Griechenland – Die jüngste geopolitische Eskalation im Nahen Osten versetzt weite Teile der griechischen Unternehmenslandschaft in Alarmbereitschaft. Nach den direkten militärischen Auseinandersetzungen zwischen den USA, Israel und dem Iran sowie den darauffolgenden Vergeltungsschlägen Teherans wächst in der heimischen Wirtschaft die Sorge vor gravierenden Auswirkungen auf die internationalen Lieferketten.
Im Zentrum der Befürchtungen steht eine mögliche Blockade der strategisch wichtigen Straße von Hormus, was den globalen Seehandel massiv unter Druck setzen würde. In Verbindung mit einem drohenden Anstieg der Preise für Erdöl und Erdgas zeichnet sich ein Szenario ab, das die Warenströme und Rohstoffimporte nach Griechenland empfindlich stören könnte.
Wachsende Sorge um Lieferketten und Energiekosten
Obwohl die wichtigsten Handelspartner Griechenlands traditionell innerhalb der Europäischen Union angesiedelt sind, unterhält das Land bedeutende wirtschaftliche Verbindungen in den Nahen Osten. Diese Handelsbeziehungen basieren primär auf der Einfuhr von industriellen Rohstoffen, die für den Betrieb der heimischen Industrie unerlässlich sind. Der Großteil der griechischen Importe aus dieser Region setzt sich aus fossilen Brennstoffen, Kunststoffen und Aluminium zusammen, während Agrar- und Lebensmittelprodukte lediglich einen marginalen Anteil an der Gesamtbilanz ausmachen.
Eine anhaltende Verknappung dieser spezifischen Gütergruppen oder ein drastischer Anstieg der Transportkosten könnte sich unmittelbar auf die Produktionskosten in Griechenland auswirken und einen neuen inflationären Schub auslösen. Die griechischen Wirtschaftsverbände beobachten die Entwicklungen auf den Seewegen daher mit höchster Aufmerksamkeit, da Verzögerungen in der Logistik die Planungssicherheit der Industrie gefährden.
Handelsbilanz: Die wichtigsten Importpartner in der Region
Detaillierte Erhebungen des Verbandes der Exporteure Nordgriechenlands (SEVE) verdeutlichen die strukturelle Zusammensetzung der Warenströme aus dem Nahen Osten. An erster Stelle steht Saudi-Arabien als mit Abstand größter regionaler Handelspartner.
- Saudi-Arabien: Das Importvolumen beläuft sich auf 1,138 Milliarden Euro. Den größten Posten bilden fossile Brennstoffe mit einem Wert von 940 Millionen Euro. Es folgen Kunststoffe (111 Millionen Euro) sowie chemische Erzeugnisse (33 Millionen Euro). Ergänzt werden diese Zahlen durch Einfuhren von Kupfer im Wert von 15 Millionen Euro und Aluminium für 12 Millionen Euro.
- Israel: Die Importe aus Israel beziffern sich auf insgesamt 350 Millionen Euro. Auch hier dominieren fossile Brennstoffe (124 Millionen Euro), gefolgt von Kunststoffen (33 Millionen Euro). Weitere relevante Importgüter sind Aluminium (28 Millionen Euro), Kupfer und Düngemittel (jeweils 14 Millionen Euro) sowie anorganische Chemikalien (13 Millionen Euro).
- Vereinigte Arabische Emirate: Aus den VAE bezieht Griechenland Waren im Wert von 190 Millionen Euro. Diese Importe bestehen fast ausschließlich aus Aluminium, fossilen Brennstoffen und diversen Kunststoffen.
Diese Zahlen unterstreichen, wie stark bestimmte Sektoren der griechischen Wirtschaft auf den reibungslosen Import von Vorprodukten und Energie aus dem nahöstlichen Raum angewiesen sind, um die eigene Produktion aufrechtzuerhalten.
Handelsbeziehungen am Persischen Golf und im Iran
Neben den drei Hauptakteuren existieren weitere Handelsströme mit Staaten am Persischen Golf, die, wenngleich in geringerem Umfang, spezifische Industriebedürfnisse in Griechenland decken. Eine besondere Rolle nimmt dabei Bahrain ein. Das Importvolumen aus dem Inselstaat beläuft sich auf 207 Millionen Euro und besteht in seiner Gesamtheit ausschließlich aus Aluminium, einem Rohstoff, der für die griechische Bau- und Verpackungsindustrie von zentraler Bedeutung ist.
Die Handelsbeziehungen mit Kuwait belaufen sich auf ein Volumen von 90 Millionen Euro, wobei 88 Millionen Euro auf fossile Brennstoffe entfallen und 1,3 Millionen Euro auf Kunststoffe. Deutlich geringer fallen die Importe aus Katar aus, die bei lediglich 16 Millionen Euro liegen und fast vollständig (14 Millionen Euro) aus Kunststoffen bestehen. Der Handel mit dem Iran nimmt mit einem Gesamtvolumen von 15 Millionen Euro die kleinste Position ein. Davon entfallen sechs Millionen Euro auf Nüsse und Früchte sowie 3,5 Millionen Euro auf Kunststoffe.
Einschätzungen aus der griechischen Exportwirtschaft
Vertreter der Wirtschaftsverbände bewerten die aktuelle Lage mit einer Mischung aus Wachsamkeit und strategischer Zurückhaltung. Der Präsident des Verbandes der Exporteure Nordgriechenlands (SEVE), Symeon Diamantidis, brachte zum Ausdruck, dass das Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen primär von der zeitlichen Dimension des Konflikts abhänge. Sollte die geopolitische Anspannung in der Region für die kommenden zwei bis drei Monate auf diesem hohen Niveau verharren, sei mit einem allgemeinen Preisanstieg zu rechnen.
Diese Preisspirale würde zunächst die Ölnotierungen und die Frachtraten erfassen und sich in der Folge auf die allgemeine Inflationsrate niederschlagen. Ein vollständiger Stillstand der Handelsbeziehungen werde derzeit nicht erwartet, jedoch sei davon auszugehen, dass sich sämtliche Transaktionen deutlich verteuern würden. Sowohl die Import- als auch die Exportwirtschaft müsse sich auf signifikant höhere Kostenstrukturen einstellen, was die Gewinnmargen vieler Unternehmen belasten könnte.
Einzelhandel bleibt vorerst von Engpässen verschont
Trotz der angespannten internationalen Lage verzeichnen große Einzelhandelskonzerne in Griechenland bislang keine unmittelbaren Einschränkungen in ihrem operativen Geschäft. Aus Kreisen des Handelsunternehmens Jumbo verlautete, dass derzeit keine konkrete Besorgnis hinsichtlich der Warenversorgung bestehe. Die Verfügbarkeit von Produkten in sämtlichen Lagerstätten des Unternehmens, sowohl innerhalb Griechenlands als auch an den internationalen Standorten, sei uneingeschränkt gesichert.
Darüber hinaus wurden auch die Geschäftsaktivitäten in Israel bewertet. Dort ist die Fox Group als exklusiver Franchise-Nehmer für den Betrieb der Jumbo-Filialen verantwortlich. Obwohl der israelische Einzelhandelsmarkt durch die kriegerischen Handlungen spürbar in Mitleidenschaft gezogen werde, fielen die finanziellen Auswirkungen für die Gesamtgruppe nach derzeitigen Schätzungen nicht schwerwiegend aus.