Kreta – Der Arbeitsmarkt auf der Insel Kreta weist eine Reihe schwerwiegender struktureller Schwächen auf, die die Beschäftigung, die soziale Integration von Arbeitnehmern und die beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten massiv beeinträchtigen. Dies ist das zentrale Ergebnis einer qualitativen Studie des regionalen Mechanismus zur Diagnose des Arbeitsmarktbedarfs der Region Kreta für das Jahr 2025. Im Rahmen der Untersuchung wurden Fokusgruppen mit insgesamt achtundvierzig Teilnehmern aus allen vier regionalen Einheiten der Insel gebildet. Zu den Befragten zählten Arbeitgeber, Angestellte, Studenten, Beamte sowie Vertreter von Behörden.
Die Analyse belegt eine extreme Abhängigkeit der lokalen Wirtschaft vom Tourismus und dem Primärsektor, was zu hoher Saisonabhängigkeit, unsicheren Arbeitsplätzen, niedrigen Löhnen und einer starken Einkommensinstabilität führt. Eine erhebliche Diskrepanz zwischen den Qualifikationen der Arbeitnehmer und den tatsächlichen Anforderungen der zumeist kleinen Unternehmen im Handel, im Baugewerbe und in der verarbeitenden Industrie verschärft die Situation.
Erschwerend kommt hinzu, dass junge Menschen und vulnerable soziale Gruppen kaum Zugang zu systematischer Weiterbildung finden. Als ausgleichender Faktor für diese beruflichen Defizite wirkt auf Kreta lediglich die hohe Lebensqualität. Das milde Klima, die landschaftliche Attraktivität und die Verfügbarkeit von landwirtschaftlichen Flächen fungieren weiterhin als starker Anziehungspunkt für Arbeitskräfte und Unternehmer, was trotz der saisonalen Schwankungen eine anhaltende Nachfrage generiert. Aktuell startet der regionale Mechanismus in Zusammenarbeit mit der Region Kreta eine zweite, quantitative Untersuchungsphase und ruft profitable Unternehmen aus Schlüsselbranchen zur Teilnahme auf.
Unsicherheit im Agrarsektor und im lokalen Handel
Die detaillierte Auswertung des Primärsektors offenbart prekäre Beschäftigungsverhältnisse, die insbesondere in den ländlichen Gebieten der Insel stark ausgeprägt sind. Legal beschäftigte Landarbeiter sind mit geringen Einkünften, eingeschränktem Versicherungsschutz und einer generellen Einkommensunsicherheit konfrontiert. Diese Situation wird durch die starke Witterungsabhängigkeit und das Fehlen einer ganzjährigen, stabilen Beschäftigung weiter verschärft.
Die Studie identifiziert zudem einen gravierenden Mangel an spezialisierten Fähigkeiten und praktischer Ausbildung für moderne landwirtschaftliche Methoden, wie etwa nachhaltige Landwirtschaft und neue Produktionstechnologien. Die bestehenden Bildungsstrukturen sind fragmentiert und nicht auf die realen Bedürfnisse der Betriebe abgestimmt. Ähnliche strukturelle Probleme prägen den kretischen Einzelhandel, der fast vollständig von der touristischen Aktivität abhängt.
Angestellte im Handel leiden unter unsicheren Positionen, niedriger Entlohnung und fehlenden Karriereperspektiven. Die geringe Betriebsgröße und das Fehlen von professionellen Bewertungsmechanismen verhindern die Bindung von Fachpersonal. Ein Hauptproblem stellt hier die mangelnde Schulung im Umgang mit digitalen Werkzeugen, im Kundenservice und in der professionellen Bestandsverwaltung dar.
Defizite bei digitalen Dienstleistungen im Tourismus
Die Situation im dominierenden Tourismussektor wurde in einer spezifischen Fokusgruppe in Rethymno analysiert, an der vierzehn Personen teilnahmen. Diese Gruppe setzte sich aus Hoteliers, Einwanderern, Menschen mit Behinderungen, Mitgliedern weiterer vulnerabler Gruppen sowie einem Mitglied der Verwaltung der Region Kreta zusammen. Die Teilnehmer bestätigten, dass der touristische Arbeitsmarkt durch extreme Saisonabhängigkeit und berufliche Unsicherheit gekennzeichnet ist.
Klare Ausbildungs- und Aufstiegswege fehlen gänzlich. Ein wesentliches Ergebnis der Erhebung ist das festgestellte Qualifikationsdefizit in den Bereichen Kundenmanagement, digitale Dienstleistungen und der Anwendung neuer Technologien. Dieser Mangel mindert die Wettbewerbsfähigkeit der kretischen Tourismusbetriebe und erschwert deren Anpassung an moderne Marktanforderungen.
Die staatlichen und privaten Berufsbildungseinrichtungen agieren isoliert vom eigentlichen Produktionssystem, weshalb die Befragten gezieltere Programme und offizielle Zertifizierungen von Fähigkeiten fordern. Zudem stuften die Teilnehmer die Kommunikation und die Zusammenarbeit zwischen den Tourismusunternehmen, den Bildungsträgern und den zuständigen Institutionen als unzureichend ein.
Stagnation in der verarbeitenden Industrie und im Baugewerbe
In der verarbeitenden Industrie zeigt sich eine deutliche Lücke zwischen dem Arbeitsangebot und der Nachfrage nach spezifischen Qualifikationen. Die Fokusgruppen ergaben, dass kleine Betriebe in diesem Sektor massiv unter bürokratischen Hürden und einem stark eingeschränkten Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten leiden. Die Branche, die hauptsächlich aus kleinen und mittleren Unternehmen besteht, bietet den Arbeitnehmern nur sehr begrenzte Aufstiegschancen. Die Unfähigkeit der Unternehmen, qualifiziertes Personal anzuziehen und langfristig zu binden, resultiert auch aus dem geringen gesellschaftlichen Ansehen technischer Berufe sowie den niedrigen Gehältern.
Die Arbeitnehmer weisen laut der Untersuchung deutliche Defizite in den Bereichen moderne Technologien, Innovation und Produktionsabläufe auf. Im Baugewerbe dokumentiert die Forschung erhebliche Hürden für den Berufseinstieg junger Menschen und einen akuten Mangel an spezialisierten Fachkräften. Die Fluktuation und Erneuerung des Personals ist äußerst gering.
Hohe Versicherungskosten und die allgemeine wirtschaftliche Instabilität schrecken Arbeitgeber davon ab, feste und dauerhafte Arbeitsverhältnisse anzubieten. Die Studie hält fest, dass eine systematische Ausbildung in Zukunftsbereichen wie dem ökologischen Bauen und der Arbeitssicherheit zwingend erforderlich ist. Dieser Mangel an fachlichen Fähigkeiten fungiert derzeit als direkte Bremse für die Wettbewerbsfähigkeit der Bauunternehmen auf der Insel.