Griechenland – Im Rahmen einer weitreichenden Modernisierung der nationalen Streitkräfte plant die griechische Regierung den Einstieg in das europäische Future Combat Air System (FCAS) zur Entwicklung von Kampfjets der sechsten Generation. Die strategische Absicht, sich künftig als vierter gleichberechtigter Partner an der Produktion und Montage des Systems zu beteiligen, wurde während des jüngsten Besuchs des französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Athen und der Unterzeichnung einer erneuerten französisch-griechischen Sicherheitsvereinbarung durch Premierminister Kyriakos Mitsotakis offiziell bestätigt. Das langfristige Ziel ist eine operative Einsatzbereitschaft bis zum Jahr 2040.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Griechenland hat offiziell eine Beteiligung am europäischen FCAS-Kampfjet-Programm beantragt.
- Die heimische Industrie soll Begleitdrohnen und Strukturbauteile entwickeln.
- Erste Testflüge des Prototyps sind für die Jahre 2028 bis 2029 angesetzt.
- Für die neuen Produktionsinfrastrukturen werden Kosten von bis zu zwei Milliarden Euro kalkuliert.
Das System der Systeme und die europäische Allianz
Der Kampfjet der sechsten Generation repräsentiert die technologische Weiterentwicklung nach dem F-35-Programm, welches derzeit als weltweit führendes Stealth-Kampfflugzeug gilt. Das FCAS-Projekt fungiert nicht lediglich als isoliertes Fluggerät, sondern als ein umfassendes System von Systemen. Im Zentrum dieser Architektur steht ein bemanntes Stealth-Kampfflugzeug, das als fliegende Kommandozentrale für ein Netzwerk aus unbemannten Begleitdrohnen, hochmodernen Sensoren, direkten Satellitenverbindungen und Künstlicher Intelligenz agiert. Die griechische Beteiligung gilt als strategische Entscheidung, um die Verteidigungsfähigkeit im östlichen Mittelmeerraum für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts zu sichern.
Geleitet wird das Rüstungsprojekt aktuell von einer Dreierallianz aus Frankreich, Deutschland und Spanien. Frankreich nimmt über den Luftfahrtkonzern Dassault Aviation, der den Next Generation Fighter (NGF) entwickelt, die Rolle des Hauptkoordinators ein. Deutschland und Spanien sind durch die Unternehmen Airbus beziehungsweise Indra in die Kooperation eingebunden. Auf Basis der militärischen “Agenda 2030” hat Griechenland nun einen formellen Antrag auf Aufnahme als gleichwertiger Projektpartner gestellt, um von einem reinen Käuferstaat zu einem aktiven Technologieentwickler aufzusteigen.
Ausbau der nationalen Rüstungsindustrie
Die geplante Beteiligung zielt maßgeblich auf die Stärkung der heimischen Verteidigungsindustrie ab. Das industrielle Rückgrat dieses Vorhabens soll die Hellenic Aerospace Industry (EAB) bilden, deren bestehende Werksanlagen und Infrastrukturen für die neuen Fertigungsprozesse genutzt werden sollen. Das Unternehmen fertigt bereits heute rund 30 Prozent der Rumpfstrukturen für sämtliche weltweit ausgelieferten Flugzeuge der Typen F-16 und C-130. Durch eine Ausweitung dieser Kapazitäten im Rahmen des FCAS-Programms soll Griechenland als zentraler Technologieknotenpunkt etabliert werden, was den Aufbau hochspezialisierter Arbeitsplätze für wissenschaftliches Fachpersonal nach sich zieht.
Technologisch bringt Griechenland bereits spezifische Vorerfahrungen aus dem europäischen Drohnenprogramm nEUROn mit. Diese Expertise prädestiniert die griechische Industrie für die Entwicklung und Produktion der sogenannten Remote Carriers, jener unbemannten Fluggeräte, die das Hauptkampfflugzeug im Einsatz begleiten. Darüber hinaus bestehen Kapazitäten für die Programmierung spezialisierter Software, die Entwicklung von Cybersicherheitssystemen für die internen Kommunikationsnetzwerke der Flugzeuge sowie die Fertigung von Rumpfteilen aus fortschrittlichen Verbundwerkstoffen.
Milliardenkosten und Entwicklungszeitplan
Das technische Zeitfenster des europäischen Konsortiums ist eng getaktet. Der Erstflug des Demonstrator-Prototyps ist für den Zeitraum zwischen 2028 und 2029 vorgesehen. Diese Entwicklungsphase dient vorrangig der Erprobung neuer Triebwerkstechnologien und der Integration der Stealth-Eigenschaften für das spätere Endprodukt. Die finanzielle Dimension des Einstiegs ist enorm: Zwar steht die exakte Kostenbeteiligung Griechenlands noch nicht fest, doch werden allein für die initialen Forschungs- und Entwicklungsphasen über das kommende Jahrzehnt Aufwendungen in dreistelliger Millionenhöhe erwartet. Die Errichtung der notwendigen nationalen Infrastruktur könnte sich langfristig auf bis zu zwei Milliarden Euro belaufen.
Ein Teil dieses enormen Finanzbedarfs soll durch den Europäischen Verteidigungsfonds (EDF) abgefedert werden, der kollaborative Rüstungsprojekte zwischen den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union subventioniert. Die griechische Luftwaffe plant ab 2040 mit der Integration der neuen Flugzeuge, um alternde Flottenbestände abzulösen. Diese sollen dann gemeinsam mit den bis dahin eingeführten F-35-Maschinen operieren. Diese finanzielle Belastung wird in Athen als Investition betrachtet, die durch industrielle Aufträge und weitreichenden Technologietransfer um ein Vielfaches in die heimische Wirtschaft zurückfließen soll.
Vermeidung historischer Fehler bei der Rüstungsbeschaffung
Hinter der Entscheidung steht der explizite politische Wille, in Zukunft nicht mehr in letzter Minute Waffensysteme aus dem Ausland ankaufen zu müssen. Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration in das FCAS-Programm ist jedoch eine finale politische Einigung mit den Gründungsmitgliedern, wobei Frankreich dem Vorhaben positiv gegenübersteht. Zuvor hatte eine interne Krise, ausgelöst durch eine drohende Abwanderung Deutschlands aus dem Projekt, das gesamte Programm gefährdet; diese Differenzen gelten jedoch mittlerweile als beigelegt.
Historisch betrachtet versucht Griechenland, verpasste Chancen zu kompensieren. In der Vergangenheit wurden dem Land bereits Beteiligungen als Mitproduzent an den Konsortien für den Eurofighter sowie später für das F-35-Programm angeboten, die jedoch nicht realisiert wurden. In das F-35-Programm war stattdessen die benachbarte Türkei eingestiegen, bevor das Land infolge des Erwerbs russischer S-400-Raketenabwehrsysteme auf Basis der amerikanischen CAATSA-Sanktionen wieder aus der Produktionspartnerschaft ausgeschlossen wurde.