Griechenland – Die griechische Eisenbahn steht vor einem umfassenden Modernisierungsprozess unter deutscher Aufsicht. Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung durch den Zentralstaat hat der Verwaltungsrat der Organisation der Eisenbahnen Griechenlands (OSE) beschlossen, in die zweite Phase eines geschlossenen Ausschreibungsverfahrens einzutreten. Den Zuschlag als technischer Berater für die kommenden fünf bis zehn Jahre erhält die DB Engineering & Consulting GmbH, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn, welche als einziges Unternehmen offizielles Interesse an der Position des “Technical Managers” bekundet hatte.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Deutsche Bahn sichert sich einen Vertrag über bis zu 61,95 Millionen Euro.
- Ein deutsches Projektteam wird direkt in die operative Führung der griechischen Bahn integriert.
- Das Investitionsportfolio der Bahn umfasst über 180 Projekte mit einem Volumen von 13 Milliarden Euro.
- Bis 2030 sollen Elektrifizierung und digitale Leitsysteme landesweit umgesetzt werden.
- Die politische Opposition fordert parallel Aufklärung über massive Personalengpässe.
Ein 62-Millionen-Euro-Vertrag für die Deutsche Bahn
Das seit Januar laufende geschlossene Vergabeverfahren geht nun in die entscheidende Phase. Obwohl im Vorfeld über das Interesse französischer und Schweizer Bahnunternehmen spekuliert wurde, reichte letztlich kein anderer internationaler Betreiber ein offizielles Angebot ein. Die italienischen Staatsbahnen nahmen zwar an dem Prozess teil, formalisierten ihr anfängliches Interesse jedoch nicht. Somit wird das griechische Schienennetz künftig maßgeblich durch die Deutsche Bahn geprägt, die als alleiniger Bieter für den lukrativen Vertrag übrig blieb.
Die finanzielle Ausgestaltung sieht ein stufenweises Vorgehen vor. Die anfängliche Vertragssumme beläuft sich auf 30,98 Millionen Euro inklusive Mehrwertsteuer für eine Laufzeit von fünf Jahren. Es besteht die vertraglich festgelegte Option auf eine gleichlange Verlängerung, wodurch sich das Gesamtvolumen auf 61,95 Millionen Euro für ein ganzes Jahrzehnt verdoppelt. Gemäß den Ausschreibungsunterlagen wird die deutsche Beratungsgesellschaft als operativer Partner mit täglicher Präsenz in das System integriert und erhält maßgeblichen Einfluss auf kritische Netzwerkfunktionen.
Einsatzstruktur und sieben Kernbereiche des Managements
Das Konzept des technischen Managers sieht eine “Embedded Operational Leadership” vor. Die DB Engineering & Consulting GmbH wird ein zentrales Projektteam aus spezialisierten Führungskräften mit internationaler Erfahrung direkt bei der OSE installieren. Diese Experten werden physisch in den Zentralen, an Bahnhöfen, in den Verkehrskontrollzentren und auf Wartungsbaustellen präsent sein, um neue Betriebspraktiken zu implementieren. Bei Bedarf kann ein zusätzliches Projektteam aktiviert werden, um administrative, rechtliche oder hochspezifische technische Fragen zu klären.
Die Aufgabenstellung gliedert sich in sieben strategische Säulen. Im Bereich der Sicherheit steht die Stärkung des Sicherheitsmanagementsystems (SMS) nach europäischen Standards sowie die Einführung von Risikomanagement-Mechanismen im Fokus. Beim Netzwerkbetrieb wird die Optimierung der Verkehrsleitzentren forciert, während die Infrastrukturwartung künftig auf strengen Service Level Agreements (SLAs) und prädiktiver Instandhaltung basieren soll. Weitere Säulen umfassen die Koordination des Bauportfolios, die digitale Transformation mit Echtzeit-Datenüberwachung, die Entwicklung des Personals sowie die Verbesserung der allgemeinen Corporate Governance und Transparenz.
Investitionsprogramm über 13 Milliarden Euro
Die Einsetzung der deutschen Experten ist direkt an ein massives Investitionsprogramm gekoppelt. Das aktuelle Portfolio der griechischen Bahngesellschaft übersteigt ein Volumen von 13 Milliarden Euro und umfasst mehr als 180 Projekte in unterschiedlichen Phasen der Planung, Konstruktion oder Modernisierung. Finanziert werden diese Vorhaben durch nationale Mittel, den Kohäsionsfonds (ESPA), die Aufbau- und Resilienzfazilität (RRF) der EU sowie die Fazilität “Connecting Europe” (CEF). Die geografische Planung orientiert sich an den Transeuropäischen Verkehrsnetzen, spezifisch am Korridor Westbalkan-Östliches Mittelmeer (Patras – Athen – Thessaloniki – Idomeni/Promachonas) und dem Korridor Ostsee-Schwarzes Meer-Ägäis (Thessaloniki – Alexandroupoli – Pythio – Ormenio).
Für den Zeitraum 2026 bis 2030 hat das zuständige Ministerium folgende prioritäre Bauvorhaben definiert:
- Fertigstellung des Zugbeeinflussungssystems ERTMS (ETCS Level 1 und GSM-R) auf der Achse Athen – Thessaloniki – Promachonas.
- Vollständige Elektrifizierung und Aufwertung der Strecken Thessaloniki – Promachonas, Thessaloniki – Strymonas sowie Alexandroupoli – Pythio – Ormenio.
- Wiederherstellung des thessalischen Streckennetzes zwischen Larisa und Volos sowie Paleofarsalos und Kalambaka.
- Abschluss der Bauarbeiten auf dem Abschnitt Rio – Neuer Hafen Patras inklusive Vorortbahn-Erweiterungen nach Lavrio und West-Thessaloniki.
- Infrastrukturelle Aufwertung der Trasse SKA – Oinoi – Tithorea und Komplettmodernisierung des Athener Hauptbahnhofs.
- Nationale Implementierung des Wartungsplans und Einführung der Plattform railway.gov.gr zur Echtzeitüberwachung der Anlagen.
Parlamentarische Anfrage zur Sicherheit und personellen Besetzung
Parallel zu den ambitionierten Expansionsplänen geraten die grundlegenden Betriebsbedingungen in den Fokus der nationalen Politik. Anastasios Nikolaidis, Parlamentsabgeordneter der PASOK-Bewegung des Wandels für die Region Drama, brachte die Themen Netzwerksicherheit und Personalmangel in das Parlament ein. In einer formellen Anfrage an den Minister für Infrastruktur und Verkehr, Christos Dimas, forderte er Aufklärung über die aktuelle Lage auf den Schienen.
Der Abgeordnete argumentierte, dass die Verkehrssicherheit eine grundlegende Verpflichtung des Staates sei. Er verlangte die strikte Umsetzung der europäischen Gesetzgebung zur Unfallprävention sowie konkrete Antworten zur Häufigkeit der präventiven Eingriffe in die Infrastruktur. Darüber hinaus forderte Anastasios Nikolaidis detaillierte Zahlen zur personellen Besetzung der Siderodromi Ellados M.A.E., um offenzulegen, wie viele Planstellen nach Fachgebieten derzeit unbesetzt sind und wie die Vakanzen beim ständigen Personal behoben werden sollen.