Griechenland – Die Europäische Kommission empfiehlt dem griechischen Staat eine langanhaltende Phase der haushaltspolitischen Zurückhaltung, um die langfristige Tragfähigkeit der Staatsverschuldung abzusichern. Aus dem jüngst veröffentlichten “Debt Sustainability Monitor 2025” geht hervor, dass diese strikte Haushaltsdisziplin primäre Überschüsse in Höhe von 1,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erfordert.
Diese Vorgabe erstreckt sich auf die Dekade zwischen 2027 und 2036, für die die Brüsseler Behörde ein stagnierendes wirtschaftliches Umfeld in Griechenland prognostiziert. Aufgrund dieser makroökonomischen Faktoren stuft die Kommission diesen mittelfristigen Zeitraum für die haushaltspolitische Stabilität des Landes offiziell als Hochrisikophase ein. Bis zum Ende des Jahres 2026 sieht der Bericht hingegen keine unmittelbaren Gefahren, die mit dem hohen nationalen Schuldenstand verbunden sind.
Positive kurzfristige Entwicklung bis 2026
Die gegenwärtige fiskalische Lage wird von der Europäischen Kommission als vorübergehend stabil bewertet. Diese Einschätzung stützt sich auf vier zentrale Faktoren, die derzeit entlastend wirken. Dazu zählt die kürzlich erfolgte Heraufstufung der griechischen Kreditwürdigkeit auf das Investment-Grade-Niveau durch drei der vier international anerkannten Ratingagenturen. Parallel dazu bewegen sich die Finanzierungsbedürfnisse des griechischen Staates auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau von neun Prozent der Wirtschaftsleistung.
Ein weiterer stabilisierender Faktor ist das prognostizierte Wirtschaftswachstum von über zwei Prozent, welches maßgeblich durch die zufließenden finanziellen Mittel aus dem europäischen Wiederaufbaufonds angetrieben wird. Ergänzt wird dieses Bild durch die aktuell hohen primären Haushaltsüberschüsse. Unter diesen Voraussetzungen prognostiziert der Bericht einen kontinuierlichen Rückgang der staatlichen Verbindlichkeiten. Nachdem die Schuldenquote im Jahr 2024 bei 154,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts lag, wird ein Sinken auf 147,6 Prozent im Jahr 2025 und auf 141,2 Prozent für das Jahr 2026 erwartet.
Wirtschaftliche Stagnation ab 2027 erwartet
Eine fundamentale Zäsur in der makroökonomischen Entwicklung wird für das Jahr 2027 erwartet. In diesem Zeitraum laufen die finalen Auszahlungen aus dem europäischen Wiederaufbaufonds aus, was laut den Berechnungen der Kommission zu einer schrittweisen Stagnation der griechischen Wirtschaft führen wird. Den Prognosen zufolge wird sich die Wachstumsrate im Jahr 2027 auf 1,7 Prozent abschwächen und in den Folgejahren ab 2028 im Durchschnitt bei lediglich 0,7 Prozent einpendeln.
Der griechische Staat tritt somit in eine ökonomisch anspruchsvolle Phase ein, in der die Schuldenquote im besten Fall bei 141,2 Prozent liegen wird. Dieser Wert überschreitet nicht nur die kritische europäische Schwelle von 90 Prozent deutlich, sondern markiert auch den höchsten Schuldenstand aller Mitgliedsstaaten. In dieser Phase werden die staatlichen Finanzierungsbedürfnisse von neun Prozent im Jahr 2027 auf 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2036 ansteigen. Aufgrund dieser kombinierten Belastungen ordnet der europäische Bericht die griechische Staatsverschuldung für den Zeitraum von 2027 bis 2036 in die Kategorie des hohen Risikos ein.
Ehrgeizige Ziele für den Schuldenabbau
Ein weiterer Abbau der Staatsverschuldung in dieser Phase geringen Wachstums ist laut dem Dokument zwar nicht ausgeschlossen, vollzieht sich jedoch in einem stark verlangsamten Tempo. Das optimistischste Szenario der Brüsseler Behörde geht davon aus, dass die Verschuldung bis zum Jahr 2036 auf 123,5 Prozent sinken könnte. Diese Modellrechnung ist jedoch an eine strikte Vorbedingung geknüpft: Der griechische Fiskus muss über ein volles Jahrzehnt hinweg jährlich einen Primärüberschuss von mindestens 1,8 Prozent erwirtschaften.
Die Europäische Kommission äußert in ihrem Bericht explizite Vorbehalte bezüglich der Realisierbarkeit dieser Vorgabe und bezeichnet das Ziel im Vergleich zu den bisherigen fiskalischen Leistungen als sehr ambitioniert. Das Festhalten an derart hohen Überschüssen in einem von Stagnation geprägten Umfeld entzieht dem Wirtschaftskreislauf Liquidität. Sollte der Überschuss lediglich bei rund 1,3 Prozent liegen, sich die Differenz zwischen Zinssätzen und Wachstumsrate um einen Prozentpunkt erhöhen oder eine europäische Finanzkrise die Kreditkosten für längere Zeit in die Höhe treiben, würde die Schuldenquote bis 2036 bei 133,3 Prozent verharren.
Schutzmechanismen und zusätzliche Risikofaktoren
Trotz des massiven Schuldenvolumens bewertet die Kommission die Gefahr einer unmittelbar bevorstehenden neuen Finanzkrise als gering. Der Bericht listet mehrere strukturelle Schutzfaktoren auf, die zugunsten Athens wirken. Hierzu gehören die aktuell hohen staatlichen Barreserven sowie die im europäischen Vergleich überdurchschnittlich langen Laufzeiten der griechischen Staatsanleihen. Zudem wird ein Großteil der Verbindlichkeiten von institutionellen Gläubigern zu niedrigen Zinssätzen gehalten, und das gesamte Schuldenportfolio ist in Euro denominiert, wodurch jegliches Wechselkursrisiko entfällt.
Parallel zu diesen stabilisierenden Elementen benennt die Analyse drei spezifische, zusätzliche Risikofaktoren. Ein Risiko stellen die notleidenden Kredite dar, deren Quote weiterhin über dem europäischen Durchschnitt liegt. Sollten die staatlichen Garantien, die im Zuge der Verbriefung dieser Kredite gewährt wurden, fällig werden, würde dies den Schuldenstand direkt belasten. Ein weiteres Risiko bilden potenzielle staatliche Verpflichtungen, die aus noch anhängigen Gerichtsverfahren resultieren könnten. Den dritten Risikofaktor verortet der Bericht in laufenden europäischen Untersuchungen, wie im Fall der Agrarzahlungsbehörde (OPEKEPE), welche den griechischen Staat zur Rückzahlung von Fördermitteln an die Europäische Union zwingen könnten.