Griechenland – Der Internationale Währungsfonds (IWF) bescheinigt den griechischen Staatsfinanzen eine historische Erholung, fordert jedoch gleichzeitig tiefgreifende steuerliche Anpassungen. Im Rahmen der aktuellen Artikel-IV-Konsultation verzeichnet die Organisation einen beispiellosen Rückgang der Staatsverschuldung auf 145 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Während die makroökonomischen Indikatoren die Erwartungen übertreffen, drängt der Fonds nun auf eine gezielte Stärkung der Kaufkraft sowie die Abschaffung etablierter Steuerprivilegien, um die wirtschaftliche Stabilität nachhaltig auf die privaten Haushalte zu übertragen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Staatsverschuldung sank innerhalb von fünf Jahren um 65 Prozentpunkte auf 145 Prozent des BIP.
- Das primäre Haushaltsdefizit verzeichnete für das Jahr 2025 einen Überschuss von über 4 Prozent.
- Der IWF fordert die Einführung eines Mechanismus gegen die kalte Progression bei der Einkommensteuer.
- Steuerbefreiungen, wie der um 30 Prozent reduzierte Mehrwertsteuersatz auf den Inseln, stehen auf dem Prüfstand.
- Staatliche Energiehilfen sollen künftig ausschließlich zielgerichtet und temporär erfolgen.
Historischer Schuldenabbau und wirtschaftliche Erholung
Die aktuellen wirtschaftlichen Kennzahlen markieren einen Wendepunkt in der jüngeren Finanzgeschichte des Landes. Der Leiter der IWF-Mission, Joong Shik Kang, bezeichnete die Entwicklung der Staatsschulden offiziell als “enorme Errungenschaft”. Innerhalb von nur fünf Jahren reduzierte sich die Schuldenlast um 65 Prozentpunkte, was das Niveau auf 145 Prozent des Bruttoinlandsprodukts senkte. Diese Konsolidierung übertrifft die bisherigen Prognosen der internationalen Finanzinstitutionen deutlich.
Parallel zur Entschuldung verzeichnete der griechische Staatshaushalt für das Jahr 2025 einen Primärüberschuss von mehr als 4 Prozent des BIP. Das ursprüngliche Haushaltsziel lag bei lediglich 3,7 Prozent. Diese positive fiskalische Abweichung wird maßgeblich durch Rekordwerte im Tourismussektor gestützt. Gleichzeitig fiel die Arbeitslosenquote auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008, was die allgemeine Stabilisierung des Arbeitsmarktes unterstreicht.
Hinsichtlich staatlicher Interventionen bei Preisschwankungen mahnt die Institution zur Vorsicht. Der IWF erkennt die finanzielle Kapazität des aktuellen Haushalts an, warnt jedoch vor pauschalen Unterstützungsmaßnahmen. Zukünftige Energiehilfen für Haushalte müssen strikt zielgerichtet und zeitlich befristet sein. Horizontale Subventionen, die lediglich Verbraucherpreise deckeln, verursachen nach Ansicht der Experten Marktverzerrungen und belasten die öffentlichen Finanzen unnötig.
Neue Vorgaben für Steuern und Kaufkraft
Trotz der makroökonomischen Erfolge betont der Bericht, dass fiskalische Überschüsse keinen Selbstzweck darstellen dürfen. Die Finanzpolitik muss sich in der kommenden Phase zwingend auf die Steigerung der realen Kaufkraft und die Bewältigung der Wohnungskrise konzentrieren. Ein zentrales Instrument hierfür ist die Anpassung der Einkommensteuer an die Inflationsentwicklung.
Der Währungsfonds fordert die Etablierung eines transparenten Anpassungsmechanismus für Steuerfreibeträge und Tarifstufen. Ohne eine solche Indexierung führt die Inflation zu einer schleichenden Steuererhöhung, der sogenannten kalten Progression, bei der nominale Lohnerhöhungen durch höhere Steuersätze neutralisiert werden. Der Gouverneur der Bank von Griechenland (BoG), Giannis Stournaras, hatte bereits vor Monaten auf genau diese Problematik hingewiesen, die das verfügbare Einkommen der Bürger kontinuierlich schmälert.
Diese Entlastung ist jedoch an strikte Bedingungen geknüpft. Die internationalen Prüfer verlangen im Gegenzug die konsequente Streichung bestehender Steuervergünstigungen. Diese sogenannten Steuerabschreibungen, die jährlich den Staatshaushalt belasten, sollen durch ein mehrjähriges Evaluierungssystem auf ihre Effizienz und soziale Gerechtigkeit überprüft werden. Ineffektive Subventionen müssen nach dem Willen des Fonds vollständig abgeschafft werden.
Streichung von Steuerprivilegien und Investitionen
Die Forderung nach dem Abbau von Steuerprivilegien betrifft tief verwurzelte Strukturen der griechischen Wirtschaft. Im Fokus der Kritik stehen unter anderem spezielle Ausnahmeregelungen für Freiberufler sowie der um 30 Prozent reduzierte Mehrwertsteuersatz, der traditionell auf verschiedenen Ägäisinseln zur Förderung der lokalen Wirtschaft angewendet wird. Der IWF fordert keine sofortige, blinde Streichung aller Vergünstigungen, sondern eine systematische, periodische Überprüfung, um ungerechtfertigte Privilegien zu eliminieren.
Darüber hinaus sieht der Bericht erheblichen Handlungsbedarf bei der Vergabe öffentlicher Aufträge. Die griechische Regierung wird aufgefordert, elektronische Vergabeverfahren (E-Procurement) zu zentralisieren, schärfer zu überwachen und auszuweiten. Diese Maßnahme soll die Effizienz und Transparenz bei die Umsetzung öffentlicher Investitionsprojekte signifikant erhöhen.
Für die Zeit nach dem Auslaufen des europäischen Wiederaufbaufonds im August 2026 zeigt sich die Delegation optimistisch. Die bereits bewilligten Kredite werden Investitionen für weitere drei Jahre garantieren. Zudem profitiert die griechische Wirtschaft von zukünftigen europäischen Strukturfonds und einem kontinuierlichen Zufluss privater Investitionskapitalien, was die Basis für ein nachhaltiges Wachstum über das Jahr 2026 hinaus sichert.