Griechenland – Die anhaltenden militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten verändern die globalen Reiseströme für die laufende Sommersaison drastisch. Nach dem israelisch-amerikanischen Angriff auf den Iran am 28. Februar beobachten die großen europäischen Reiseveranstalter eine massive Verschiebung der Buchungspräferenzen. Britische und kontinentaleuropäische Touristen meiden zunehmend die östliche Mittelmeerregion und suchen nach sicheren Alternativen, was unmittelbare Auswirkungen auf den Tourismus in Griechenland hat.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Der Tourismussektor im Nahen Osten verzeichnet tägliche Einnahmeverluste von 600 Millionen Dollar.
- Die Nachfrage nach Urlaubszielen in Italien, Spanien, Malta und Portugal steigt rasant an.
- Reiseveranstalter melden teils widersprüchliche Buchungszahlen für griechische Destinationen.
- Fluggesellschaften leiten täglich bis zu 30 Flüge aus dem Nahen Osten nach Südeuropa um.
- Die Aktienkurse führender Touristikunternehmen wie easyJet brachen um bis zu 16 Prozent ein.
Unsicherheit verschiebt die europäischen Reiseströme
Die geopolitische Eskalation in der Nahostregion führt zu einer spürbaren Verunsicherung bei Urlaubern, die ihre Sommerferien ursprünglich im östlichen Mittelmeerraum verbringen wollten. Laut übereinstimmenden Berichten der britischen Presse planen Reisende ihre Aufenthalte großflächig um. Ziele in unmittelbarer oder relativer geografischer Nähe zum Konfliktherd, wie die Türkei und Zypern, verzeichnen eine deutliche Zurückhaltung bei Neubuchungen. Die aktuelle militärische Lage lässt keine baldige Entspannung erwarten.
Anstelle der östlichen Anrainerstaaten rücken klassische westeuropäische und südeuropäische Destinationen wieder stark in den Fokus. Urlauber weichen verstärkt auf Länder wie Italien, Spanien, Portugal und Kroatien aus. Auch der Inselstaat Malta profitiert von dieser Umorientierung. Die Reiseveranstalter registrieren zudem ein ungewöhnlich hohes Interesse an Fernreisen, insbesondere in die Karibik, da diese Regionen als geografisch vollständig entkoppelt vom aktuellen Konfliktgeschehen wahrgenommen werden.
Geteilte Meinungen zur Buchungslage in Griechenland
Hinsichtlich der Auswirkungen auf Griechenland, dessen Wirtschaft maßgeblich vom Tourismus abhängt, zeichnet sich innerhalb der Branche ein äußerst ambivalentes Bild ab. Der britische Reisekonzern On the Beach, einer der führenden Anbieter für Online-Pauschalreisen, vermeldete kürzlich eine signifikante Verlangsamung der Nachfrage. Diese Zurückhaltung betreffe explizit Destinationen wie die Türkei, Zypern, Ägypten und eben auch Griechenland. Das Unternehmen gab an, dass der Zeitpunkt einer möglichen Erholung der Buchungszahlen für diese Länder derzeit völlig ungewiss sei.
Kunden von Anbietern wie Thomas Cook und easyJet zögern laut britischen Medienberichten zunehmend, Flüge in die betroffenen Regionen anzutreten, sofern sich Alternativen bieten. Im starken Kontrast dazu stehen jedoch die aktuellen Daten des weltweit größten Touristikkonzerns. Neil Swanson, Direktor von TUI im Vereinigten Königreich, erklärte, dass die Nachfrage nach Urlaub in Griechenland, Spanien, Portugal und auf den Kapverden in den vergangenen Tagen sprunghaft angestiegen sei. Die Reisenden würden gezielt vertraute und leicht erreichbare Orte auswählen.
Eventuelle Stornierungen in den vom Konflikt indirekt betroffenen Gebieten würden derzeit durch Kunden kompensiert, die ihre Reisepläne lediglich anpassen, statt sie komplett abzusagen. Dies federe die wirtschaftlichen Auswirkungen für den Konzern ab. Gleichzeitig beobachte TUI eine außergewöhnlich starke Nachfrage nach Direktflügen in die Karibik, wobei die Dominikanische Republik und Jamaika besonders im Fokus stünden.
Reiseveranstalter verzeichnen Boom in der Karibik und Westeuropa
Die Verschiebung der Touristenströme wird auch von anderen Branchengrößen bestätigt. Jonathon Woodall-Johnston, der Leiter des großen britischen Reiseunternehmens Hays Travel, welches im Jahr 2019 die 555 lokalen Filialen des insolventen Anbieters Thomas Cook übernommen hatte, bestätigte einen spürbaren Aufwärtstrend. Die Buchungen für den Sommer 2026 konzentrierten sich bei seinem Unternehmen derzeit stark auf Italien, Malta und Kroatien.
Parallel dazu treibt die Flucht in alternative Urlaubsregionen die Preise für Flugtickets massiv in die Höhe. Mark Duguid, Vertreter des auf Luxusreisen spezialisierten Veranstalters Kuoni, verwies auf die rasant gestiegene Nachfrage nach Karibikreisen seit Beginn der Kampfhandlungen im Iran. Die preisgünstigsten Hin- und Rückflüge von London nach Antigua und Barbuda kosteten noch vor wenigen Wochen rund 720 Pfund pro Person. Inzwischen sei dieser Preis laut Marktdaten um 27 Prozent auf 917 Pfund geklettert.
Massive finanzielle Verluste für den Nahen Osten
Während Südeuropa und die Karibik von den Umbuchungen profitieren, erlebt die Tourismusindustrie im Nahen Osten einen beispiellosen Einbruch. Das britische Außenministerium hat offizielle Reisewarnungen herausgegeben und rät von nicht zwingend notwendigen Reisen in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Jordanien, Katar, Bahrain und Oman ab. Dies trifft eine Region, deren Tourismussektor in den vergangenen Jahren massiv expandiert war.
Die wirtschaftlichen Dimensionen dieser Entwicklung sind enorm. Nach Angaben des World Travel & Tourism Council verliert der Tourismussektor im Nahen Osten aufgrund des Krieges täglich rund 600 Millionen Dollar an Besucherausgaben. Vor dem militärischen Eingreifen der USA und Israels im Iran war die internationale Organisation noch davon ausgegangen, dass ausländische Gäste im laufenden Jahr etwa 207 Milliarden Dollar in der Region ausgeben würden. Diese Prognosen sind mittlerweile hinfällig.
Flugausfälle und drastische Reaktionen der Finanzmärkte
Die angespannte Sicherheitslage zwingt die Luftfahrtindustrie zu weitreichenden operativen Anpassungen. Die Fluggesellschaft British Airways hat sämtliche Verbindungen vom Flughafen Heathrow nach Abu Dhabi bis auf Weiteres gestrichen. Auch der ungarische Billigflieger Wizz Air reagierte umgehend. Das Unternehmen kündigte an, dass die Hälfte seiner ursprünglich für den Nahen Osten geplanten Kapazitäten abgezogen werde. Dies betrifft täglich 25 bis 30 Flüge, die nun auf sichere europäische Ziele wie Kroatien, Spanien, Portugal und Italien umgeleitet werden sollen.
Die Unsicherheit hat die Finanzmärkte im Reisesektor erfasst und zu erheblichen Wertverlusten geführt. Unmittelbar nach den Angriffen brachen die Aktienkurse großer britischer Touristikunternehmen ein. Die Papiere von easyJet verzeichneten einen Rückgang von 16 Prozent, während die Aktien von Jet2 um 10 Prozent fielen. Das von der Krise ausgelöste Chaos in der Reisebranche zwang zudem das aufstrebende Reiseunternehmen Loveholidays dazu, seinen geplanten Börsengang in London auf unbestimmte Zeit zu verschieben, um weiteren Marktturbulenzen auszuweichen.