Griechenland – Die eklatante Wohnungsnot in Europa steht im Fokus der politischen Agenda des Europäischen Parlaments. Am heutigen Dienstag, den 10. März 2026, debattiert der spezielle HOUS-Ausschuss (Housing Crisis Special Committee) in einer trilateralen Konferenz mit Vertretern der EU-Kommission und des Europäischen Rates im Straßburger Plenum über weitreichende Lösungsansätze.
Die Abgeordneten präsentieren einen Resolutionsentwurf, der auf einer umfassenden wissenschaftlichen Evaluierung basiert und konkrete Empfehlungen zur Förderung von menschenwürdigem, nachhaltigem und bezahlbarem Wohnraum formuliert. Im Zentrum der zugrundeliegenden Forschungsdaten steht Griechenland als dramatischstes Negativbeispiel für die europäische Immobilienkrise.
Die parlamentarische Entschließung, über die im Anschluss an die Debatte abgestimmt wird, zielt darauf ab, die prekären Lebensverhältnisse von Millionen europäischen Bürgern zu adressieren. Diese Situation resultiert aus einem stagnierenden Angebot an Wohnimmobilien und einer simultanen, jahrzehntelangen Preisspirale bei Mieten und Hypothekendarlehen.
Das vorgelegte Maßnahmenpaket umfasst die zwingende Notwendigkeit, Investitionen durch die gezielte Bündelung von europäischen, nationalen und privaten Finanzmitteln zu stimulieren. Darüber hinaus fordern die Parlamentarier einen massiven Abbau bürokratischer Hürden im Bausektor, die substanzielle Verbesserung der Wohnqualität und Nachhaltigkeit sowie gezielte Strategien zur Bekämpfung des chronischen Arbeitskräftemangels und der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit in der europäischen Bauindustrie.
Die Dimensionen der Krise und demografische Faktoren
Die vom HOUS-Ausschuss beauftragte Studie, die den aktuellen Wohnbedarf in der gesamten Europäischen Union kartografiert, offenbart alarmierende ökonomische Verschiebungen. Seit dem Jahr 2015 sind die Immobilienpreise und Mieten in nahezu allen Mitgliedsstaaten signifikant schneller gestiegen als die durchschnittlichen Reallöhne. Die Wissenschaftler führen diese zunehmende Diskrepanz auf eine konstant hohe Nachfrage bei gleichzeitig anhaltenden Angebotsengpässen zurück. Diese toxische Marktdynamik führt dazu, dass adäquater Wohnraum selbst in wirtschaftlich starken Regionen für weite Teile der Bevölkerung unerschwinglich wird und zunehmend Haushalte aller Einkommensklassen und Generationen belastet.
Die Analyse verdeutlicht zudem den massiven Einfluss demografischer Veränderungen auf den Wohnungsmarkt. Die durchschnittliche Haushaltsgröße in Europa ist auf 2,3 Personen pro Wohneinheit gesunken, während sie vor vier Jahrzehnten noch bei 2,8 lag.
Diese Entwicklung generiert eine enorme Nachfrage nach einer größeren Anzahl kleinerer Wohnungen. Simultan erhöht die allgemeine Überalterung der Gesellschaft den Druck auf den Markt, da ältere Menschen laut Studie deutlich länger in ihren bisherigen familiären Eigenheimen verbleiben und diese Immobilien somit dem zirkulären Markt nicht zur Verfügung stehen.
Als ursächlich für die Krise identifiziert die EU-Studie eine Kombination verschiedener Faktoren. Dazu zählen historische Phasen extrem niedriger Leitzinsen, die die Kreditkosten minimierten und die Nachfrage nach Immobilien künstlich anheizten. Gleichzeitig kollidiert diese Nachfrage mit einem unelastischen Angebot, bedingt durch knappe Baulandverfügbarkeit, explodierende Baukosten, stark fragmentierte Regularien sowie den Mangel an qualifizierten Fachkräften im Baugewerbe. Der Bericht erwähnt in diesem Kontext auch die zunehmende Finanzialisierung des Wohnraums, also die systematische Transformation von Wohnimmobilien in reine Spekulationsobjekte und Anlageklassen. Erschwerend kommt hinzu, dass der soziale Wohnungsbau als regulierender Puffer europaweit massiv an Bedeutung verloren hat und sein Anteil am Gesamtwohnungsbestand von 11 Prozent im Jahr 2010 auf aktuell 8 Prozent gesunken ist.
Griechenland als europäisches Negativbeispiel
In den detaillierten Auswertungen der Studie wird Griechenland wiederholt als der absolute Krisenherd innerhalb der Europäischen Union identifiziert. Die Hellenische Republik verzeichnet die mit Abstand höchste finanzielle Wohnkostenbelastung in Europa. Der Anteil der Haushalte, die mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens allein für die Deckung der Wohnkosten aufwenden müssen, liegt in Griechenland bei exorbitanten 28,9 Prozent und damit mehr als dreimal so hoch wie der europäische Durchschnitt von 8,2 Prozent. In den griechischen Ballungszentren verschärft sich diese prekäre Situation nochmals und betrifft dort erschreckende 31 Prozent der Haushalte.
Zusätzlich zu diesen finanziellen Härten offenbart der Bericht ein gravierendes institutionelles Defizit: Griechenland verfügt über keinerlei offiziellen, rechtlich bindenden Rahmen oder eine klare Definition dessen, was eine „menschenwürdige“ oder „angemessene“ Wohnung ausmacht. Dies steht im direkten Widerspruch zu den Vorgaben der Vereinten Nationen und der Europäischen Sozialcharta, die angemessenes Wohnen als fundamentales Menschenrecht definieren und nach Kriterien wie Erschwinglichkeit, Sicherheit, Zugänglichkeit und Infrastrukturanbindung bewerten.
In Ermangelung einer klaren nationalen Definition stützt sich die europäische Statistikbehörde Eurostat auf Indikatoren wie „Wohnraummangel“ und „Wohnungsdeprivation“. Diese Parameter erfassen prekäre Wohnverhältnisse wie chronische Feuchtigkeit, fehlendes Tageslicht, massive Lärmbelästigung, Umwelteinflüsse durch Industrieabgase oder die finanzielle Unfähigkeit, Immobilien im Winter ausreichend zu beheizen oder im Sommer zu kühlen.
Die Energiearmut in Griechenland ist mehr als doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt und betrifft jeden fünften Haushalt (19,8 Prozent). Zudem verzeichnet das Land einen der höchsten Werte bei der akuten Wohnungsdeprivation, die bei 6,9 Prozent liegt (EU-Schnitt: 4 Prozent). Während dieser Wert in den meisten europäischen Ländern rückläufig ist, verschlechtert sich die Situation in Griechenland zunehmend.
Besonders katastrophal sind die Auswirkungen der Immobilienkrise auf die junge Generation in Griechenland. Die astronomischen Wohnkosten behindern den Schritt in die Unabhängigkeit massiv. Laut Daten von Eurofound leben 72 Prozent der 25- bis 34-jährigen Griechen gezwungenermaßen bei ihren Eltern. In der spezifischen Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen erreicht dieser Wert sogar 80 Prozent und ist damit doppelt so hoch wie im europäischen Durchschnitt.
Die Studie unterstreicht das fatale Paradoxon der griechischen Situation: Obwohl junge Menschen das elterliche Zuhause später als in jedem anderen EU-Mitgliedsstaat verlassen, sind sie anschließend mit der europaweit höchsten Wohnkostenbelastung konfrontiert. Besorgniserregende 86,9 Prozent der einkommensschwachen 25- bis 29-Jährigen und 85,3 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in Griechenland müssen mehr als 40 Prozent ihres spärlichen Einkommens für die Miete aufwenden. Diese untragbare Situation wird durch das nahezu vollständige Fehlen von sozialem Wohnungsbau, dessen Anteil in Griechenland bei unter 1 Prozent liegt, weiter zementiert.