Griechenland – Während auf mehreren griechischen Inseln aufgrund anhaltender Dürre der Ausnahmezustand ausgerufen wird, hat sich die Lage in der Hauptstadt Athen dank ergiebiger Niederschläge im Frühjahr deutlich entspannt. Dennoch kämpft das Land weiterhin mit einem massiven strukturellen Problem: Bis zu 40 Prozent des aufbereiteten Trinkwassers erreichen nie die Verbraucher, sondern versickern durch veraltete und marode Leitungsnetze. Um dieser Verschwendung entgegenzuwirken, plant der Wasserversorger der Hauptstadt nun massive Investitionen in die Digitalisierung des Netzes.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Nahezu 40 Prozent des Trinkwassers in Griechenland gehen durch Netzverluste und Leckagen verloren.
- Die Wasserreserven Athens sind bis Mitte Juni 2026 im Vorjahresvergleich um über 160 Millionen Kubikmeter gestiegen.
- Ein geplantes 300-Millionen-Euro-Projekt sieht die Installation von 2,1 Millionen digitalen Wasserzählern vor.
Notstand auf den Inseln und hohe Netzverluste
Mitten in der touristischen Hochsaison gerät die Wasserversorgung auf den griechischen Inseln zunehmend unter Druck. Das Griechische Ministerium für Umwelt und Energie hat zuletzt für Alonissos, Tinos, Meganisi, Karpathos, Astypalaia und Leros den Notstand ausgerufen. Diese lokale Verknappung steht in starkem Kontrast zu der grundsätzlichen Wasserbewirtschaftung des Landes. Laut einer aktuellen vergleichenden Studie der Europäischen Vereinigung der Wasserregulierungsbehörden (WAREG), an der die griechische Aufsichtsbehörde RAAEY maßgeblich beteiligt war, gehört Griechenland zu den europäischen Staaten mit den höchsten Verlustquoten bei Trinkwasser.
Das Land rangiert in der kritischen Kategorie von 30 bis 40 Prozent nicht in Rechnung gestelltem Wasser und befindet sich damit auf einem Niveau mit Irland und Portugal. Fast vier von zehn Kubikmetern Wasser, die in das Netz eingespeist werden, gehen durch technische Defekte, echte Leckagen oder betriebliche Mängel verloren. Zum Vergleich: In Ländern wie Belgien, Tschechien, Estland und Lettland liegen diese Verluste bei lediglich 10 bis 20 Prozent. Die Aufsichtsbehörden identifizieren als Hauptursachen vor allem die Überalterung der Infrastruktur, fehlende Finanzmittel, unzureichende Datenverfügbarkeit, einen Mangel an Fachpersonal sowie eine historisch niedrige politische Priorisierung des Themas.
Volle Stauseen in Athen stoppen Evrytos-Megaprojekt
Ein völlig anderes Bild zeigt sich derzeit im Großraum Athen. Die Regenfälle der vergangenen hydrologischen Periode, insbesondere seit März, haben die verfügbaren Reserven massiv erhöht. Nach Angaben des Athener Wasserversorgers EYDAP beliefen sich die Gesamtbestände in den Stauseen am 19. Juni 2026 auf 743,68 Millionen Kubikmeter. Am selben Tag des Vorjahres 2025 waren es lediglich 583,23 Millionen Kubikmeter. Dieser signifikante Zuwachs verschafft der Hauptstadt eine wichtige Atempause.
Diese hydrologische Entspannung hat unmittelbare politische und wirtschaftliche Folgen: Das von Premierminister Kyriakos Mitsotakis angekündigte Evrytos-Projekt wurde vorerst auf Eis gelegt. Der ehrgeizige Plan sah vor, Wasser aus den Flüssen Krikeliotis und Karpenisiotis in den Evinos-Stausee umzuleiten – ein Vorhaben, das den Vorteil hätte, Wasser ohne zusätzliche Energiekosten durch natürliches Gefälle zu transportieren. Obwohl EYDAP die Vorstudien bereits abgeschlossen hat, rechnet man aufgrund der gefüllten Reservoirs und der beginnenden informellen Vorwahlzeit vorerst nicht mit einem grünen Licht der Regierung. Die Kosten für das Projekt wurden ursprünglich auf 550 Millionen Euro geschätzt, sind laut jüngsten Berichten jedoch mittlerweile auf rund 750 Millionen Euro angestiegen.
Digitalisierung und Forschung gegen Wasserverschwendung
Trotz der Verschiebung des Evrytos-Projekts hält das Management von EYDAP an der langfristigen hydrologischen Absicherung des Athener Beckens fest. Ganz oben auf der Agenda steht nun die Reduzierung der Netzverluste. Nach mehreren Verzögerungen soll noch in diesem Jahr die Ausschreibung für die Beschaffung und Installation von 2,1 Millionen digitalen Wasserzählern starten. Das Vorhaben mit einem Budget von rund 300 Millionen Euro sieht den schrittweisen Austausch aller bestehenden Zähler über ein Jahrzehnt vor. Mithilfe von Echtzeit-Telemetrie sollen künftig ungewöhnliche Verbräuche und Leckagen sofort lokalisiert werden, um die Reaktionszeiten bei Reparaturen drastisch zu verkürzen.
Parallel dazu bereitet sich die Hauptstadt auf zukünftige klimatische Herausforderungen vor. EYDAP hat mit dem Sonderkonto für Forschungsförderung der Nationalen Technischen Universität Athen (EMP) einen Vertrag über ein fünfjähriges Wasserressourcen-Managementprogramm im Wert von 198.400 Euro geschlossen. Ziel ist die Entwicklung innovativer Methoden zur Simulation und Bewältigung von Dürreperioden und extremer Trockenheit. Durch die kontinuierliche Auswertung von Geodaten, Füllständen und Verbrauchsindikatoren soll die Wasserversorgung Athens auch bei langanhaltenden klimatischen Krisen sichergestellt werden.