Griechenland – Im Fall um die griechische Bäckereikette „Choriatiko“ beginnen die Anhörungen der Beschuldigten. 30 Personen sollen am Vormittag vor der Justiz erscheinen, der 57-jährige Firmeninhaber am Nachmittag. Zugleich geraten mögliche Verbindungen des mutmaßlichen Netzwerks zu Polizisten und Mitarbeitern staatlicher Kontrollbehörden in den Fokus.
Die mehr als 500 Seiten umfassende Ermittlungsakte betrifft den Verdacht auf umfangreiche Steuerhinterziehung und Geldwäsche. Sie enthält auch Hinweise auf Staatsbedienstete, die Kontrollen verhindert, angekündigt oder Verstöße übersehen haben sollen. Der Vorgang wird deshalb an die Dienststelle für Innere Angelegenheiten der griechischen Polizei weitergeleitet, die die Rolle der genannten Personen prüfen soll.
Im Mittelpunkt steht der 57-jährige Eigentümer von „Choriatiko“ und weiteren bekannten Bäckereiketten. Innerhalb der mutmaßlichen Gruppe soll er unter den Spitznamen „der Große“ und „Daddy“ bekannt gewesen sein. Die Ermittlungsunterlagen beschreiben ein System von Decknamen, das die Beteiligten zur Verschleierung ihrer Aktivitäten genutzt haben sollen.
Hinweise auf Informanten innerhalb der Polizei
Die Ermittler versuchen, zwei möglicherweise beteiligte Polizeibeamte zu identifizieren. Einer von ihnen soll Informationen über bevorstehende Kontrollen in Betrieben der Gruppe weitergegeben haben. Ein zweiter soll von einem Beschuldigten 1.500 Euro erhalten haben. Wofür das Geld bestimmt war, ist bislang ungeklärt.
Darüber hinaus wird eine mögliche dritte Verbindung zur Polizei untersucht. Ein weiterer Insider könnte den 57-Jährigen vor seiner bevorstehenden Festnahme gewarnt haben. Nach den vorliegenden Angaben wechselte er daraufhin wiederholt seine Verstecke, wurde schließlich aber gefasst. Ob tatsächlich ein Polizist die Warnung übermittelte, ist noch offen.
Lippenstifte und Parfüms als mutmaßliche Bestechungsgeschenke
Auch Beschäftigte der griechischen Steuerverwaltung, des Sozialversicherungsträgers EFKA und der Arbeitsinspektion stehen im Mittelpunkt der Untersuchungen. Innerhalb der Gruppe sollen Kontaktpersonen unter Bezeichnungen wie „Patenkinder“, „unsere Leute“, „Cousinen“ und „Tanten“ geführt worden sein. Solche Verbindungen könnten genutzt worden sein, um Kontrollen vorab zu erfahren oder unerwünschte Prüfergebnisse abzuwenden.
Besonders auffällig ist der mutmaßliche Einsatz von Geschenken, die intern als „Lippenstifte“ bezeichnet worden sein sollen. Hinter dem Begriff steckten den Angaben zufolge tatsächlich Kosmetikartikel. Eine 47-jährige Frau, die als wichtigste Vertraute des mutmaßlichen Drahtziehers gilt, soll nach einem Arbeitsunfall in einer Bäckerei an der Athener Syngrou-Allee tätig geworden sein.
Sie habe zunächst mit einer leitenden Mitarbeiterin der Arbeitsinspektion gesprochen und anschließend einen Vertrauten angewiesen, Parfüms und Lippenstifte für mindestens zehn an der Kontrolle beteiligte Staatsbedienstete zu kaufen. Nach dem Verdacht der Ermittler sollten diese Geschenke dazu dienen, Verstöße zu übersehen. Ob ähnliche Zuwendungen regelmäßig verteilt wurden, wird ebenso geprüft wie mögliche direkte Geldflüsse an Behördenmitarbeiter.
Millionenbeträge im Ausland und eine Immobilie auf Mykonos
Ein weiterer Teil der Ermittlungen konzentriert sich auf den Verbleib mutmaßlich illegaler Einnahmen. Hohe Summen sollen ins Ausland gelangt sein, insbesondere nach Bulgarien, in die Niederlande und nach Dänemark. Für den Kauf einer Immobilie auf Mykonos sollen mindestens 2,6 Millionen Euro aufgewendet worden sein. Die Ermittler vermuten dahinter den Versuch, Gewinne aus illegalen Geschäften zu waschen.
Daneben soll das Netzwerk Scheinfirmen in Dubai genutzt haben. Nach dem beschriebenen Modell stellte eine dritte Person diesen Gesellschaften Rechnungen über Beträge aus, die zehn Prozent der Gewinne entsprachen. Das Geld sei zunächst ins Ausland überwiesen und anschließend als Bargeld nach Griechenland zurückgeführt worden. Die griechische Polizeieinheit, die häufig als „griechisches FBI“ bezeichnet wird, hat diese verdächtigen Geldwege untersucht.
Vorwürfe des Menschenhandels rund um vier Nachtlokale
Die Ermittlungen umfassen zudem schwere Anschuldigungen gegen Betreiber von Nachtlokalen aus dem Umfeld der Gruppe. Genannt werden zwei Stripclubs an der Syngrou-Allee, ein weiterer im Athener Stadtteil Ilisia und ein Lokal auf Mykonos.
Dort sollen Frauen durch Druck und Erpressung zur Prostitution gezwungen worden sein. Nach dem bisherigen Verdacht flossen Einnahmen aus dieser mutmaßlichen Ausbeutung in die Bäckereibetriebe, um ihre illegale Herkunft zu verschleiern. Es handelt sich um Vorwürfe, deren strafrechtliche Bewertung und individuelle Verantwortlichkeiten noch zu klären sind.