Griechenland – Die strukturellen Schwächen des privaten Gesundheitsmarktes, extrem hohe Medikamentenpreise, die zunehmende Überalterung der Bevölkerung sowie die starke Dominanz oligopolistischer Marktstrukturen belasten das griechische Gesundheitssystem derzeit massiv. Im Rahmen des “Insurance Forum Athens Edition 2026”, das am 27. Februar stattfand, analysierten führende Branchenexperten die tiefgreifenden Verzerrungen, die den medizinischen Sektor des Landes in eine finanzielle Schieflage treiben.
Der kaufmännische Direktor des medizinischen Dienstleisters Affidea, Athanasios Lopatatzidis, unterstrich während der Fachkonferenz, dass sich der Gesundheitssektor in einer Phase rasanten Wandels befinde, in der auch globale geopolitische Verschiebungen direkte Auswirkungen auf die nationalen Märkte hätten. Als konkretes Beispiel führte er die aktuellen Bestrebungen der Vereinigten Staaten an, ein neues wirtschaftliches Status quo zu etablieren, was weitreichende Konsequenzen für die internationalen und somit auch für die griechischen Medikamentenpreissysteme haben könne. Auf nationaler Ebene identifizierte er den demografischen Wandel und die damit verbundene drastische Zunahme chronischer Erkrankungen als wesentliche Kostentreiber. Erschwerend komme hinzu, dass bestimmte innovative Medikamente und neuartige Therapiemethoden mittlerweile extrem kostenintensiv seien.
Künstliche Nachfrage und die Notwendigkeit von Datenbanken
Ein zentrales Problem der griechischen Gesundheitsökonomie liege laut Lopatatzidis in der sogenannten induzierten Nachfrage, die er als eine kaum zu bewältigende Plage bezeichnete. Das aktuell in Griechenland angewandte medizinische Versorgungsmodell sei völlig veraltet und müsse dringend durch zeitgemäße, effizienzorientierte Strukturen ersetzt werden. Die vorherrschende Praxis der Übertherapie im privaten Sektor belaste nicht nur die Patienten, sondern auch die Versicherer überproportional.
Zur Veranschaulichung dieser systemischen Fehlentwicklung nannte der Experte die medizinische Behandlung von Ovarialzysten. In 80 Prozent der diagnostizierten Fälle könne dieses Krankheitsbild äußerst effektiv mit einem Medikament behandelt werden, dessen Kosten sich auf lediglich 30 Euro beliefen. In Griechenland falle die ärztliche Entscheidung jedoch auffällig oft auf einen laparoskopischen chirurgischen Eingriff, der Kosten in Höhe von rund 4.000 Euro verursache. Um derartigen Ineffizienzen und der mangelnden Transparenz entgegenzuwirken, schlug Lopatatzidis die Schaffung einer zentralen nationalen Datenbank vor, in der ausnahmslos alle finanziellen Erstattungen und medizinischen Zahlungsströme exakt erfasst werden müssten.
Oligopolistische Strukturen treiben Preise auf Schweizer Niveau
Giorgos Veliotis, General Manager für den Bereich Lebens- und Krankenversicherung bei Interamerican, einem Unternehmen der Achmea-Gruppe, bestätigte, dass der allgemeine Kostenanstieg im Gesundheitswesen zwar ein internationaler Trend sei, in Griechenland jedoch durch massive lokale Marktverzerrungen extrem verschärft werde. Diese nationalen Diskrepanzen resultierten primär aus dem spezifischen Verhältnis von Angebot und Nachfrage sowie dem speziellen Abrechnungsmodell des Landes. Veliotis betonte, dass auf der Angebotsseite ein klares Oligopol herrsche, welches die medizinischen Preise in Griechenland künstlich in die Höhe treibe.
Die daraus resultierenden Preisunterschiede im internationalen Vergleich seien enorm. So veranschaulichte Veliotis, dass die Kosten für eine Gallenblasenoperation in Griechenland auf dem exakt gleichen Preisniveau lägen wie in der Schweiz, obwohl das griechische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lediglich 23 Prozent des Schweizer Wertes betrage. Diese eklatante Schieflage führe unweigerlich zu stetig steigenden Versicherungsprämien für die Endverbraucher. Die harte wirtschaftliche Realität sei, dass der Krankenversicherungszweig in Griechenland aufgrund dieser massiven Marktverzerrungen für die Anbieter entweder stark defizitär oder bestenfalls marginal profitabel arbeite.
Strategiewechsel zur primären Gesundheitsversorgung zwingend erforderlich
Um dem drohenden finanziellen Kollaps entgegenzuwirken, forderte Veliotis die Versicherungsgesellschaften auf, dringend neue Programme zu entwickeln, die den Fokus strikt auf die primäre Gesundheitsversorgung legen. Parallel dazu müsse der staatliche Gesetzgeber die rechtlichen Rahmenbedingungen grundlegend reformieren. Der Staat sei in der Pflicht, die primäre klinische Versorgung wesentlich stärker zu unterstützen und den Fokus von der rein diagnostischen Medizin wegzulenken, da das gegenwärtige, stark gerätegetriebene System eine falsche und rein künstliche Nachfrage generiere.
Zudem wies er auf enorme Einsparpotenziale im klinischen Alltag hin. Etwa 70 Prozent der aktuellen chirurgischen Eingriffe könnten problemlos in speziellen Tageskliniken durchgeführt werden, ohne dass eine teure stationäre Übernachtung der Patienten erforderlich sei. Panos Xenos, Assistenzprofessor für Versicherungsmathematik an der Universität Piräus, beleuchtete die strukturelle Komplexität der Problematik. Er klassifizierte die Krankenversicherung als die mit Abstand komplizierteste Form der Personenversicherung, da sie auf einem sehr eigenartigen, dreigliedrigen Beziehungsverhältnis zwischen den Versicherten, den Versicherungsgesellschaften und den medizinischen Leistungserbringern basiere.
Die eigentliche Wurzel dieses systemischen Übels sei die massive Informationsasymmetrie zwischen medizinischen Laien und Fachpersonal, erklärte Xenos. Diese Asymmetrie begünstige sowohl die induzierte Nachfrage als auch das Phänomen der Negativselektion. Die Versicherungsunternehmen stünden nun in der Pflicht, diese kostensteigernden Faktoren innerhalb ihrer Portfolios aktiv zu reduzieren. Der Sektor verfüge über spezifische Finanzinstrumente, um diese ausufernden Ausgaben zu begrenzen. Als erfolgreiches Vorbild nannte der Akademiker das in den USA praktizierte Pay-for-Performance-System, ein leistungsbezogenes Vergütungsmodell, bei dem qualitativ hochwertige medizinische Dienstleister finanziell belohnt und schlechte Anbieter konsequent sanktioniert werden.