Athen – Das West-Nil-Virus entwickelt sich nach Einschätzung von Medizinern zu einer der bedeutendsten aufkommenden Virusinfektionen in Europa, für die es bislang weder spezifische Medikamente noch einen zugelassenen Impfstoff gibt. Wie aktuelle Daten des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) zeigen, zirkuliert der durch Mücken übertragene Erreger im Jahr 2026 bereits in neun europäischen Ländern, darunter Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich und die Balkanstaaten. Da die Krankheit bei bestimmten Bevölkerungsgruppen schwere neurologische Schäden verursachen kann, rücken die Identifizierung von Risikofaktoren und präventive Maßnahmen in den Fokus der Gesundheitsbehörden.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Das Virus zirkuliert 2026 in neun europäischen Staaten, darunter beliebte Reiseländer wie Italien, Spanien und Frankreich.
- Bei weniger als einem Prozent der Infizierten greift das Virus das zentrale Nervensystem an, was zu schweren Komplikationen führt.
- Personen über 65 Jahre sowie Menschen mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Nierenleiden tragen das höchste Risiko.
Zunehmende Ausbreitung und das klinische Bild
Theodora Psaltopoulou, Professorin für Epidemiologie und Präventivmedizin an der Medizinischen Fakultät der Nationalen und Kapodistrian-Universität Athen (EKPA), erklärte gegenüber der griechischen Nachrichtenagentur APE-MPE, dass der Erreger mittlerweile als eine wachsende und geografisch expandierende Bedrohung in Europa gelte. Dabei spielen Klimaveränderungen, die Ausbreitung von Mückenpopulationen sowie das städtische und ökologische Umfeld eine entscheidende Rolle. Die Mehrheit der Infektionen verläuft asymptomatisch. Ein kleiner Prozentsatz äußert sich als fieberhafte Erkrankung mit Kopf- und Muskelschmerzen. Laut der griechischen Gesundheitsorganisation EODY entwickelt sich jedoch bei weniger als einem Prozent der Infizierten eine neuroinvasive Erkrankung, die das zentrale Nervensystem angreift.
Eine 2025 in der Fachzeitschrift Annals of Neurology veröffentlichte Metaanalyse von 47 Studien liefert detaillierte Einblicke in die schwerste Form der Erkrankung. Bei diesen Patienten traten Fieber (88 Prozent), Übelkeit oder Erbrechen (58 Prozent) sowie ausgeprägte Müdigkeit (50 Prozent) auf. Zu den neurologischen Manifestationen zählten Kopfschmerzen (rund 50 Prozent), ein veränderter mentaler Status (39 Prozent) und fokale Muskelschwäche (32 Prozent). Die Belastung für das Gesundheitssystem ist enorm: 42 Prozent dieser schwer erkrankten Patienten mussten auf einer Intensivstation (ICU) behandelt werden.
Hochrisikogruppen und alarmierende Sterblichkeitsraten
Das Risiko eines schweren oder tödlichen Verlaufs ist stark an Alter und Vorerkrankungen geknüpft. Aktuelle Daten der EODY aus Griechenland verdeutlichen diesen Trend: Alle registrierten Todesfälle betrafen Personen über 65 Jahre, wobei das mittlere Alter der Verstorbenen bei 82 Jahren lag. Eine umfassende US-Studie, die im Journal JAMA (2025) publiziert wurde und Daten der Jahre 2013 bis 2024 auswertete, identifizierte weitere Risikofaktoren. Männliches Geschlecht, hämatologische Malignome, vorausgegangene Schlaganfälle sowie Immunsuppression oder Multiple Sklerose erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs signifikant.
Zudem haben chronische Begleiterkrankungen massive Auswirkungen auf die Prognose. Eine chronische Nierenerkrankung erhöht das Sterberisiko fast um das Sechsfache, Bluthochdruck um das Vierfache und Diabetes um mehr als das Zweifache. Die Mortalität variiert stark je nach Schweregrad. Während eine weitere Metaanalyse (International Journal of Infectious Diseases, 2026) die Gesamtsterblichkeit klinisch erkannter Fälle auf 6 Prozent beziffert, steigt diese Rate bei Intensivpatienten auf erschütternde 62 Prozent. Bei schwer immunsupprimierten Patienten liegt die Sterblichkeitsrate bei der schweren Verlaufsform zwischen 30 und 40 Prozent.
Fehlende Therapien und langfristige Folgen
Selbst nach überstandener akuter Erkrankung leiden viele Überlebende an massiven Spätfolgen. Ein erheblicher Anteil der hospitalisierten Patienten kämpft laut Studienberichten langfristig mit Erschöpfung (37 bis 75 Prozent), Gedächtnisproblemen (11 bis 57 Prozent), Konzentrationsschwierigkeiten sowie depressiven Symptomen. Die tatsächliche Krankheitslast reicht demnach weit über die anfängliche Akutphase hinaus.
Eine spezifische Heilung ist derzeit nicht in Sicht. Eine jüngste Übersichtsarbeit in der Publikation Reviews in Medical Virology (2026) bestätigt, dass es nach wie vor kein zugelassenes antivirales Medikament und keinen Impfstoff für den Menschen gibt. Die medizinische Versorgung beschränkt sich auf unterstützende Maßnahmen, wie die Behandlung von Atemversagen, epileptischen Anfällen oder Störungen des Flüssigkeits- und Elektrolythaushalts. Der Einsatz von Kortikosteroiden bietet keinen nachgewiesenen Überlebensvorteil. Professorin Psaltopoulou betont daher, dass die Prävention – durch systematische Mückenbekämpfung auf staatlicher Ebene und individuellen Insektenschutz – die einzige wirksame Strategie darstellt, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen.