Griechenland – Die Auferstehung und das orthodoxe Osterfest sind in ganz Griechenland von tief verwurzelten Traditionen und regional einzigartigen Bräuchen geprägt. Von spektakulären visuellen Darbietungen bis hin zu jahrhundertealten lokalen Gewohnheiten zelebriert das Land den wichtigsten Feiertag der orthodoxen Kirche auf vielfältige Weise. Der Karsamstag bildet dabei den Höhepunkt der Karwoche, wobei sich die feierlichen Zeremonien vom griechischen Festland bis zu den Inseln in der Ägäis und im Ionischen Meer stark voneinander unterscheiden.
Das Wichtigste auf einen Blick
- In Argos trafen sich am Karfreitag die Epitaph-Prozessionen von fünf Kirchengemeinden im Stadtzentrum.
- Auf Korfu werden am Karsamstag traditionell Tonkrüge aus den Fenstern geworfen.
- Die Insel Chios ist Schauplatz eines massiven Raketenbeschusses zwischen zwei benachbarten Gemeinden.
- In Nordgriechenland erinnert ein ritueller Tanz an ein historisches Massaker aus dem Jahr 1821.
- In zahlreichen Regionen, darunter Thrakien und Kreta, wird traditionell eine Judas-Puppe verbrannt.
Feierliche Epitaph-Prozessionen: Tiefe Andacht in Argos
In einer Atmosphäre tiefer religiöser Andacht fand am späten Abend des Karfreitags in der Stadt Argos auf dem Peloponnes die traditionelle Begegnung der städtischen Epitaphien statt. Im Anschluss an den Gottesdienst der Klagelieder folgten die Gläubigen der fünf großen Pfarreien den blumengeschmückten Holzschreinen durch die Straßen der Stadt. Die Prozessionen der Kirchen Agios Petros, Agios Nikolaos, Agios Vasileios, Koimisi Theotokou und Agios Ioannis trafen sich wie jedes Jahr zentral auf dem Platz der Republik, der auch als Marktplatz bekannt ist. Kurz nach 21:30 Uhr versammelten sich dort Hunderte von Gläubigen mit brennenden Kerzen.
Während dieses Zusammentreffens trugen die Kantorinnen Christina Patapia Mitrou, Dimitra Mitrou und Priscilla Karageorgou die traditionellen Lobgesänge vor. Musikalisch begleitet wurde die Zeremonie von der Städtischen Philharmonie Argos unter der Leitung des Chefdirigenten Pelopidas Mavropoulos. An der feierlichen Veranstaltung nahmen auch Vertreter der lokalen Selbstverwaltung und politische Entscheidungsträger teil. Die Zeremonie markiert den traurigsten Tag der orthodoxen Karwoche, an dem die Gläubigen symbolisch den Leichnam Jesu zu Grabe tragen.
Feuerrituale und zerschellende Tonkrüge: Ostern auf den Inseln
Ein völlig anderes Bild bietet sich am Karsamstag, dem 11. April 2026, auf der Insel Korfu, wo eines der berühmtesten Osterspektakel des Landes stattfindet. Nach der ersten morgendlichen Verkündung der Auferstehung werfen die Bewohner große, mit Wasser gefüllte Tonkrüge, die sogenannten “Botia”, aus den Fenstern ihrer Häuser. Die engen Gassen der Altstadt sind dabei von den Klängen zahlreicher philharmonischer Orchester erfüllt. Ergänzt wird das Fest durch den Brauch des “Mastelo” und die abendliche Auferstehungsfeier auf der oberen Esplanade. Auf der Nachbarinsel Zakynthos verleihen die Prozession des Gekreuzigten und die lokalen Bräuche, die sogenannten “Antetia”, den Feiertagen eine besondere Note, während in Lefkada die Philharmonie ebenfalls das morgendliche Zerschlagen von Tongefäßen begleitet.
In der Ostägäis lockt die Insel Chios jährlich Tausende Besucher mit dem berühmten Raketenkrieg an. Am späten Abend des Karsamstags feuern die Mitglieder der rivalisierenden Pfarreien Agios Markos und Panagia Erithiani in der Ortschaft Vrontados Tausende von handgefertigten Leuchtraketen aufeinander ab und erhellen so den nächtlichen Himmel. Auf der Dodekanes-Insel Kos basteln Kinder bereits im Vorfeld kleine Konstruktionen mit Schießpulver für die Auferstehungsnacht. In Rhodos ziehen die Kinder hingegen am Lazarus-Samstag singend von Haus zu Haus. Einen besonders emotionalen Moment bietet die Insel Hydra im Saronischen Golf: Im Viertel Kamini tragen die Gläubigen den Epitaph direkt in das Meerwasser hinein, um die Boote der Seeleute zu segnen.
Historisches Gedenken im Norden und gemeinsame Feiern auf den Kykladen
In der Region Makedonien ist das Osterfest eng mit der nationalen Geschichte verknüpft. In Ierissos auf der Halbinsel Chalkidiki findet am Osterdienstag das Gedenkritual “Tou Maurou Niou t’ Aloni” statt. Die Einheimischen tanzen dabei den historischen “Kagkeleutos”, um an die Erschießung von 400 Bürgern aus Ierissos im Jahr 1821 zu erinnern. Das anschließende Beisammensein wird mit Kaffee, süßem Tsoureki-Brot und rot gefärbten Eiern begangen. Im thrakischen Metres verbrennen Kinder am Karfreitag eine Nachbildung des Judas, während in Limenaria auf der Insel Thassos der antike Regen-Brauch “Gia vrex’ Aprili m'” mit traditionellen Tänzen aus ganz Griechenland wiederbelebt wird. In Litochoro am Fuße des Olymp fertigen unverheiratete Frauen Stoffblumen für die Epitaphien an, die am Karfreitag auf dem örtlichen Basar eindrucksvoll präsentiert werden.
Die Inselwelt der Kykladen zeichnet sich durch ganz eigene Feierlichkeiten aus. Auf Syros begehen orthodoxe und katholische Christen das Osterfest gemeinsam und halten ihre feierlichen Prozessionen auf dem zentralen Miaouli-Platz ab. Auf Paros, speziell im Dorf Marpissa, wird der Weg des Epitaphs von lebendigen Theaterszenen begleitet, welche die Kreuzigung und Auferstehung nachstellen. Auf der Insel Patmos versammeln sich zahlreiche Gläubige, um der Fußwaschung, dem sogenannten “Niptiras”, und der zweiten Auferstehungsfeier beizuwohnen. Auf Kythnos versammeln sich junge Menschen auf dem Dorfplatz zum traditionellen “Kounia”-Schaukelspiel.
Peloponnes, Westgriechenland und feurige Nächte auf Kreta
In Zentralgriechenland und auf dem Peloponnes nehmen die Feierlichkeiten oft volksfestartige Züge an. In Livadeia ist das “Ostern von Livadeia” berühmt für seine langen Gruben, die “Lakkos”. Die Bewohner entfachen große Feuer, um Hunderte von Lämmern zu braten, was die gesamte Stadt in dichten Rauch, Musik und Feierstimmung hüllt. In Arachova findet am Ostersonntag eine große Prozession mit der Ikone des Heiligen Georg statt, an der Hunderte Menschen in traditionellen Trachten teilnehmen. Am Folgetag werden dort historische Wettläufe und traditionelle Spiele veranstaltet. In Leonidio auf dem Peloponnes steigen zur Auferstehung Hunderte bunte Heißluftballons in den Nachthimmel auf, während in Kalamata der laute “Saitopolemos”, ein Wettbewerb mit feuerenden Papprohren, die Massen begeistert.
In Westgriechenland verwandelt sich am Ostersonntag in Aitoliko jedes Viertel in einen riesigen Außengrill, begleitet von traditionellen Tänzen. In Nafpaktos am Golf von Korinth wird der Karfreitags-Epitaph zwischen brennenden Fackeln durch den historischen Hafen getragen. Dieses Bild vereint die religiöse Andacht mit der historischen Erinnerung an den lokalen Feuerschiff-Kapitän Anemogiannis. Auf der Insel Kreta sammeln Kinder bereits Tage vor der Auferstehung Holz, um eine Judas-Puppe im Vorhof der Kirchen zu verbrennen. Sobald der Priester das “Christos Anesti” anstimmt, wird das Feuer entfacht. Der Himmel wird von Feuerwerk erleuchtet, während die Kirchenglocken der Tradition zufolge volle drei Tage lang ununterbrochen läuten.