Athen – Nach mehr als einem halben Jahrhundert fällt in der griechischen Hauptstadt ein historisches Tabu: Bis zum Sommer 2029 sollen zwei gigantische Casino- und Unterhaltungskomplexe mitten im städtischen Gefüge eröffnen. Mit Projekten von nie dagewesenen Ausmaßen in den Athener Vororten Ellinikon und Marousi zielt Griechenland auf eine Neuausrichtung seines Tourismusmodells ab, sieht sich jedoch zeitgleich mit massiven infrastrukturellen Herausforderungen konfrontiert.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Bis 2029 sollen die beiden Großprojekte in Ellinikon (Hard Rock) und Marousi (Voria) fertiggestellt sein.
- Der Turm des Hard Rock Resorts wird 197 Meter hoch und umfasst 1.100 Hotelzimmer sowie eine riesige Arena.
- Laut Daten aus dem Jahr 2025 machen die klassischen Spielbanken mit 1,28 Milliarden Euro nur einen Bruchteil des griechischen Glücksspielmarktes aus.
Das Ende eines jahrzehntelangen Tabus
Die Ansiedlung von Spielbanken im städtischen Ballungsraum Athens galt lange als politisches Minenfeld. Noch Ende der 1990er Jahre scheiterte der Versuch, ein Casino im Küstenvorort Paleo Faliro zu etablieren, am massiven politischen Widerstand. Die politische Elite befürchtete, ein leicht erreichbares Casino würde eine zu große Versuchung für die lokale Bevölkerung darstellen. Die Wende brachte das Jahr 2017: Unter der damaligen Regierungskoalition aus SYRIZA und ANEL wurde per Gesetz die Möglichkeit geschaffen, die historische Spielbank vom abgelegenen Berg Parnitha in das Athener Becken zu verlegen. Ziel dieser Maßnahme war es, den Besucherschwund auf dem Berg zu stoppen und faire Wettbewerbsbedingungen für die anstehende Vergabe der Casino-Lizenz auf dem alten Flughafengelände in Ellinikon zu schaffen.
Ein 197-Meter-Turm für die Athener Riviera
Das ehrgeizigste der beiden Bauvorhaben ist das “Hard Rock Integrated Resort Complex”, das in Zusammenarbeit mit dem Baukonzern GEK TERNA auf dem alten Flughafengelände entsteht. Die Dimensionen des 1,8-Milliarden-Euro-Projekts übertreffen europäische Standards: Ein 197 Meter hoher Hotelturm mit 1.100 Zimmern, ein Konferenzzentrum mit über 17.000 Quadratmetern, eine geschlossene Arena für 9.000 Zuschauer sowie ein Casino auf 15.000 Quadratmetern. Wie George Stratigos, leitender Direktor des Projekts, erklärte, baue man kein klassisches Casino, sondern ein in Europa einzigartiges Unterhaltungsziel nach asiatischem oder amerikanischem Vorbild. Ziel sei es, internationale Großkonferenzen und Musikstars nach Athen zu holen, was die Touristenankünfte in der Region Attika um schätzungsweise zehn Prozent steigern solle. Trotz anhängiger Klagen der angrenzenden Gemeinden Glyfada und Alimos vor dem Staatsrat wegen Umwelt- und Verkehrsbedenken, laufen die Bauarbeiten bereits seit Februar 2025. Bislang seien rund 20 Prozent des Projekts abgeschlossen.
Projekt “Voria”: Luxus und Grünflächen in Marousi
Im wohlhabenden nördlichen Vorort Marousi entsteht derweil mit einem Budget von 380 Millionen Euro das Projekt “Voria” der Regency Entertainment, unterstützt durch Kapital der Unternehmensgruppen Laskaridis und Kokkalis. Auf dem Gelände an der stark befahrenen Kifissias-Allee ist ein Fünf-Sterne-Hotel mit 170 Zimmern und ein 8.000 Quadratmeter großes Casino im Erdgeschoss geplant. Ein wesentlicher Teil der Anlage ist für die Öffentlichkeit bestimmt: Mehr als 25.000 Quadratmeter des Grundstücks werden der Gemeinde Marousi als öffentliche Grünfläche überlassen. Tasos Chomenidis, Geschäftsführer der beteiligten Hotelgesellschaft, wies Bedenken hinsichtlich eines Verkehrschaos zurück. Er betonte, dass durch das Projekt die Region städtebaulich aufgewertet und neue Verkehrsanbindungen geschaffen würden. Zudem falle die Hauptbesuchszeit der Spielbank auf die Stunden nach 20 Uhr, was den Tagesverkehr nicht belaste.
Drohender Verkehrsinfarkt und die Metro-Frage
Trotz der wirtschaftlichen Dynamik äußern Experten massive Bedenken bezüglich der verkehrstechnischen Auswirkungen. Der Verkehrsexperte Thodoris Mavrogeorgis warnte davor, dass die ohnehin überlastete Küstenstraße Poseidonos-Allee durch das Resort in Ellinikon den Verkehr einer zweiten Autobahn aufnehmen müsse. Da zehntausende Besucher und Angestellte erwartet würden, sei eine Verlängerung der Metro-Linie 2 nach Glyfada zwingend erforderlich. Wie Projektvertreter einräumen, ist mit einer solchen Infrastrukturmaßnahme jedoch frühestens Mitte der 2030er Jahre zu rechnen. Bis dahin soll das Resort primär durch Straßenbahnen, Busse und 2.700 Parkplätze versorgt werden.
Wandel des Athener Tourismusmodells
Architekten und Soziologen sehen in den Mega-Casinos einen tiefgreifenden Wandel der Athener Identität. Der Architekt Panos Dragonas gab zu bedenken, dass Athen seine internationale Anziehungskraft bislang seiner historischen Dichte und dem authentischen Nachbarschaftsleben verdanke. Die neuen Komplexe förderten hingegen ein auf Konsum und Spektakel ausgerichtetes Tourismusmodell. Dass eines der wichtigsten Wahrzeichen des 21. Jahrhunderts in Athen ein Casino-Turm sein werde, sei ein klares kulturelles Statement. Die Angst vor einer massiven Spielsucht-Welle innerhalb der Bevölkerung wird von Experten derweil relativiert. Wie Dimitris Ntzanatos, ehemaliger Präsident der griechischen Glücksspielkommission, erläuterte, mache das stationäre Casino-Geschäft nur noch fünf Prozent der Spielaktivitäten aus. Im Jahr 2025 beliefen sich die Einsätze in den neun lizenzierten Casinos auf 1,28 Milliarden Euro, während das Gesamtvolumen des Glücksspiels in Griechenland bei 16,7 Milliarden Euro lag. Das wahre soziale Problem liege heute im digitalen Raum, wo schätzungsweise 900.000 Erwachsene illegalen Online-Glücksspielen nachgingen.