Griechenland – Pünktlich zum meteorologischen Frühlingsanfang am 1. März pflegen die Menschen in Griechenland und weiten Teilen Südosteuropas eine jahrtausendealte Tradition. In Ländern wie Zypern, Bulgarien, Rumänien, Nordmazedonien, Albanien und der Republik Moldau binden sich Kinder und Erwachsene ein spezielles Armband um das Handgelenk.
Dieser sogenannte “Martis” oder “Martia” besteht aus ineinander verdrehten beziehungsweise geflochtenen roten und weißen Fäden. Historisch verwurzelt in der griechischen Antike, dient das Armband dem Volksglauben nach als physischer und spiritueller Schutzmechanismus gegen die ersten, intensiven Sonnenstrahlen des beginnenden Frühlings.
Die Anfertigung des rot-weißen Schmucks erfolgt traditionell bereits am letzten Tag des Februars. Bevor die Träger am ersten März das Haus verlassen, wird das Band angelegt. Es bleibt den gesamten Monat über am Körper, bis spezifische Naturereignisse das Ende der Tragezeit markieren und der Faden in die Natur zurückgeführt wird.
Historische Wurzeln und antike Schutzsymbolik
Die kulturhistorischen Ursprünge dieses Frühlingsbrauchs reichen tief in die Epoche der griechischen Antike zurück. Volkskundler verorten die ersten Vorläufer des Martis in den Mysterien von Eleusis. Die Initianden dieser geheimen Kultstätten banden sich damals einen rituellen Faden, die sogenannte “Kroki”, an die rechte Hand und den linken Fuß. Die Farbkombination aus Rot und Weiß besitzt in der historischen Aberglaubensforschung eine starke symbolische Funktion zur Abwehr von drohendem Unheil.
Bereits antike Schriftsteller dokumentierten vergleichbare Rituale. Der Traumdeuter Artemidor beschrieb magische Kränze der Hexen, während der römische Dichter Vergil in seinen “Bucolica” mehrfarbige Fäden erwähnte, die dreimal um das Bildnis eines Geliebten gewickelt wurden, um diesen zu verführen. Auch der Autor Petronius berichtete von Zauberpraktiken mit bunten Fäden um den Hals. In der byzantinischen Ära setzten die Menschen gefärbte Fäden gezielt als Schutz gegen den sogenannten “bösen Blick” beziehungsweise die Vaskania ein, was die ununterbrochene Kontinuität dieser Praktiken belegt.
Lokale Variationen und das Ende der Tragezeit
In der griechischen Alltagstradition steht der praktische Schutz im Vordergrund. Der Martis soll primär die Gesichter der Kinder vor Verbrennungen durch die Frühlingssonne bewahren. Die Trageweise variiert dabei regional. In einigen ländlichen Gebieten wird der Faden nicht am Handgelenk, sondern wie ein Ring um den großen Zeh gebunden, was den Träger vor dem Stolpern schützen soll. Die Tragedauer ist ebenfalls durch klare Regeln definiert.
Das Armband wird entweder am Ende des Monats März abgelegt oder an dem Tag, an dem der Träger die erste Schwalbe des Jahres erblickt. Anschließend legen viele Menschen den Martis auf Rosenbüsche, damit zurückkehrende Zugvögel das Material für den Bau ihrer Nester nutzen können. Andere binden den Faden an Obstbäume, um deren Blütezeit rituell zu fördern. Eine weitere Praxis besteht darin, das Band unter einem Stein zu platzieren. Findet sich am darauffolgenden Tag ein Wurm neben dem Faden, wird dies als Vorbote für ein äußerst erfolgreiches Jahr interpretiert.
Balkan-Traditionen zwischen Mythos und Familie
Die Verbreitung des Brauchs erstreckt sich über den gesamten Balkan. In Nordmazedonien nennt man das identische Armband “Martinka”, in Albanien ist es als “Verore” bekannt. In Bulgarien tragen die Menschen am ersten März die sogenannte “Martenitsa” in Form von Verzierungen direkt am Revers. Zur Abwehr der “Oma Marta” oder “Baba Marta” – der personifizierten, weiblichen Gestalt des Monats März – hängen die Bewohner mancherorts rote Stoffstücke vor ihre Häuser, um nicht von ihr verbrannt zu werden. Die Martenitsa fungiert im bulgarischen Bewusstsein als Talisman und wird traditionell innerhalb der Familie verschenkt, verbunden mit Wünschen für Gesundheit. In Rumänien heißt der rot-weiße Schmuck “Martisor”.
Die weiße Farbe repräsentiert die Reinheit des Schneeglöckchens, während das Rot für die Liebe zur Schönheit steht. Der rumänischen Mythologie zufolge verwandelte sich der Sonnengott einst in einen jungen Mann und wurde von einem Drachen entführt, woraufhin die Welt in Dunkelheit versank. Ein Jüngling tötete das Ungeheuer, befreite die Sonne und brachte den Frühling zurück. Er bezahlte dies mit seinem Leben, und sein Blut färbte den Schnee rot. Zur Erinnerung an das vergossene Blut und die Reinheit flechten junge Männer in Rumänien bis heute am ersten März das Martisor.