Griechenland – Die rasante Ausbreitung des hochgiftigen Hasenkopf-Kugelfisches (Lagocephalus sceleratus) bedroht zunehmend die Meeresökosysteme und die lokale Fischerei im östlichen Mittelmeer. Während der griechische Staat bereits finanzielle Fangprämien auszahlt, rückt nun ein natürlicher Verbündeter in den Fokus der Meeresbiologen: Die unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) ist einer der wenigen Meeresbewohner, der den toxischen Eindringling fressen kann, ohne dabei zu verenden.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Griechenland beherbergt rund 60 Prozent aller Nester der Caretta caretta im Mittelmeerraum.
- Der Staat zahlt in der Ägäis und auf Kreta eine Fangprämie von 5,33 Euro pro Kilo Hasenkopf.
- Das Nervengift Tetrodotoxin des Fisches ist für den Menschen tödlich und wird auch beim Kochen nicht zerstört.
Tödliches Nervengift und tierische Immunität
Der über den Suezkanal aus dem Indischen Ozean eingewanderte Hasenkopf verfügt über die tödliche Neurotoxin-Variante Tetrodotoxin. Diese Substanz hält die meisten maritimen Raubtiere davon ab, den Fisch zu jagen. Für den Menschen endet der Verzehr im schlimmsten Fall mit einer Atemlähmung und dem Tod, da das Gift weder durch Braten noch durch Kochen neutralisiert wird.
Wie der Mittelmeer-Verband zur Rettung der Meeresschildkröten (MEDASSET) berichtet, fungiert die Caretta caretta als entscheidender biologischer Regulator. Die Schildkröte ist gegen das Gift immun und kann selbst ausgewachsene Hasenköpfe problemlos fressen. Der Schutz dieser bedrohten Reptilien, für die Griechenland das wichtigste Brutgebiet im gesamten Mittelmeerraum ist, gilt daher als unverzichtbar im Kampf gegen die Plage.
Staatliches “Kopfgeld” und Ausbreitung ins Ionische Meer
Die unkontrollierte Vermehrung des invasiven Fisches hat die Behörden bereits zum Handeln gezwungen. Der Vize-Regionalgouverneur für Landwirtschaft und Fischerei der Ionischen Inseln, Konstantinos Tsirigotis, warnte vor der fortschreitenden Invasion. Der Fisch habe sich von den zyprischen Gewässern über die Ägäis bis nach Euböa ausgebreitet und dringe nun bedauerlicherweise auch in das Ionische Meer vor.
„Die staatliche Verwaltung finanziert glücklicherweise derzeit jeden, der auch nur ein Kilo Hasenkopf sammelt, und bezahlt ihn mit 5,33 Euro“, erklärte Tsirigotis gegenüber lokalen Medien. Diese Maßnahme beschränke sich bislang auf die Ägäis und Kreta. Sollte die Population im Westen Griechenlands weiter ansteigen, müsse die Subvention zwingend ausgeweitet werden. Für Regionen wie Zakynthos und den Kyparissiakos-Golf sieht der Politiker jedoch einen strategischen Vorteil, da die hohe Dichte an Meeresschildkröten in diesen Gewässern den Hasenkopf-Bestand auf natürliche Weise eindämme.
Weitere Fressfeinde und das Problem der Überfischung
Neben der Caretta caretta gibt es noch weitere Arten, die zur Dezimierung beitragen. Das Meeresforschungsinstitut Archipelagos weist darauf hin, dass große pelagische Fische wie die Goldmakrele (Kynigos) oder der Hornhecht (Zargana) gezielt die Brut des Hasenkopfs jagen. In den Mägen gefangener Goldmakrelen wurden teils zwischen 50 und 180 Jungfische gefunden. In diesem frühen Lebensstadium haben die Hasenköpfe noch keine tödlichen Mengen an Tetrodotoxin angesammelt, da sie das Gift erst im Laufe ihrer Entwicklung durch die Nahrungsaufnahme konzentrieren.
Das fundamentale Problem liegt laut der Umweltorganisation in der massiven Überfischung der griechischen Meere, die seit den 1990er Jahren anhält. Große heimische Raubfische wie Haie oder Schwertfische wurden stark dezimiert. Diese ökologische Verödung schaffe Freiräume, die nun von invasiven Arten besetzt werden.
Ökologische Katastrophe und wirtschaftlicher Ruin für Fischer
Für die Berufsfischerei stellt der Hasenkopf eine existenzielle Bedrohung dar. Mit seinen vier extrem kräftigen, schnabelartigen Zähnen zerschneidet er mühelos Fischernetze und Langleinen, um die darin gefangenen Fische zu fressen. Da er sich bevorzugt von Arten mit hohem Handelswert wie Oktopus, Tintenfisch und Kalmar ernährt, zerstört er nicht nur teure Ausrüstung, sondern entzieht den Fischern auch die Lebensgrundlage.
Experten sind sich einig, dass es keine isolierte Lösung gibt. Es brauche ein Bündel aus finanziellen Hilfen für die betroffenen Fischer, ein striktes Bestandsmonitoring und vor allem den absoluten Schutz der natürlichen Fressfeinde. Die Natur besitze eigene Mechanismen zur Selbstregulierung – doch diese funktionierten nur in einem gesunden und geschützten Ökosystem.