Griechenland – Die multinationale Pharmaindustrie in Griechenland steht aufgrund enormer staatlicher Zwangsabgaben vor massiven finanziellen und operativen Grenzen. Diese Entwicklung führt bereits zum schrittweisen Rückzug bestehender Präparate und zu einer signifikanten Verknappung bei der Einfuhr neuer, innovativer Medikamente auf dem heimischen Markt.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die pharmazeutischen Ausgaben stiegen zwischen 2019 und 2024 um 10,9 Prozent, die staatliche Finanzierung jedoch nur um 3,65 Prozent.
- Die durchschnittliche Quote der staatlichen Zwangsabgaben (Clawback) liegt mittlerweile bei über 58 Prozent.
- Laut EFPIA-Daten für 2024 sind nur 25 Prozent der neu zugelassenen Medikamente in Griechenland voll verfügbar.
- Neue Preisregeln der USA setzen den europäischen und griechischen Markt zusätzlich unter starken Druck.
Die wachsende Lücke zwischen staatlicher Finanzierung und realen Kosten
Der Präsident des Verbandes der Pharmaunternehmen in Griechenland (SFEE), Olympios Papadimitriou, wies in einem Gespräch mit dem europäischen Nachrichtenportal Euractiv auf die tiefgreifenden strukturellen Ungleichgewichte des Systems hin. Den vorgelegten Branchendaten zufolge verzeichneten die pharmazeutischen Ausgaben im Zeitraum von 2019 bis 2024 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 10,9 Prozent. Im starken Kontrast dazu stieg die öffentliche Finanzierung im selben Zeitraum lediglich um 3,65 Prozent.
Diese erhebliche Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen medizinischen Bedarf und den bereitgestellten staatlichen Mitteln hat weitreichende Konsequenzen für die Unternehmen. Das stetig wachsende Defizit zwingt die Branche zu enormen Rückzahlungen an das griechische Gesundheitssystem. Mittlerweile liegt die durchschnittliche Quote der sogenannten Clawback-Abgaben bei über 58 Prozent, was die finanziellen Reserven der multinationalen Konzerne massiv beansprucht und Investitionen bremst.
Alarmierende Zahlen zur Verfügbarkeit neuer Therapien
Die Auswirkungen dieser restriktiven Finanzpolitik spiegeln sich direkt in der Versorgung der Patienten wider. Laut der aktuellen Studie der Europäischen Föderation der Pharmazeutischen Industrie und Verbände (EFPIA) zur Wartezeit von Patienten für das Jahr 2024 zeichnet sich in Griechenland ein deutlicher Engpass bei modernen Behandlungen ab. Die vorliegenden Daten belegen, dass lediglich 25 Prozent der zwischen 2020 und 2023 europaweit zugelassenen Medikamente vollumfänglich auf dem griechischen Markt verfügbar sind.
Zwar hat die griechische Regierung in jüngster Vergangenheit verschiedene Reformansätze auf den Weg gebracht, doch die Branchenvertreter stufen deren positiven Effekt auf den Markt bislang als äußerst gering ein. Erschwerend kommen globale geopolitische Spannungen hinzu, insbesondere die Instabilität im Nahen Osten, welche Lieferketten und die allgemeine wirtschaftliche Stabilität des Sektors negativ beeinflussen. Parallel dazu verliert der europäische Markt im globalen Innovationsvergleich zunehmend an Boden gegenüber den USA und China.
Neue Preispolitik der USA verschärft die Marktsituation
Ein zusätzlicher Belastungsfaktor für den griechischen Markt resultiert aus den aktuellen handelspolitischen Entwicklungen in den USA. Die Anwendung der sogenannten MFN-Regelung (Most Favored Nation) zielt darauf ab, für Medikamente auf dem amerikanischen Markt die niedrigsten Preise zu zahlen, die in Ländern mit vergleichbaren Wirtschaftsstrukturen gelten. Mehrere große Pharmakonzerne haben trotz internationaler Kritik bereits signalisiert, sich an diesem System mit deutlichen Rabatten für bestimmte Präparate zu beteiligen.
Wie Olympios Papadimitriou dazu erläuterte, werde der Umstand, dass Griechenland nicht zu den primären Fokusmärkten der USA zähle, die Unternehmen nicht dazu verleiten, lokal extrem niedrige Preise zu akzeptieren. Aufgrund der weitreichenden externen Referenzpreisbildung in Europa sei es unwahrscheinlich, dass ein Unternehmen eine große Lücke zwischen den Preisen in europäischen Märkten unterschiedlicher Kategorien akzeptiere, betonte der Verbandspräsident. Während sich diese komplexe Preisgestaltung bei neuen Medikamenten noch steuern lasse, sei die Situation für bereits etablierte Produkte auf dem Markt weitaus schwieriger zu korrigieren.