Thessaloniki – Einer 92-jährigen Rentnerin mit einem anerkannten Behinderungsgrad von 87 Prozent droht in der nordgriechischen Stadt die Zwangsräumung. Gewerkschaften und eine Mietervereinigung haben für Freitag, den 30. Oktober 2026, zu einer Kundgebung vor ihrem Haus aufgerufen. Sie wollen verhindern, dass die Frau ihre einzige Wohnung verliert.
Die Mutter von sechs Kindern bezieht nach Angaben der Organisatoren eine niedrige Rente. Ihr Haus ging nach einer Versteigerung im Jahr 2021 an die National Bank of Greece über. Für den 30. Oktober sei eine Räumung vorgesehen, erklären das Komitee der Gewerkschaften Thessalonikis gegen Zwangsversteigerungen und die Mietervereinigung der Stadt. Ob die Räumung tatsächlich vollzogen wurde, geht aus den vorliegenden Angaben nicht hervor.
Kundgebung vor dem Wohnhaus in Ilioupoli
Die Kundgebung war für 10:00 Uhr in der Riga-Feraiou-Straße 42 im Stadtteil Ilioupoli angesetzt. Die beiden Organisationen fordern, das Verfahren gegen die 92-Jährige sofort zu stoppen und ihre erste und einzige Wohnung zu schützen.
Die Mietervereinigung sieht den Fall als Teil der griechischen Wohnraumkrise. Wohnraum werde zunehmend als Ware behandelt, während die Bedürfnisse der Bewohner gegenüber den Interessen von Banken zurückträten, kritisiert sie. Sie ruft Mieter und alle Unterstützer des Rechts auf Wohnen dazu auf, sich gegen die drohende Räumung zu stellen.
Das Gewerkschaftskomitee verlangt darüber hinaus einen gesetzlichen Schutz der selbst genutzten Erstwohnung und ein Ende der Räumungen bei Menschen mit niedrigen Renten sowie Familien mit behinderten Angehörigen. Aus seiner Sicht steigt die Gefahr des Wohnungsverlusts auch für Haushalte, die ihre Darlehen bislang bedient hätten: Hohe Lebenshaltungskosten und Zinsen bei stagnierenden Löhnen erschwerten zunehmend die Rückzahlung. Diese Einschätzung ist Teil der Stellungnahme der Gewerkschaften.
Der Vergleich mit Maricarmen Abascal in Spanien
Die Mobilisierung in Thessaloniki erinnert an den Fall der 87-jährigen Maricarmen Abascal in Spanien. Anders als die griechische Rentnerin war Abascal Mieterin: Ein Immobilienfonds hatte sie aus der Wohnung verdrängt, in der sie fast ihr gesamtes Leben verbracht hatte. Proteste, die in Madrid begannen und sich auf weitere Teile Spaniens ausweiteten, führten schließlich zu einer Vereinbarung über ihre Rückkehr zu einer erschwinglichen Miete.
Abascal konnte jedoch nicht mehr in die Wohnung zurückkehren. Sie starb im Krankenhaus, bevor die Vereinbarung umgesetzt werden konnte. Ihr Fall hatte die Debatte über hohe Mieten und den Schutz von Mietern auf die politische Tagesordnung Spaniens gebracht.
Die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez brachte daraufhin zwei als „Maricarmen-Dekrete“ bezeichnete Vorhaben auf den Weg: eine Aussetzung von Räumungen bis 2030 und die automatische Verlängerung von Mietverträgen. Im Kongress scheiterten die Vorhaben am Widerstand der konservativen Partido Popular, der rechtspopulistischen Vox und der katalanischen Partei Junts per Catalunya.
Nach dieser Niederlage kündigte Sánchez vorgezogene Wahlen für den 29. November 2026 an. Nach der Auflösung des Parlaments brachte seine Regierung die beiden Maßnahmen in erweiterter Form durch den ständigen Parlamentsausschuss, in dem die Regierungskoalition über eine knappe Mehrheit verfügt. Die Wohnungsfrage ist damit auch zu einem zentralen Thema des bevorstehenden spanischen Wahlkampfs geworden.
Mit Informationen von: Mietervereinigung Thessaloniki, Komitee der Gewerkschaften Thessalonikis gegen Zwangsversteigerungen.