Athen – Vom 27. bis zum 29. März verwandelt sich die griechische Hauptstadt in ein globales Zentrum für zeitgenössische Literatur und intellektuellen Austausch. Die Stadtverwaltung von Athen organisiert auf dem historischen Industriegelände der Technopolis das erste Internationale Literaturfestival der Stadt (AILF). Bei freiem Eintritt versammelt die dreitägige Veranstaltung ein breites Spektrum an internationalen Schriftstellern, Journalisten, Akademikern und Kunstschaffenden.
Der Fokus des umfangreichen Programms liegt auf drängenden gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Fragestellungen der Gegenwart. Der Athener Bürgermeister ließ im Vorfeld verlauten, dass das Festival unterschiedlichste Stimmen, Erfahrungen und Sorgen an einem Tisch zusammenführe und die Literatur als lebendiges Instrument für gesellschaftliches Verständnis und Intervention positioniere. Die Technopolis werde zu einem zentralen Treffpunkt für Leser aus dem In- und Ausland, wobei das Programm Themen von moderner Prosa über Geschlechterfragen bis hin zum Dialog zwischen Literatur und Film abdecke. Das übergeordnete Ziel sei es, die Literatur aus den Regalen zu holen und direkt in die Gesellschaft zu integrieren.
Internationale Preisträger und tiefgreifende Gesellschaftsanalysen
Im Zentrum der Veranstaltung stehen ausführliche Diskussionsrunden, die das Gesamtwerk renommierter internationaler Gastautoren beleuchten. Der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2025, László Krasznahorkai, wird sich mit der Literaturkritikerin des Magazins The New Yorker, Merve Emre, austauschen. Themen dieser Begegnung sind Gewalt, politischer Verfall sowie die widerständige Kraft des Schreibens in einer von Krisen geprägten Welt. Parallel dazu erörtert der amtierende Booker-Preisträger David Szalay gemeinsam mit der Autorin Sophia Nikolaidou die komplexe Verbindung zwischen literarischem Schaffen und Geschlechterrollen.
Basis dieser Unterhaltung bildet Szalays Roman “Fleisch”, der Fragen zu Identität, Macht und sozialer Erfahrung aufwirft. Ein weiterer Gewinner des Booker-Preises, der irische Schriftsteller Paul Lynch, diskutiert mit Nikos Mantis über den aktuellen Aufschwung der irischen Prosa und die wachsenden literarischen Herausforderungen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Der irische Autor Kevin Barry widmet sich im Gespräch mit dem Übersetzer Christos Asteriou unkonventionellen Romanhelden und seinen erzählerischen Entscheidungen, ausgehend von seinen Werken “Nachtboot nach Tanger” und “Herz im Winter”.
Die vielschichtigen Aspekte der Geschlechterrollen bilden ein eigenes thematisches Schwergewicht. In der Diskussionsrunde zur Repräsentation von Gewalt gegen Frauen, an der Selva Almada, Katharina Volckmer und Vicky Tselepidou teilnehmen, wird anhand von Werken wie Almadas “Tote Mädchen” und Tselepidous “Das Rudel” analysiert, wie geschlechtsspezifische Gewalt sprachlich oft verschwiegen wird. Die Moderation übernimmt Anastasia Grigoriadou.
Eine andere Perspektive auf Geschlechterfragen bietet das Panel über männliche und weibliche literarische Charaktere, in dem Nicole Krauss und David Szalay im Dialog mit Kostas Kaltsas untersuchen, wie Verwundbarkeit und Männlichkeit in der modernen Prosa dargestellt werden. Nicole Krauss wird zudem in einem separaten Gespräch mit Lefteris Kalospyros ihre komplexen Erzählmechanismen und die Einflüsse auf ihr Werk darlegen.
Die Argentinierin Selva Almada trifft außerdem auf die Journalistin Tina Mandilara, um über die Verwandlung lokaler Ereignisse in globale literarische Erfahrungen zu debattieren. Die deutsche Autorin Katharina Volckmer spricht mit der Lyrikerin Danai Sioziou über das Schreiben als Raum der Risikobereitschaft.
Politische Krisen, Rassismus und das Erbe der Antike
Das Festival scheut sich nicht, harte politische Realitäten und ideologische Konflikte zu thematisieren. Der ehemalige französische Fußballnationalspieler und heutige Aktivist Lilian Thuram wird ausgehend von seinem Buch “Weißes Denken” rassistische Stereotype analysieren. Begleitet wird er von Demis Nikolaidis und Loretta Macauley, während Panagiotis Menegos die Leitung des Panels innehat. Eine zentrale Diskussionsrunde befasst sich mit dem Erstarken des Autoritarismus und der extremen Rechten in Europa.
László Krasznahorkai, die deutsche Publizistin Carolin Emcke, der Historiker Kostis Karpozilos und der Direktor der Technopolis, Kostis Papaioannou, diskutieren, wie Hass im öffentlichen Diskurs zur Normalität wird und welche Grenzen die politische Literatur in Zeiten der Unsicherheit hat. Auch historische Rückgriffe spielen eine Rolle: Der italienische Schriftsteller Matteo Nucci erörtert mit dem Archäologieprofessor Dimitris Plantzos anhand seines Buches “Die Tränen der Helden” die zeitgenössische politische Nutzung der Antike.
Die Zukunft des Lesens, Filmbeziehungen und lokale Hommagen
Die Rolle der Literatur in der modernen Aufmerksamkeitsökonomie wird von Thomas Meaney, dem Direktor des Magazins Granta, und Merve Emre im Gespräch mit dem Journalisten Athos Dimoulas beleuchtet. Sie analysieren die Herausforderungen durch digitale Ablenkungen für das klassische Lesen. Die Schnittstelle zwischen Buch und bewegtem Bild erforschen die Autoren Nikos Panagiotopoulos, Kallia Papadaki und Panagiotis Evangelidis gemeinsam mit dem Regisseur Yannis Economides.
Die Bedeutung kollektiver Leseerfahrungen wird in einem Panel über Buchclubs unterstrichen, das von Vivi Georgantopoulou angeführt und von Mikela Chartoulari moderiert wird. Ein fester Bestandteil des neuen Festivals ist die Sektion “Die Athen der Schriftsteller”, die aufzeigt, wie die griechische Hauptstadt als Inspiration dient. In diesem Jahr steht der Nachkriegsautor Menis Koumandareas im Mittelpunkt. Theodoros Grigoriadis, Eliana Chourmouziadou, Christos Chrysopoulos und Maria Fakinou analysieren die Atmosphäre Athens, wie sie in seinen 24 Büchern beschrieben wird.
Für eine tiefere Auseinandersetzung bietet das Festival kostenpflichtige Meisterklassen mit Paul Lynch und Nicole Krauss an. Die Hauptveranstaltungen finden im Amphitheater Miltiadis Evert sowie in den sogenannten Reinigungstanks der Technopolis statt und werden durch Simultanübersetzungen in Griechisch, Englisch und Gebärdensprache begleitet. Nach den Panels können Besucher bei den Alten Öfen an Buchsignierungen teilnehmen. Bücher und offizielles Festival-Merchandise sind im Shop der Technopolis und im Bookcafe bei INNOVATHENS erhältlich. Das Rahmenprogramm umfasst weitere Vorführungen und musikalische Ereignisse, die den Anspruch unterstreichen, ein offener Raum für Ideen und Geschichten in der griechischen Metropole zu sein.