Griechenland – In der europäischen Debatte um die zukünftige Lebensmittelkennzeichnung formiert sich auf nationaler Ebene deutlicher Widerstand. Vertreter der griechischen Wirtschaft und der italienischen Lebensmittelindustrie haben bei einem offiziellen Treffen in Athen eine gemeinsame Strategie gegen das umstrittene Nutri-Score System sowie die Markierung hochverarbeiteter Lebensmittel (UPF) vereinbart. Ziel der Konsultationen ist es, rechtlich fundierte Alternativen zu erarbeiten, um negative wirtschaftliche Folgen für die heimische Agrarproduktion abzuwenden.
Die Entwicklungen betreffen unmittelbar tausende landwirtschaftliche Betriebe, die durch eine pauschale Kategorisierung ihrer Produkte strukturelle Nachteile auf dem europäischen Binnenmarkt befürchten. Die Koordination der Abwehrmaßnahmen wird zunehmend von zentralen Wirtschaftsverbänden gesteuert.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Bilaterales Treffen zwischen griechischen und italienischen Wirtschaftsvertretern am 31. März in Athen.
- Fokus der Gespräche lag auf der Ablehnung des Nutri-Score Systems und der UPF-Kennzeichnung.
- Griechische Kammern fordern eine rechtlich untermauerte Alternativlösung.
- Befürchtung von gravierenden Nachteilen für tausende kleine und mittlere Agrarunternehmen.
Strategisches Bündnis zwischen Athen und Rom
Die Konsultationen fanden am Dienstag, den 31. März, in den Räumlichkeiten der Handwerkskammer Athen (B.E.A.) statt. Die Zusammenkunft diente der Abstimmung zwischen griechischen Institutionen und der Federalimentare, dem Dachverband der italienischen Lebensmittel- und Getränkeindustrie. Im Zentrum der Agenda stand die Bewertung der europäischen Pläne zur Einführung einer einheitlichen Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite von Verpackungen, die von den südeuropäischen Staaten mit großer Skepsis betrachtet wird.
An den Gesprächen nahm die Führungsspitze der Athener Handwerkskammer teil, angeführt vom Präsidenten Konstantinos Damigos. Begleitet wurde er vom Ersten Vizepräsidenten Ioannis Manos sowie dem Finanzaufseher Ilias Tsirmpas. Die italienische Delegation wurde von hochrangigen Vertretern der diplomatischen Vertretung flankiert, darunter der Botschafter Raffaele De Lutio in seiner Funktion als Berater für europäische und internationale Angelegenheiten der Federalimentare, sowie Mario Savona, dem Leiter des Wirtschafts- und Handelsbüros.
Das Nutri-Score System, welches Lebensmittel anhand einer Farb- und Buchstabenskala bewertet, steht in den Mittelmeerländern in der Kritik, da es traditionelle Produkte wie Olivenöl oder Käse aufgrund ihres natürlichen Fettgehalts oft negativ einstuft, während industriell verarbeitete Produkte durch künstliche Anpassungen bessere Bewertungen erzielen können. Diese Diskrepanz war der Kernpunkt der bilateralen Beratungen.
Auswirkungen auf den heimischen Agrarsektor
Während des Treffens wurde besonderer Wert auf die potenziellen wirtschaftlichen Folgen für kleine und mittlere Betriebe gelegt. Die Anwendung des Nutri-Score Systems könnte die Wettbewerbsfähigkeit von tausenden Unternehmen des griechischen Agrarsektors auf den europäischen Exportmärkten erheblich beeinträchtigen. Die Sorge besteht darin, dass eine simplifizierte Kennzeichnung das Verbraucherverhalten lenkt, ohne die Komplexität einer ausgewogenen mediterranen Ernährung zu berücksichtigen.
Wie Präsident Konstantinos Damigos ausführte, hat die Handwerkskammer bei dieser Thematik eine führende Rolle eingenommen. Seit mehr als vier Jahren unterhält die Institution einen direkten Kommunikationskanal mit dem Ministerium für ländliche Entwicklung und treibt entsprechende Interventionen sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene voran. “Unsere Kammer hat die Koordination einer großen Initiative für ein effektives System der Ernährungserziehung übernommen”, erklärte Damigos und verwies auf die Beteiligung der Zentralen Union der Kammern (KEEE), der GSEVEE sowie diverser Produktions- und Verbraucherorganisationen.
Die Bemühungen zielen darauf ab, eine breite Allianz zu schmieden, die über die reinen Unternehmensverbände hinausgeht und auch die Aufklärung der Konsumenten in den Fokus rückt. Die Vermeidung einer Stigmatisierung von traditionellen, unverarbeiteten Rohstoffen bildet dabei das Fundament der Argumentation der südeuropäischen Vertreter.
Forderung nach einem rechtlich fundierten Alternativsystem
Die Notwendigkeit einer klaren, geschlossenen Haltung gegenüber den europäischen Institutionen wurde von allen Teilnehmern unterstrichen. Der Erste Vizepräsident Ioannis Manos betonte, dass das primäre Ziel der gemeinsamen Initiative die Ausarbeitung einer umfassenden Strategie zur korrekten Verbraucherinformation sei. Es müsse eine einheitliche nationale Position formuliert werden, um die Implementierung eines Systems abzuwenden, welches nach Ansicht der Wirtschaftsvertreter zu einer irreführenden Produktbewertung führen könnte. Dies erfordere zwingend die enge Abstimmung mit anderen kritisch eingestellten Mitgliedsstaaten.
In die gleiche Richtung argumentierte Dr. Christos Apostolopoulos, Präsident des Verbandes der Griechischen Milchindustrie (SEVGAP). Er wies darauf hin, dass die bloße Ablehnung der aktuellen Pläne nicht ausreiche. Es sei zwingend erforderlich, einen konkreten Gegenentwurf zu präsentieren. Diese Alternative müsse von den Staaten, die das Nutri-Score Modell ablehnen, gemeinsam getragen und mit einer soliden juristischen Dokumentation untermauert werden, um auf EU-Ebene Bestand zu haben.
Das Treffen, an dem zahlreiche Repräsentanten maßgeblicher Produktionsverbände des Lebensmittelsektors teilnahmen, endete mit der Vereinbarung, die Zusammenarbeit auf technischer und juristischer Ebene zu intensivieren. Die Ausarbeitung des alternativen Kennzeichnungskonzepts wird in den kommenden Monaten den Schwerpunkt der bilateralen Bemühungen zwischen den griechischen und italienischen Kammern bilden.