zu einem makroökonomischen Risiko werden kann.
Derzeit überschreiten sieben EU-Mitgliedstaaten diese Sicherheitsgrenze – sie alle befinden sich im Norden und Westen des Kontinents. Der europäische Süden hingegen verzeichnet trotz historisch hoher Staatsschulden eine äußerst zurückhaltende private Kreditaufnahme. So schulden die italienischen Haushalte lediglich 35,9 Prozent des BIP, die griechischen 38,0 Prozent und die spanischen 42,9 Prozent. Private Haushalte in Südeuropa agieren bei der Kreditaufnahme deutlich konservativer als die Bürger in den nördlichen Mitgliedsstaaten.
Immobilienmärkte als Haupttreiber im Norden
Hohe private Schulden sind nicht zwingend ein Indikator für eine instabile Wirtschaft. Sie treten häufig in Ländern mit weit entwickelten Hypothekenmärkten und hohen Eigenheimquoten auf. Die Niederlande führen die europäische Liste mit einer Quote von 93,5 Prozent des BIP an. Die niederländische Zentralbank führt diese Spitzenposition auf staatliche Anreize für Hypothekendarlehen zurück, wie etwa Steuervergünstigungen und laxe Kriterien, die eine Finanzierung von bis zu 100 Prozent des Immobilienwerts erlauben. Diese Verbindlichkeiten werden dort durch hohe Pensionsfonds und beträchtliches privates Vermögen ausbalanciert.
Auf den Rängen zwei und drei folgen Dänemark (84,1 Prozent) und Schweden (82,3 Prozent). In Schweden dominiert die Vergabe von Krediten mit variablen Zinsen, was die privaten Haushalte besonders anfällig für Zinsänderungen der Europäischen Zentralbank macht. In Finnland (62,9 Prozent) stammt die Verschuldung fast ausschließlich aus dem Immobiliensektor, wobei gemeinschaftliche Kredite für den Bau oder Unterhalt von Wohnanlagen die Quote zusätzlich nach oben treiben.
Warum Deutschland und Frankreich abweichen
Deutschland belegt mit 49,0 Prozent den zehnten Platz und nähert sich damit dem EU-Durchschnitt an. Der vergleichsweise niedrige Wert der größten europäischen Volkswirtschaft erklärt sich primär durch die geringe Wohneigentumsquote, die im Jahr 2022 bei lediglich 46,7 Prozent lag. Ein dominanter Mietmarkt, regulierte Wohnkosten und das Fehlen von Steuervergünstigungen für Hypothekenzinsen bei Eigennutzung hielten den Bedarf an hohen Bankkrediten traditionell in Grenzen.
In Frankreich (59,5 Prozent) wird der Kreditmarkt von festverzinslichen Darlehen dominiert. Die französische Zentralbank setzt strenge Vergaberichtlinien durch: Die monatliche Kreditrate darf in der Regel ein Drittel des Nettoeinkommens der Kreditnehmer nicht überschreiten, was eine unkontrollierte Überschuldung verhindert.
Zypern und Portugal verzeichnen besondere Entwicklungen
Im südlichen Europa fallen lediglich zwei Staaten durch höhere Quoten auf. In Zypern (54,2 Prozent) verzeichnet der Index laut der zypriotischen Zentralbank seit Dezember 2016 einen Rückgang um rund 62 Prozent. Allerdings bestehen 34 Prozent der aktuellen Gesamtschulden aus alten, notleidenden Krediten, die sich in den Portfolios von Kreditaufkäufern befinden und nur schrittweise abgebaut werden.
In Portugal (53,9 Prozent) erreichte die private Verschuldung Ende 2025 rund 171 Milliarden Euro, was einem jährlichen Zuwachs von 8,6 Prozent entspricht. Getrieben wird diese Entwicklung durch eine massive Preissteigerung auf dem Immobilienmarkt. Da in Portugal über 90 Prozent der Hypotheken an den Euribor gekoppelt sind und somit variable oder gemischte Zinsen aufweisen, stuft das System die portugiesischen Kreditnehmer als besonders sensibel gegenüber geldpolitischen Zinsanpassungen ein.