Griechenland – Vor dem Hintergrund der eskalierenden militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten und der massiven Störungen der globalen Schifffahrtsrouten rückt die Energieversorgung Europas in den Fokus. Griechenland verzeichnet dabei die höchste Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus der Golfregion innerhalb der Europäischen Union.
Rund 20 Prozent des weltweiten Handels mit Erdöl und Erdgas passieren üblicherweise den Persischen Golf. Die anhaltenden Blockaden, insbesondere in der strategisch wichtigen Straße von Hormus, führen zu weitreichenden Verwerfungen auf den internationalen Energiemärkten. Laut einem aktuellen Bericht der US-Zeitung New York Times ist der griechische Markt besonders vulnerabel gegenüber diesen Lieferausfällen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Griechenland importiert 36 Prozent seines Energiebedarfs aus dem Nahen Osten.
- Der finanzielle Wert dieser Importe lag im Jahr 2024 bei 19 Milliarden US-Dollar.
- QatarEnergy meldet höhere Gewalt für langfristige LNG-Lieferverträge.
- Reparaturen an den katarischen Anlagen werden drei bis fünf Jahre dauern.
- Pakistan und Japan verzeichnen die höchsten Abhängigkeitsquoten in Asien.
Spitzenreiter in Europa: Die Struktur der griechischen Importe
Im europäischen Vergleich nimmt der südosteuropäische Staat eine absolute Sonderrolle ein. Die detaillierten Auswertungen für das Jahr 2024 belegen, dass 36 Prozent der gesamten griechischen Energieeinfuhren direkt aus dem Nahen Osten stammen. Diese Lieferungen bestehen fast ausschließlich aus Rohöl, welches für die Aufrechterhaltung der nationalen Treibstoffproduktion unerlässlich ist.
Die heimischen Raffinerien sind technologisch und logistisch stark auf diese spezifischen Rohölsorten aus der Golfregion ausgerichtet. Der finanzielle Umfang dieser strategischen Importe belief sich im vergangenen Jahr auf rund 19 Milliarden US-Dollar. Ein abrupter Wegfall oder eine signifikante Reduzierung dieser Lieferketten stellt somit ein unmittelbares Risiko für die nationale Versorgungssicherheit dar, da alternative Bezugsquellen kurzfristig nur schwer zu identifizieren und zu erschließen sind.
Europäischer Vergleich: Von Litauen bis in die Niederlande
Neben dem griechischen Markt weisen auch andere europäische Nationen eine erhebliche Verwundbarkeit auf. Litauen folgt auf dem zweiten Platz der europäischen Statistik. Dort machen die Einfuhren fossiler Brennstoffe aus den Golfstaaten 32 Prozent der nationalen Gesamtimporte aus, was einem finanziellen Gegenwert von sieben Milliarden US-Dollar entspricht. An dritter Stelle positioniert sich Polen mit einer Importquote von 30 Prozent.
Obwohl der prozentuale Anteil in Polen geringer ausfällt, liegt das absolute Handelsvolumen aufgrund der Marktgröße deutlich höher. Die polnischen Importe aus dieser Region summierten sich auf 28 Milliarden US-Dollar. Auch südosteuropäische Staaten wie Serbien, Bulgarien und Albanien beziehen signifikante Mengen aus dem Persischen Golf. Ein weiterer zentraler Abnehmerstaat in Südeuropa ist Italien, dessen Energieimporte zu 22 Prozent aus dem Nahen Osten stammen und einen Wert von 50 Milliarden US-Dollar erreichen. Die höchste absolute Importsumme innerhalb Europas verzeichneten jedoch die Niederlande mit 105 Milliarden US-Dollar. Aufgrund des gigantischen Gesamthandelsvolumens entspricht dies dort jedoch nur einem Anteil von zehn Prozent.
Höhere Gewalt in Katar und die Folgen für Flüssiggas
Ein beträchtlicher Teil der europäischen und insbesondere der italienischen Energieeinfuhren aus der Krisenregion entfällt auf verflüssigtes Erdgas (LNG). In diesem Segment dominieren die Lieferungen aus Katar den Markt. Nach gezielten militärischen Angriffen auf katarische Energieinfrastrukturen fielen zuletzt 17 Prozent der nationalen LNG-Produktionskapazitäten unvorhergesehen aus.
Als direkte Konsequenz dieser massiven Zerstörungen hat der staatliche Energiekonzern QatarEnergy offiziell höhere Gewalt, auch bekannt als Force Majeure, für ausgewählte langfristige Lieferverträge ausgerufen. Laut offiziellen Angaben des Vorstandsvorsitzenden von QatarEnergy werden die notwendigen Reparaturarbeiten an den beschädigten Anlagen voraussichtlich drei bis fünf Jahre in Anspruch nehmen. Diese langwierige Instandsetzung dürfte die ohnehin angespannte Lage auf dem europäischen Gasmarkt in den kommenden Jahren weiter verschärfen.
Massive Verwerfungen auf dem asiatischen Energiemarkt
Während die europäischen Staaten versuchen, ihre Lieferketten zu stabilisieren, trifft die Krise im Nahen Osten die asiatischen und afrikanischen Volkswirtschaften noch deutlich härter. Die Abhängigkeit vom Persischen Golf nimmt in Asien existenzielle Ausmaße an. Den höchsten relativen Anteil verzeichnet Pakistan, dessen Energieimporte im Jahr 2024 zu 81 Prozent aus der Golfregion stammten, was einem Wert von 17 Milliarden US-Dollar entsprach.
Auch die hochentwickelten asiatischen Industrienationen sind massiv exponiert. Japan deckt 57 Prozent seines Bedarfs durch Importe aus dem Nahen Osten ab, was finanzielle Mittel in Höhe von 139 Milliarden US-Dollar bindet. Es folgen Thailand mit 56 Prozent, Südkorea mit 55 Prozent sowie Indien mit 50 Prozent und einem Importwert von 180 Milliarden US-Dollar. Den größten absoluten Importeur stellt jedoch China dar. Die Volksrepublik bezog im Jahr 2024 fossile Brennstoffe im Rekordwert von über 400 Milliarden US-Dollar aus der Golfregion, was einem Viertel der gesamten chinesischen Energieimporte entspricht.