Griechenland – Die Europäische Kommission stellt dem Land in ihrem aktuellen Bericht zur sozialen Konvergenz ein äußerst kritisches Zeugnis aus. Trotz einer gestiegenen Beschäftigungsquote im Jahr 2024 steht Griechenland beim Thema soziale Absicherung vor massiven Herausforderungen, die sich in einer anhaltend hohen Armutsgefährdung, extremer Belastung durch Wohnkosten und erheblichen strukturellen Mängeln im Gesundheitssystem äußern.
Der Bericht, der auf eine erste Untersuchung im vergangenen Herbst folgt, analysiert detailliert die soziale Lage in neun Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Dabei zeigt sich, dass die bisherigen wirtschaftlichen Erholungsphasen nicht ausreichen, um die tiefgreifenden Ungleichheiten im Land zu beseitigen. Die unzureichende Wirksamkeit von staatlichen Transferleistungen, gepaart mit einer anhaltenden Einkommensschwäche, drängt weiterhin weite Teile der Gesellschaft an den Rand des sozialen Ausschlusses.
Das Wichtigste auf einen Blick
- 26,9 Prozent der Bevölkerung sind aktuell von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.
- Die Wohnkosten verschlingen im Durchschnitt 35,5 Prozent des verfügbaren Einkommens.
- Sozialtransfers reduzieren das Armutsrisiko lediglich um 16,6 Prozent.
- Mehr als 12 Prozent der Bürger haben ungedeckte medizinische Bedürfnisse.
- Das verfügbare Haushaltseinkommen liegt immer noch 15,9 Prozent unter dem Niveau von 2008.
Steigendes Armutsrisiko und unwirksame Sozialleistungen
Nach einem fast zehnjährigen Rückgang hat sich die soziale Lage wieder spürbar verschärft. Im Jahr 2024 stieg die Quote der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Personen um 0,8 Prozentpunkte an. Konkret bedeutet dies, dass 86.000 weitere Menschen in die Armutsgefährdung abgerutscht sind, womit die Gesamtquote nun bei 26,9 Prozent liegt. Diese Entwicklung macht einen Teil der in den Vorjahren erzielten Fortschritte zunichte und hält das Land im europäischen Spitzenfeld der negativen Sozialstatistiken.
Besonders alarmierend ist die Situation bei Minderjährigen. Die Kinderarmut liegt mit 27,9 Prozent sogar noch einen ganzen Prozentpunkt über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Gleichzeitig verliert das staatliche Auffangnetz massiv an Wirkung. Staatliche Sozialtransfers, bei denen die Rentenzahlungen nicht mitgerechnet werden, konnten die Armut zuletzt nur noch um 16,6 Prozent senken. Dieser Wert fällt seit 2020 kontinuierlich und erreicht nicht einmal die Hälfte des EU-Durchschnitts von 34,1 Prozent, was maßgeblich auf die fehlende Anpassung der Leistungen an die Inflation zurückzuführen ist.
Um diese Lücken zu schließen, stützt sich der Staat primär auf temporäre Ad-hoc-Maßnahmen. Dazu zählen Energiesubventionen, eine kürzlich eingeführte jährliche Mietrückerstattung für gefährdete Mieter sowie ein jährlicher Bonus für Rentner, die bestimmte Einkommensgrenzen unterschreiten. Diese finanziellen Hilfen lindern die Not zwar kurzfristig, beheben jedoch nicht die strukturellen Defizite in der sozialen Grundsicherung.
Massive Belastung durch Wohnkosten und medizinische Lücken
Die Bezahlbarkeit von Wohnraum hat sich zu einer der drängendsten sozialen Krisen entwickelt. Durchschnittlich müssen griechische Haushalte 35,5 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für das Wohnen aufwenden. Im restlichen Europa liegt dieser Wert bei lediglich 19,2 Prozent. Noch dramatischer ist die Lage für fast ein Drittel der Bevölkerung: 28,9 Prozent der Menschen leben in Haushalten, in denen die Wohnkosten mehr als 40 Prozent des Budgets verschlingen. Dies entspricht mehr als dem Dreifachen des europäischen Durchschnitts von 8,2 Prozent.
Auch beim Zugang zu grundlegender Versorgung bestehen gravierende Engpässe. Die Zahl der Menschen mit ungedecktem medizinischem Bedarf steigt seit 2022 kontinuierlich an und erreichte zuletzt 12,1 Prozent. Im europäischen Vergleich, wo dieser Wert bei durchschnittlich 2,5 Prozent liegt, offenbart dies erhebliche Mängel im öffentlichen Gesundheitssystem. Um gegenzusteuern, fließen über den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung im Förderzeitraum 2021 bis 2027 gezielte Mittel in die primäre Gesundheitsversorgung.
Kaufkraftverlust und Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt
Obwohl die Beschäftigungszahlen zuletzt gestiegen sind, bleibt die wirtschaftliche Realität der privaten Haushalte angespannt. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Kaufkraftstandards liegt bei lediglich 70 Prozent des europäischen Mittelwerts. Gravierender ist jedoch die langfristige Einkommensentwicklung: Das reale verfügbare Bruttohaushaltseinkommen liegt weiterhin 15,9 Prozent unter dem Niveau von 2008, während es in der übrigen EU im selben Zeitraum um 14,3 Prozent gestiegen ist.
Der Arbeitsmarkt ist zudem von einer geringen qualitativen Absicherung geprägt. Der Anteil der Geringverdiener beläuft sich auf 21,7 Prozent, was unmittelbar zu einer überdurchschnittlich hohen Armutsquote unter Erwerbstätigen von 10,5 Prozent führt. Diese sogenannte “In-work-poverty” trifft insbesondere Beschäftigte in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen sowie Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern hart. Die hohe Abhängigkeit vom Tourismussektor führt häufig zu atypischen Arbeitszeiten über viele Wochen hinweg.
Erschwert wird die tarifliche Absicherung durch einen schwachen sozialen Dialog. Mit einer Tarifbindungsquote von lediglich 13,1 Prozent aus dem Jahr 2017 verfügt das Land über einen der schwächsten gewerkschaftlichen Schutzmechanismen in Europa, zumal viele Vereinbarungen nicht allgemeinverbindlich sind. Darüber hinaus weisen Bildung und Weiterbildung strukturelle Schwächen auf, da viele Schüler Mindeststandards bei grundlegenden und digitalen Fähigkeiten verfehlen. Die Erkenntnisse dieses Berichts werden in den Ausschüssen für Beschäftigung und Sozialschutz diskutiert und fließen in das Europäische Semester ein, um gezielte Gegenmaßnahmen zu formulieren.