Griechenland – Die Wiederaufnahme der Untersuchungen für die geplante Stromverbindung zwischen Kreta und Zypern rückt näher. Athen bereitet eine NAVTEX-Meldung für neue Messfahrten vor. Das unter französischer Flagge fahrende Forschungsschiff Abeille Marengo liegt dafür in Heraklion bereit. Ob die Arbeiten ohne Zwischenfälle beginnen können, hängt auch von der Reaktion der Türkei ab.
Die griechische Regierung wartet noch auf Stellungnahmen von annähernd zwölf Ministerien und weiteren Stellen. Das Außenministerium hat dafür eine Frist gesetzt. Mit der erforderlichen Freigabe könnte die nautische Warnmeldung in den nächsten Tagen veröffentlicht werden; auch ein Auslaufen des Schiffes am Wochenende wird in Betracht gezogen.
Vor der NAVTEX steht eine Abstimmung mehrerer Ministerien
Über die Genehmigung der Meeresuntersuchungen berät zunächst der ressortübergreifende Ausschuss EXAETH. Das griechische Außenministerium koordiniert dessen Arbeit. Vertreten sind unter anderem das Verteidigungsministerium mit Generalstab und Marine, das Schifffahrtsministerium sowie das Umwelt- und Energieministerium.
Erteilt der Ausschuss eine positive Stellungnahme, kann die Projektgesellschaft den Antrag auf eine NAVTEX stellen. Dieser wird an das Verteidigungsministerium weitergeleitet; die hydrographische Dienststelle der griechischen Marine soll die Meldung anschließend ausgeben. Eine NAVTEX informiert die Schifffahrt über Vorgänge und mögliche Einschränkungen in einem bestimmten Seegebiet.
Für das Projekt Great Sea Interconnector (GSI) ist die Gesellschaft Great Sea Interconnector S.A. zuständig. Nach den Angaben zum Vorhaben hält der französische Investor Meridiam seit einer am 5. August 2026 unterzeichneten Vereinbarung 66 Prozent der Anteile, der griechische Netzbetreiber ADMIE die übrigen 34 Prozent. Der Kabelhersteller ist Nexans.
Die Abeille Marengo ist am 27. Oktober 2026 im Hafen von Heraklion eingetroffen. Berichten zufolge hat das Schiff seine Bereitschaft zum Auslaufen signalisiert. Die Untersuchungen sollen vor der Insel Kasos fortgesetzt werden, wo die Arbeiten 2024 unterbrochen worden waren. Bis dahin waren nach den vorliegenden Angaben etwa 60 Prozent der erforderlichen Untersuchungen abgeschlossen.
Frankreich soll die Türkei informieren – nicht um Erlaubnis bitten
Eine wichtige diplomatische Aufgabe fällt Frankreich zu. Paris soll die Staaten der Region, darunter die Türkei, über die geplanten Arbeiten unterrichten. Aus griechischer Sicht handelt es sich dabei ausdrücklich um eine Information und nicht um einen Antrag auf Genehmigung. Athen erwartet deshalb auch eine Einschätzung, ob französische Kontakte zur türkischen Seite zu einer Verständigung geführt haben.
Am 5. November traf sich die französische Botschafterin in der Türkei, Isabelle Dumont, mit dem türkischen Vizeaußenminister Mehmet Kemal Bozay, der auch für die EU-Angelegenheiten seines Landes zuständig ist. Ob das Gespräch unmittelbar mit dem Kabelprojekt zusammenhing, blieb offen.
In Athen gibt es die Erwartung, dass die wirtschaftliche Beteiligung Frankreichs das Projekt politisch absichern könnte. Ein französisches Kriegsschiff als Begleitschutz für die Messfahrten zeichnet sich den vorliegenden Informationen zufolge jedoch nicht ab.
Athen rechnet mit drei möglichen Reaktionen
Die griechische Seite stellt sich auf unterschiedliche Verläufe ein: Die türkische Seite könnte die Arbeiten ohne Einwände hinnehmen, das Forschungsschiff lediglich per Funk ansprechen oder versuchen, seine Tätigkeit tatsächlich zu behindern. Erst das dritte Szenario würde eine unmittelbare Konfrontation um die Fortsetzung der Untersuchungen bedeuten.
Außenminister Giorgos Gerapetritis soll in einer nicht öffentlichen Sitzung des parlamentarischen Außenausschusses erklärt haben, das Projekt werde fortgesetzt und Griechenland werde bei Hindernissen die erforderlichen operativen Maßnahmen ergreifen. In einem Interview bekräftigte er sinngemäß, Athen habe Pläne für den Fall einer türkischen Behinderung vorbereitet. Er gehe davon aus, dass auch die beteiligte französische Gesellschaft und der französische Staat eigene Vorkehrungen geprüft hätten.
Informelle UN-Abstimmung: Acht Gegenstimmen für Sinirlioğlu
Parallel zu den Vorbereitungen für die Messfahrten bemüht sich Athen nach einem Bericht von CNN Greece darum, die Kandidatur des türkischen Diplomaten Feridun Sinirlioğlu für das Amt des UN-Generalsekretärs zu verhindern. Griechenland habe dafür Unterstützung bei Verbündeten und weiteren Akteuren gesucht. Bei einer als informell beschriebenen Abstimmung entfielen dem Bericht zufolge auf die Kandidierenden folgende Stimmen:
- Rebeca Grynspan: 12 Ja-, 3 Nein-Stimmen.
- Rafael Grossi: 9 Ja-, 4 Nein-Stimmen, 2 ohne Festlegung.
- Carolyn Rodrigues-Birkett: 8 Ja-, 5 Nein-Stimmen, 2 ohne Festlegung.
- Lana Nusseibeh: 7 Ja-, 6 Nein-Stimmen, 2 ohne Festlegung.
- Feridun Sinirlioğlu: 3 Ja-, 8 Nein-Stimmen, 4 ohne Festlegung.
Bei der ersten Teilnahme des türkischen Kandidaten wären damit acht negative Voten zusammengekommen. Da die Identität der abstimmenden Staaten nicht veröffentlicht wurde, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten, ob ein ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats gegen ihn gestimmt hat. Die Zahlen stammen aus der Berichterstattung über die informelle Abstimmung und sind nicht mit einem förmlichen Wahlergebnis gleichzusetzen.
Türkische Berichte und neue Kritik am Seeabkommen mit Libyen
In der türkischen Presse wird die französische Rolle bei der Stromverbindung kritisch diskutiert. Die Zeitung Aydınlık vertritt die Auffassung, dass französische Unternehmensinteressen keine Garantie für eine militärische Unterstützung Athens seien. Sie verweist zudem auf die Übung EUNOMIA-2026, an der Griechenland, Frankreich, Italien und Zypern vom 16. bis 22. Oktober teilnahmen. Nach Darstellung der Zeitung überschnitten sich Übungsgebiete am 19. Oktober mit der vorgesehenen Kabeltrasse; geübt worden seien unter anderem Marine- und Luftoperationen sowie Abwehrszenarien.
Ein weiterer türkischer Onlinebericht bei TR Haber hatte sogar ein mögliches Versenken des Forschungsschiffes ins Spiel gebracht. Dabei handelt es sich um eine mediale Darstellung, nicht um eine bestätigte militärische Absicht.
Eine weitere diplomatische Front betrifft das türkisch-libysche Abkommen über Seegebiete im Mittelmeer. Vertreter der Verteidigungsministerien Griechenlands, Zyperns und Israels befassten sich bei einem trilateralen Treffen am 5. November mit ihrer Zusammenarbeit und Sicherheitsfragen im östlichen Mittelmeer. Nach den vorliegenden Informationen bekräftigten sie ihre gemeinsame Auffassung, dass das zwischen der Türkei und der libyschen Regierung der Nationalen Einheit geschlossene Memorandum die Hoheitsrechte von Drittstaaten verletze und für diese keine Rechtswirkungen entfalten könne.
Das Abkommen war den Angaben zufolge am 20. Oktober 2026 vom libyschen Repräsentantenhaus ratifiziert worden. Die rechtliche Bewertung ist eine Position der beteiligten drei Staaten, nicht eine in diesem Zusammenhang unabhängig festgestellte Entscheidung.