Ägypten – Ein Forscherteam hat in der archäologischen Stätte von Al-Bahnasa eine außergewöhnliche Entdeckung gemacht: Im Magen einer rund 1600 Jahre alten Mumie aus der römischen Epoche wurde ein Papyrus mit einem Auszug aus Homers Ilias gefunden. Dieser Fund stellt das erste bekannte Mal dar, dass ein griechischer literarischer Text als fester Bestandteil in den Mumifizierungsprozess eines Leichnams integriert wurde.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Archäologen fanden ein Fragment der griechischen Ilias im Körper einer Mumie.
- Die Entdeckung ereignete sich bei Ausgrabungen in der antiken Metropole Oxyrhynchus.
- Bisherige Papyrusfunde in ägyptischen Mumien wiesen ausschließlich magische Inhalte auf.
- Die Mumifizierung in der Römerzeit kombinierte ägyptische, griechische und römische Rituale.
Der Sensationsfund in Oxyrhynchus und die historische Bedeutung
Laut einem Bericht der britischen Zeitung Independent stießen die Wissenschaftler des Instituts für Studien des Alten Orients der Universität Barcelona während einer Ausgrabungskampagne zwischen November und Dezember 2025 auf das seltene Relikt. Die archäologischen Arbeiten konzentrierten sich auf die Überreste der antiken Stadt Oxyrhynchus, die zur Zeit der Pharaonen unter dem Namen Per-Medjed bekannt war. Diese Metropole befand sich in der heutigen Ortschaft Al-Bahnasa, rund 190 Kilometer südlich von Kairo am Ufer des Nebenflusses Bahr Yusef.
Wie die Forscher feststellten, barg die untersuchte Mumie ein höchst ungewöhnliches Detail für diese Epoche. In ihrer Bauchhöhle war gezielt ein Papyrus platziert worden, der direkt für den rituellen Einbalsamierungsprozess verwendet wurde. Die antike Stätte galt bereits als eines der wichtigsten Zentren der griechisch-römischen Zeit in Ägypten, doch diese Entdeckung liefert völlig neue Erkenntnisse über die lokalen Begräbnispraktiken jener Ära.
Einzigartige Verwendung der griechischen Literatur im Grabritual
Bereits in der Vergangenheit hatten Archäologen ägyptische Mumien geborgen, die in griechischer Sprache verfasste Schriftstücke enthielten. Diese Funde beschränkten sich jedoch ausnahmslos auf magische oder rituelle Beschwörungsformeln. Ignasi-Xavier Adiego, Professor am Fachbereich für Klassische, Romanische und Semitische Sprachen, betonte die Singularität der Entdeckung. Es sei zwar nicht das erste Mal, dass man gefaltete, versiegelte und in den Körper integrierte Papyri finde, jedoch sei der Inhalt bisher überwiegend magischer Natur gewesen.
Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde in Oxyrhynchus eine immense Anzahl von antiken Schriften freigelegt, darunter auch bedeutende Literatur. Die eigentliche Innovation besteht nun darin, dass erstmals ein klassisches literarisches Werk in einem direkten Grabkontext auftaucht. Die Identifizierung ergab, dass es sich um einen Teil des sogenannten Schiffskatalogs aus Homers Epos handelt, welcher die griechischen Streitkräfte vor den Toren Trojas auflistet. Über die genauen Beweggründe, warum die Priester ausgerechnet diesen Text für die Konservierung des Leichnams auswählten, herrscht unter den Forschern derzeit noch Unklarheit.
Die komplexen Mumifizierungsmethoden der römischen Epoche
Die Bestattungsrituale in Oxyrhynchus während der Römerzeit zeichneten sich durch eine intensive Verschmelzung ägyptischer, griechischer und römischer Traditionen aus. Die altägyptischen Priester legten den Schwerpunkt auf eine mehr als 40 Tage andauernde Konservierung der Körper. Dabei setzten sie die chemische Substanz Natron ein, um dem Gewebe die Feuchtigkeit zu entziehen, und hüllten die Verstorbenen anschließend in feines Leinen.
Bemerkenswert ist die bewusste Abkehr von der klassischen Aufbewahrung der inneren Organe. Anstatt traditionelle Kanopengefäße zu nutzen, füllten die Balsamierer den Körperhohlraum mit konservierenden Materialien sowie Papyri, die mit Ton versiegelt im Brustkorb oder in der Beckenhöhle platziert wurden. Die äußere Gestaltung der Särge und der Bandagen spiegelte oftmals eine Kombination aus ägyptischen und römischen Motiven wider.
Bislang konnten die Ausgrabungsteams vor Ort drei große Kalksteinkammern freilegen, die Mumien aus der Römerzeit sowie kunstvoll dekorierte Holzsarkophage beherbergen. Vorangegangene archäologische Expeditionen in der antiken Stadt hatten bereits 52 Mumien aus der ptolemäischen Zeit zutage gefördert. Mehr als ein Dutzend dieser Leichname war mit einer goldenen Zunge ausgestattet worden, was als symbolische Vorbereitung auf das Leben im Jenseits galt.