Griechenland steht angesichts rasanter geopolitischer und geoökonomischer Verschiebungen vor der zwingenden Notwendigkeit, sein wirtschaftliches Produktionsmodell grundlegend umzustrukturieren. Die globalen Veränderungen, die durch technologische Entwicklungen und eine Verlagerung des wirtschaftlichen Schwerpunkts in den asiatischen Raum sowie den globalen Süden gekennzeichnet sind, verändern die Bedingungen des internationalen Handels massiv.
Westliche Volkswirtschaften verzeichnen einen relativen Rückgang ihrer Dominanz, was Länder wie Kanada und verschiedene europäische Staaten dazu veranlasst, neue wirtschaftliche Allianzen mit China, Indien und Lateinamerika zu sondieren. In diesem Umfeld, in dem historische Protektionismusmaßnahmen und Zölle als Druckmittel zurückkehren, rückt die Notwendigkeit der Importsubstitution und der Verringerung strategischer Abhängigkeiten europaweit in den Vordergrund.
Gleichzeitig verlangsamen sich bisherige Pläne zur grünen Wende, während fossile Energieträger wie Öl und Erdgas wieder an Bedeutung gewinnen. Die griechische Wirtschaftspolitik steht vor der Aufgabe, Finanzmittel gezielt in produktive Investitionen umzuleiten. Während der COVID-19-Pandemie traten erhebliche Lücken in den Lieferketten zutage, was im Gesundheitssektor zu ersten Rückverlagerungen von Produktionsstätten auf den europäischen Kontinent führte, an denen sich auch griechische Pharmaunternehmen erfolgreich beteiligten. Nun erfordert die weltwirtschaftliche Lage eine Ausweitung dieser Reindustrialisierung auf alle Schlüsselsektoren des Landes, flankiert von einer tieferen Integration der europäischen Kapitalmärkte zur Finanzierung dieses Wandels.
Anpassungsdruck auf die Industrie und ungenutzte Potenziale
Trotz der weltweiten Herausforderungen haben in den vergangenen Jahren mehrere griechische Großunternehmen das erforderliche kritische Volumen erreicht, um auf den internationalen Märkten wettbewerbsfähig zu agieren. Konzerne aus den Bereichen Erdölraffinerie, Metallurgie, Aluminiumbau, Zementproduktion, Bauwesen und Lebensmittelverarbeitung weisen eine starke internationale Präsenz auf. Zu den international agierenden Akteuren gehören Hellenic Petroleum, Motor Oil, Viohalco, Metlen, GEK TERNA, Aktor, Titan, Melissa, Hellenic Dairies, FAGE und Kri Kri sowie die traditionell starke griechische Handelsschifffahrt. Diese Unternehmen demonstrieren funktionierende Produktionskapazitäten jenseits der Landesgrenzen.
Dennoch bleibt die Gesamtanzahl dieser international ausgerichteten Unternehmen gering, was darauf hindeutet, dass die griechische Wirtschaft als Ganzes noch nicht ausreichend auf die wettbewerbsfähige Produktion von international handelbaren Gütern und Dienstleistungen ausgerichtet ist. Die Möglichkeiten zur umfassenden produktiven Neuausrichtung, die der europäische Aufbau- und Resilienzfonds bot, wurden von den zuständigen griechischen Behörden in der Vergangenheit nicht in vollem Umfang ausgeschöpft. Die aktuellen geopolitischen Rahmenbedingungen erfordern nun eine sofortige Neudefinition der wirtschaftspolitischen Prioritäten, ohne weiteren Aufschub oder Vorbehalte.
Strategische Neuausrichtung und Aufbau robuster Wertschöpfungsketten
Die veränderte Weltlage erfordert eine konsequente Umleitung der wirtschaftlichen Ressourcen in produktive Investitionen, die das Wirtschaftsmodell des Landes dauerhaft transformieren können. Im Fokus steht dabei die Wiederbelebung der nationalen Lebensmittelproduktion und deren strategische Verknüpfung mit dem Tourismussektor. Gleichzeitig wird die Reaktivierung ruhender Bergbauaktivitäten angestrebt, um im globalen Wettbewerb um Seltene Erden verborgene Rohstoffpotenziale zu heben. Parallel dazu müssen die infrastrukturellen und technologischen Voraussetzungen für die Integration von Künstlicher Intelligenz in die Güter- und Dienstleistungsproduktion geschaffen werden. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Strategie ist die Modernisierung von Energie- und Transportnetzen, die Neuorganisation von Industriegebieten sowie der Ausbau von Lager- und Verarbeitungskapazitäten entlang internationaler Handelsrouten.
Das erklärte Ziel international agierender Unternehmen ist die Schaffung kohärenter Wertschöpfungsketten, ein strukturelles Konzept, das auf den Wirtschaftswissenschaftler Michael Porter zurückgeht. Dieser Ansatz umfasst primäre Aktivitäten wie die direkte Produktion, den Vertrieb, die Lagerung von Rohstoffen und den Kundendienst sowie unterstützende Funktionen wie Unternehmensführung, Personalmanagement, technologische Forschung und Entwicklung sowie das Beschaffungswesen. Die griechische Wirtschaft ist zwingend darauf angewiesen, derartige belastbare Wertschöpfungsketten zu etablieren, um externe Kosten zu kontrollieren und in der gegenwärtigen globalen Wirtschaftsordnung bestehen zu können.