Griechenland – Die Warnungen der Internationalen Energieagentur (IEA) beschränken sich nicht mehr nur auf steigende Preise, sondern deuten auf eine reale Verknappung von Treibstoffen hin. Die zentrale Frage auf dem Energiemarkt ist derzeit nicht primär, wie teuer Diesel wird, sondern ob die generelle Versorgungssicherheit aufrechterhalten werden kann. Der europäische Energiemarkt tritt in eine Phase ein, die die Merkmale eines tiefgreifenden Angebotsschocks aufweist. Die IEA hat eindringlich darauf hingewiesen, dass die Monate April und Mai 2026 zu tatsächlichen Engpässen bei Diesel und Flugbenzin führen könnten.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Internationale Energieagentur warnt vor konkreten Treibstoffengpässen im Frühjahr 2026.
- Die Verknappung betrifft primär Diesel und Flugbenzin, die essenziell für die Wirtschaft sind.
- Griechenland ist dank eigener Raffinerien relativ abgesichert, bleibt aber den Preisschwankungen ausgeliefert.
- Der Dieselpreis könnte in einem extremen Szenario in Europa die Marke von 2,20 Euro pro Liter überschreiten.
- Eine sofortige geopolitische Entspannung würde die Preise an den Zapfsäulen nur stark verzögert senken.
Die Ursache für diese Entwicklung liegt nicht allein in den geopolitischen Spannungen im Nahen Osten, sondern vor allem in deren direkten Auswirkungen auf die Raffinerie- und Transportkette. Der Markt wird nicht nur durch den hohen Preis für Brent-Rohöl unter Druck gesetzt, das zunehmend die Marke von 110 US-Dollar pro Barrel erreicht, sondern vorrangig durch die eingeschränkte Verfügbarkeit spezifischer Kraftstoffe. Diesel, das Rückgrat des Transportwesens und der Logistikketten, zeigt weltweit bereits Anzeichen einer Verknappung, wobei der asiatische Markt große Ladungen absorbiert und Europa dadurch einer höheren Unsicherheit ausgesetzt bleibt. In diesem Kontext ist auch die Einschätzung von Wael Sawan, dem Vorstandsvorsitzenden von Shell, relevant. Er betonte kürzlich, dass Europa bei einer Fortsetzung der Krise bereits ab April mit echten Treibstoffengpässen konfrontiert sein könnte.
Die Auswirkungen der Treibstoffknappheit auf die europäische Wirtschaft
Für den europäischen Raum zeichnet sich keine gleichmäßige Krise ab, sondern ein gezielter Druck auf kritische Sektoren. Diesel beeinflusst unmittelbar den Straßentransport, die Industrieproduktion und die Landwirtschaft, während Flugbenzin essenziell für den Tourismus und die Luftfahrt ist. Sollte sich die Verknappung manifestieren, werden die Auswirkungen nicht nur an den Tankstellen spürbar sein, sondern das generelle Kostenniveau der Wirtschaft erhöhen. Die Lage verschärft sich auch aufgrund des zeitlichen Ablaufs. Im März wurde der Markt noch mit Ladungen versorgt, die vor der Eskalation der Spannungen disponiert waren. Ab April reduzieren sich jedoch die neuen Lieferströme.
In einem Basisszenario, bei dem der Preis für Brent-Rohöl zwischen 110 und 120 US-Dollar pro Barrel liegt und die Raffineriemargen begrenzt sind, könnte sich der durchschnittliche Dieselpreis in weiten Teilen Europas in Richtung 1,90 bis 2,10 Euro pro Liter bewegen. In einem extremeren Szenario mit einer weiteren Reduzierung des Angebots ist es nicht ausgeschlossen, dass die Preise 2,20 Euro überschreiten. Dies resultiert nicht nur aus den reinen Kosten, sondern auch aus dem Verfügbarkeitsaufschlag, den der Markt zahlt, wenn ein Produkt schwer zu beschaffen ist. Für die europäische Wirtschaft bedeutet dies einen unmittelbaren Kostenanstieg. Ein Lastkraftwagen mit einem monatlichen Verbrauch von 1.000 Litern verzeichnet Mehrkosten von 200 bis 400 Euro im Vergleich zum Jahresbeginn, was sich rasch in den Endverbraucherpreisen niederschlagen wird. Gleichzeitig könnten Fluggesellschaften, die bereits mit erhöhten Treibstoffkosten operieren, diese Belastung vor Beginn der Tourismussaison auf die Ticketpreise umlegen. Die Europäische Union verfügt zwar über Instrumente wie strategische Reserven, doch das aktuelle Problem betrifft primär die Fähigkeit des Systems, die benötigten Kraftstoffe zur richtigen Zeit zu produzieren und zu transportieren.
Zweigeteiltes Bild für den griechischen Markt
Für Griechenland stellt sich die Situation vielschichtig dar. Einerseits verfügt das Land über eine leistungsfähige Raffineriebasis und eine ausgeprägte Exportausrichtung, was hinsichtlich der reinen Verfügbarkeit von Kraftstoffen eine gewisse Schutzwirkung entfaltet. Andererseits ist der griechische Markt den internationalen Preisschwankungen für raffinierte Produkte vollständig ausgeliefert.
Sollte sich das Brent-Rohöl bei 115 US-Dollar einpendeln und die Raffineriemargen hoch bleiben, könnte der Preis für unverbleites Benzin (Super) an den griechischen Tankstellen eine Spanne von 2,05 bis 2,20 Euro pro Liter erreichen. Für Diesel wird ein ähnliches oder leicht höheres Preisniveau erwartet, was die stärkere Anspannung auf dem Markt für raffinierte Produkte widerspiegelt. In einem noch angespannteren Szenario mit starker Produktverknappung sind Dieselpreise von über 2,20 Euro möglich. Für einen durchschnittlichen griechischen Haushalt, der monatlich 120 Liter Kraftstoff verbraucht, bedeutet der Preisanstieg von 1,80 Euro auf 2,10 Euro eine Mehrbelastung von etwa 36 Euro. Bei gewerblichen Nutzern mit einem Verbrauch von 300 Litern steigen die Kosten um 90 Euro an. Ein kritischer Faktor ist, dass Griechenland in diese Phase unmittelbar vor dem Start der Tourismussaison eintritt, was sich indirekt auf die Nachfrage oder die Gewinnmargen der Reisebranche auswirken kann.
Langsame Preisanpassung trotz möglicher geopolitischer Entspannung
Selbst im Falle einer sofortigen geopolitischen Deeskalation würden die Energiemärkte nicht kurzfristig zur Normalität zurückkehren. Erfahrungswerte aus früheren Krisen belegen, dass es mindestens zwei bis vier Monate dauert, bis sich der reguläre Fluss der Öltransporte wieder stabilisiert. Eine vollständige Normalisierung der Preise nimmt oft sechs Monate oder länger in Anspruch. Dieser Verzögerungseffekt beruht auf der Systematik des Marktes: Frachtverträge für Rohöl und Raffinerieprodukte werden Wochen im Voraus geschlossen, Raffinerien benötigen Zeit, um ihre Produktionsmengen und -mischungen anzupassen, und gewerbliche Verträge sowie Transportversicherungen werden nicht augenblicklich revidiert.
In der Praxis bedeutet dies, dass Europa voraussichtlich bis in den Sommer hinein mit erhöhten Preisen für Diesel und Flugbenzin rechnen muss. Die Verfügbarkeitsaufschläge reduzieren sich erst sukzessive mit dem Auffüllen der Lagerbestände und der Wiederherstellung der Lieferketten. Für den griechischen Endverbraucher wird diese Verzögerung an den Zapfsäulen besonders deutlich sichtbar. Selbst wenn der Preis für Brent-Rohöl von 115 auf 95 oder 85 US-Dollar sinken würde, fiele der Endpreis nicht in derselben Geschwindigkeit. Die aktuellen Tankstellenpreise beinhalten Kraftstoffe, die zu höheren Tarifen eingekauft wurden. Folglich erfolgt die Preisreduzierung langsamer und asymmetrisch: Erhöhungen werden rasch weitergegeben, während Senkungen nur mit erheblicher Verzögerung beim Verbraucher ankommen.