Griechenland – Die militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten und die damit einhergehende Lähmung der Schifffahrt in der Straße von Hormus versetzen die europäischen Energiemärkte in höchste Alarmbereitschaft. Analysten warnen davor, dass eine Schließung der strategisch wichtigen Meerenge von über einem Monat die europäischen Erdgasreserven bis zum Ende des Winters auf historische Tiefstände drücken könnte.
Ein solches Szenario würde die geplante Wiederauffüllung der europäischen Speicher bis Ende Oktober massiv erschweren. Sollten die verfügbaren Mengen auf dem Weltmarkt dauerhaft begrenzt bleiben, stünde Europa vor der Herausforderung, während der Sommermonate nicht nur deutlich größere Volumina einkaufen zu müssen, sondern dafür auch signifikant höhere Preise zu zahlen. Auf nationaler Ebene rückt diese Entwicklung die energetische Abhängigkeit in den Mittelpunkt.
Der griechische Staatssekretär für Umwelt und Energie, Nikos Tsafos, erklärte in einem Radiointerview, dass trotz der Bedeutung des Erdöls als globaler Marktindikator die größte Sorge derzeit dem Erdgas gelte. Die Gaspreise würden die nationalen Strompreise unmittelbar diktieren. Die internationalen Notierungen hätten sich bereits der kritischen Alarmgrenze angenähert, die er bei 60 Euro pro Megawattstunde verortete.
Wirtschaftliche Anfälligkeit im europäischen Vergleich
Im Vorfeld der anstehenden Bewertung der griechischen Wirtschaft durch die Ratingagentur Scope Ratings am 20. März verdeutlicht ein aktueller Bericht die makroökonomischen Risiken der Nahost-Krise. Demnach gelten Staaten wie Griechenland und Zypern als besonders anfällig für anhaltende Preissteigerungen auf den Energiemärkten. Diese Vulnerabilität resultiere direkt aus der hohen Abhängigkeit der wirtschaftlichen Produktion von fossilen Brennstoffen. Bei einer Betrachtung der größten europäischen Volkswirtschaften zeigt sich ein differenziertes Bild.
Italien, Spanien und Deutschland weisen aufgrund ihres spezifischen Energiemixes und der Energieintensität ihrer Industriezweige eine ähnlich hohe Risikoexposition auf wie der hellenische Raum. Im Gegensatz dazu gilt Frankreich durch seinen umfangreichen Bestand an Kernkraftwerken als deutlich widerstandsfähiger gegenüber potenziellen Schocks auf dem globalen Gasmarkt. Die aktuelle Preisentwicklung unterstreicht diese Anspannung, da sich der Gaspreis in den vergangenen Tagen stabil über der Marke von 50 Euro bewegt, während gleichzeitig die weltweit größte Anlage für verflüssigtes Erdgas in Katar außer Betrieb bleibt.
Kritische Speicherstände und der Wandel der Lieferketten
Obwohl die europäische Versorgung kurzfristig nicht direkt beeinträchtigt ist, da die für März disponierten Lieferungen bereits auf dem Seeweg sind, bleibt der Kontinent aufgrund der niedrigen Speicherstände verwundbar. Laut offiziellen Daten von Gas Infrastructure Europe waren die Anlagen in der Europäischen Union am 4. März lediglich zu 29,76 Prozent gefüllt. Die nationalen Füllstände variieren dabei erheblich: In Belgien lagen sie bei 25,48 Prozent, in Frankreich bei 21,65 Prozent und in Deutschland bei 20,83 Prozent. Lettland verzeichnete 19,77 Prozent, während die Niederlande mit 10,31 Prozent den niedrigsten Wert aufwiesen.
Diese Speicherinfrastruktur ist essenziell, um die europäische Winternachfrage nach Heizwärme und Elektrizität zu decken und die regionale Energiesicherheit zu gewährleisten. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters hat die Abhängigkeit Europas von LNG-Importen massiv zugenommen, seitdem die Einfuhren von russischem Leitungsgas im Jahr 2022 in Folge des Angriffs auf die Ukraine größtenteils gestoppt wurden. Während verflüssigtes Erdgas zuvor etwa 19 Prozent der europäischen Gasversorgung ausmachte, prognostiziert S&P Global Energy für das laufende Jahr einen Anstieg auf 45 Prozent, was einem Volumen von 174 Milliarden Kubikmetern entspricht.
Milliardenkosten für die Sicherung der LNG-Versorgung
Die logistischen und finanziellen Herausforderungen für die kommenden Monate sind immens. Einkäufer in Europa müssen nach Berechnungen von Analysten des Datenanbieters Kpler das Äquivalent von rund 700 LNG-Ladungen, also etwa 67 Milliarden Kubikmeter, auf dem Weltmarkt beschaffen, um die Speicherkapazitäten bis zum Sommer zu füllen. Dies entspricht einer Steigerung von rund 180 Ladungen beziehungsweise 17 Milliarden Kubikmetern im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die finanziellen Auswirkungen dieser erhöhten Nachfrage sind bereits spürbar.
Die Kosten für die zusätzlichen 180 Frachten sind laut Kalkulationen von Reuters von 6,7 Milliarden US-Dollar am Ende der Vorwoche auf 10,1 Milliarden US-Dollar zur Wochenmitte angestiegen. Für die gesamte sommerliche Auffüllung der 67 Milliarden Kubikmeter wird ein Kostenanstieg von etwa 13,6 Milliarden US-Dollar verzeichnet, wodurch sich die Gesamtrechnung auf rund 40 Milliarden US-Dollar beläuft. Diese Zahlen verdeutlichen den massiven Kapitalbedarf, der zur Aufrechterhaltung der europäischen Energieinfrastruktur unter den aktuellen geopolitischen Bedingungen erforderlich ist.
Asiatischer Wettbewerb droht europäische Preise zu treiben
Sollte es tatsächlich zu einer einmonatigen Unterbrechung der Schifffahrtswege kommen, hätte dies gravierende Folgen für die globale Verfügbarkeit. Der Rohstoffanalyst von SEB Research, Ole Hvalbye, berechnete, dass in einem solchen Fall etwa sieben Millionen Tonnen verflüssigtes Erdgas, was rund 9,7 Milliarden Kubikmetern entspricht, vom internationalen Markt verschwinden würden.
In diesem Szenario könnte Europa etwa 5,5 Millionen Tonnen beziehungsweise 7,6 Milliarden Kubikmeter an verfügbaren Frachten aufgrund der starken Konkurrenz durch asiatische Käufer verlieren. Dieser harte Wettbewerb um begrenzte Ressourcen würde die europäischen Erdgaspreise unweigerlich und dauerhaft über die Marke von 60 Euro pro Megawattstunde treiben.
Zum Vergleich: Aktuell liegt der Preis bei etwa 50 Euro, während er zum Ende der vorangegangenen Woche noch bei 32 Euro notierte.