Griechenland – Fast ein halbes Jahrhundert lang galt Gyaros als verbotenes Territorium. Weit abseits der touristischen Ströme der Kykladen, ohne Hotels, reguläre Fährverbindungen oder dauerhafte Bewohner, fristete das Eiland ein Dasein als isolierter Ort der Verbannung und militärischen Nutzung. Ein aktueller Bericht der britischen BBC, deren Journalisten die Insel kürzlich besuchten, beleuchtet nun die erstaunliche Transformation dieser einstigen “Teufelsinsel” zu einem unberührten Refugium für seltene Wildtiere und marine Ökosysteme.
Nähert man sich Gyaros heute mit dem Boot, präsentiert sich eine karge, unberührte Landschaft im Ägäischen Meer. Zwischen Geröll, niedrigen Sträuchern und schroffen Küstenabschnitten thront unübersehbar ein massiver roter Backsteinbau. Es ist das alte Gefängnisgebäude, das der Insel ihren düsteren Spitznamen einbrachte. Nur eine halbe Bootsstunde von der lebhaften Verwaltungsinsel Syros entfernt, bildet Gyaros einen extremen Kontrast zu den benachbarten Tourismushochburgen wie Mykonos oder Andros. Die jahrzehntelange absolute Isolation, einst als harte Bestrafung gedacht, entpuppte sich letztlich als größter Segen für die lokale Flora und Fauna.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Rund 20.000 Menschen passierten während politischer Unruhen und der Diktatur das Gefangenenlager auf Gyaros.
- Im Jahr 2019 wurde die Insel offiziell zum ersten Meeresschutzgebiet (MPA) ihrer Art in der Region deklariert.
- Das Eiland beheimatet die weltweit zweitgrößte Kolonie des Mittelmeer-Sturmtauchers und schützt etwa 15 Prozent der globalen Population.
Das dunkle Erbe der “Teufelsinsel” in der Ägäis
Die Geschichte von Gyaros ist untrennbar mit den dunkelsten Kapiteln der modernen griechischen Historie verbunden. Obwohl die Insel bereits in der Antike als Verbannungsort genutzt wurde, begann die systematischste Phase der Inhaftierungen im Jahr 1948. Der griechische Staat enteignete damals die verbliebenen 31 Inselbewohner und wandelte das Eiland in ein gigantisches Internierungslager um. Während des Griechischen Bürgerkriegs und in den darauffolgenden Wellen politischer Repressionen wurden mehr als 20.000 Menschen nach Gyaros deportiert, darunter politische Gefangene, Kommunisten, Studenten, Schriftsteller und Künstler.
Unter extremen Witterungsbedingungen, der Sommerhitze und der winterlichen Kälte schutzlos in Zelten ausgeliefert, wurden die Häftlinge zur Errichtung eben jenes Gefängnisses gezwungen, in dem sie festgehalten werden sollten. Eine zweite große Inhaftierungswelle ereignete sich während der Militärdiktatur der Obristen zwischen 1967 und 1974. Nach dem Sturz der Junta übernahm die griechische Marine die Insel und nutzte sie bis 2002 als militärisches Schießgebiet. Diese langanhaltende Sperrzone verhinderte jegliche zivile oder touristische Entwicklung.
Eine zufällige Fotografie verändert das Schicksal
Mit dem Ende der militärischen Übungen berichteten Fischer zunehmend von Sichtungen der extrem seltenen Mittelmeer-Mönchsrobbe rund um Gyaros. Den Wendepunkt markierte das Jahr 2004, als ein Sportfischer mit seiner Kamera eine Robbenmutter samt Jungtier offen an einem Strand der Insel dokumentierte. Panos Dendrinos, Biologe der griechischen Gesellschaft für das Studium und den Schutz der Mönchsrobbe (MOm), habe das Bild später als eine fast “antike Szenerie” beschrieben, da ein solches Verhalten in Griechenland zuvor kaum noch zu beobachten gewesen sei. Zu jener Zeit schätzten Experten den weltweiten Bestand dieser Art auf lediglich 350 bis 450 Individuen, dezimiert durch Bejagung, Lebensraumverlust und Konflikte mit der Fischerei.
Nachfolgende wissenschaftliche Expeditionen entdeckten auf Gyaros eine bemerkenswerte Kolonie von etwa 70 erwachsenen Robben. Die Tiere zeigten ein völlig ungestörtes Naturverhalten. Spyros Kotomatas, Meeresbiologe beim WWF Griechenland, habe laut BBC-Bericht erläutert, dass die Robben in anderen Gebieten aufgrund menschlicher Präsenz oft nervös und schreckhaft reagierten, sich auf Gyaros jedoch vollkommen entspannt zeigten. Da sich die menschlichen Aktivitäten der Vergangenheit auf einen kleinen Teil der Küste konzentrierten, fanden die Tiere ungestörte Rückzugsorte für die Fortpflanzung.
Hightech-Überwachung und ein Paradies unter Wasser
Um dieses fragile Ökosystem langfristig zu sichern, wurde Gyaros 2019 zum Naturschutzgebiet erklärt. Heute patrouillieren regelmäßig Boote der Behörde für natürliche Umwelt und Klimawandel, um die strengen Fischereiverbote durchzusetzen. Unterstützt werden die Einsatzkräfte durch ein modernes Fernüberwachungssystem mit Kameras, das bei unbefugtem Eindringen sofort Alarm schlägt. Dimitrios Damalas, Fischereiexperte am Griechischen Zentrum für Meeresforschung (HCMR), habe das System als hochgradig effektiv bezeichnet.
Die Resultate der strengen Überwachung sind messbar: Zwischen 2015 und 2023 sank die illegale Freizeitfischerei in den Gewässern um 57 Prozent, bei den Berufsfischern wurde sogar ein Rückgang von 85 Prozent registriert. Forscher haben inzwischen mehr als 130 Meeresarten in der Schutzzone katalogisiert. Die Fische in diesem Gebiet wachsen deutlich größer heran und sind zahlreicher als in den umliegenden Ägäis-Regionen.
Brutplatz für seltene Seevögel und neue ökologische Herausforderungen
Neben den marinen Säugetieren beherbergt Gyaros auch eine der wichtigsten Kolonien des Mittelmeer-Sturmtauchers (Yelkouan). Die enorme Population wurde erst 2015 von Forschern aufgrund nächtlicher Flugrufe entdeckt. Etwa 15 Prozent des weltweiten Bestandes brüten in den Felsspalten der Insel. Danai Portolou von der Griechischen Ornithologischen Gesellschaft habe betont, dass die Vögel ein extrem langsames Fortpflanzungstempo aufweisen und wochenlang regungslos auf ihren Eiern sitzen.
Trotz der Isolation ist das Ökosystem bedroht. Eingeschleppte Ratten und illegal ausgesetzte Wildschweine gefährden die bodenbrütenden Seevögel. Gleichzeitig arbeiten Meeresbiologen an der Wiederherstellung der unterseeischen Algenwälder, die durch ein früheres Ungleichgewicht in der Nahrungskette gelitten haben. Experten warnen jedoch, dass Gyaros nicht als isolierte Blase überleben kann; der Schutz mariner Arten müsse auf breitere Gebiete des Mittelmeers ausgeweitet werden, um langfristig erfolgreich zu sein.