Griechenland – Die wachsende Sorge vor einem systemischen Mangel an Flugkraftstoff alarmiert die europäische Luftfahrtbranche und erreicht nun auch den griechischen Markt. Die Anspannung stieg merklich, nachdem bereits vor rund zehn Tagen an sechs italienischen Flughäfen konkrete Versorgungsprobleme bei der Kerosinbetankung von Flugzeugen registriert wurden. Ursache für diese Verknappung ist die anhaltende Blockade in der Straße von Hormus, welche die internationalen Lieferketten erheblich belastet.
Der Europäische Flughafenverband (ACI), der europaweit mehr als 600 Flughäfen vertritt, wandte sich Ende der vergangenen Woche eindringlich an die Europäische Union. Der Verband forderte sofortige Maßnahmen, um einem drohenden, kontinentweiten Treibstoffmangel vorzubeugen. Die Energie-Sprecherin der EU-Kommission, Ana-Kaisa Itkonen, erklärte am vergangenen Dienstag, dass es derzeit zwar keine konkreten Anzeichen für einen akuten Kerosinmangel gebe. Dennoch schloss sie künftige Lieferengpässe in naher Zukunft, insbesondere bei Flugkraftstoffen, ausdrücklich nicht aus.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Sechs italienische Flughäfen meldeten kürzlich Probleme bei der Kerosinversorgung.
- Der Verband ACI warnt vor einem systemischen Treibstoffmangel in ganz Europa.
- Der Flughafen Athen verfügt über weitreichende strategische Kerosin-Reserven.
- Zwei griechische Raffinerien produzieren eigenes Kerosin für den Inlandsmarkt.
- Kerosin-Betankungen von US-Flugzeugen generieren griechische Exporterlöse in Millionenhöhe.
Strategische Reserven und heimische Kerosin-Produktion in Athen
Die Versorgungssicherheit war auch das zentrale Thema während der Hauptversammlung der Aktionäre des Internationalen Flughafens Athen (AIA) am gestrigen Mittwochmittag. Der neue Vorstandsvorsitzende des größten griechischen Airports, Giorgos Kallimasias, äußerte sich auf die direkte Nachfrage eines Aktionärs weitgehend beruhigend zur aktuellen Lage. Das Land sei auf logistische Engpässe besser vorbereitet als andere europäische Staaten, da man auf eigene Produktionskapazitäten zurückgreifen könne.
„Es gibt strategische Reserven sowohl in den Tanks des Flughafens als auch, nach unseren Informationen, in den Raffinerien des Landes“, erklärte der CEO. Kallimasias wies zudem auf einen entscheidenden strukturellen Vorteil hin: Die beiden großen heimischen Raffinerien, Motor Oil und Helleniq Energy, produzieren den benötigten Flugkraftstoff selbst. Dennoch warnte der Flughafen-Chef vor den Folgen einer grenzüberschreitenden Krise: „Wenn es einen gesamteuropäischen Mangel an Flugkraftstoff gibt, werden wir nicht unbeeinflusst bleiben, unabhängig von unseren eigenen Reserven. Wenn beispielsweise am Zielflughafen kein Kerosin vorhanden ist, wird es zu Problemen bei den Flügen kommen.“
Das lukrative Exportgeschäft mit US-amerikanischen Fluggesellschaften
Abseits der aktuellen Versorgungskrise spielt der Flugkraftstoff eine unerwartete und zugleich tragende Rolle in der griechischen Außenhandelsbilanz. Jeder Tankvorgang eines internationalen Flugzeugs, das Griechenland verlässt, wird statistisch als Export von Flugkraftstoff verbucht. Das Büro für wirtschaftliche und handelspolitische Angelegenheiten der griechischen Botschaft in Washington präsentierte dazu vor wenigen Tagen in einem Bericht über die amerikanisch-griechischen Handelsbeziehungen bemerkenswerte offizielle Zahlen.
Laut diesem Bericht beliefen sich die gesamten griechischen Exporte von Mineralölerzeugnissen der Zolltarifnummer 27 in die Vereinigten Staaten auf 581 Millionen Euro. Exakt 64 Prozent dieser Summe, was einem Wert von 371 Millionen Euro entspricht, bestanden ausschließlich aus Kerosin. Die Botschaft erklärte, dass dieser enorme Wert primär durch die Betankung amerikanischer Flugzeuge an griechischen Flughäfen zustande komme, da während der touristischen Hochsaison wöchentlich mehr als 100 Direktflüge zwischen den USA und Griechenland stattfinden.
Diese spezifischen Kerosin-Exporte besitzen für die nationale Wirtschaft eine immense strategische Bedeutung. Sie kompensieren derzeit 35 Prozent der gesamten griechischen Energieimporte aus den USA. Dies geschieht in einem Zeitraum, in dem die amerikanischen Lieferungen von Flüssigerdgas (LNG) nach Griechenland einen Wert von 1,13 Milliarden Euro erreichten und damit gewaltige 48 Prozent der gesamten US-Exporte in den Mittelmeerstaat ausmachten. Die lokale Kerosinproduktion sichert Griechenland somit nicht nur den Flugbetrieb, sondern federt auch das Defizit in der Energiehandelsbilanz ab.