Thessaloniki – Anlässlich des 83. Jahrestages der Abfahrt des ersten Deportationszuges in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau richtet die nordgriechische Metropole am Sonntag, den 15. März 2026, einen umfassenden Gedenkmarsch aus. Unter dem historischen Leitspruch des Erinnerns werden die Teilnehmer ein deutliches Signal gegen das Vergessen setzen. Die Veranstaltung zielt primär darauf ab, die historische Erinnerung an die knapp 50.000 jüdischen Einwohner Thessalonikis wachzuhalten, die während der nationalsozialistischen Besatzungszeit in die Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden.
Ein zentrales Element des diesjährigen Gedenkens bildet der symbolische Baubeginn für den neuen Gedenkpark auf dem zentralen Eleftherias-Platz (Freiheitsplatz). Die städtischen Behörden haben bereits in den vergangenen Tagen sämtliche geparkten Fahrzeuge von dem Areal entfernen lassen, um die Fläche für die umfassenden baulichen Arbeiten freizumachen.
Der offizielle Startschuss für die Neugestaltung des Geländes erfolgt am Vormittag des 15. März, unmittelbar bevor sich der Gedenkmarsch in Bewegung setzt. Der Zug der Teilnehmer wird anschließend vom Eleftherias-Platz durch das städtische Zentrum bis zum Gelände des alten Hauptbahnhofs führen, von wo aus die Deportationszüge damals ihre fatale Reise antraten.
Baubeginn für den Gedenkpark und institutionelle Stellungnahmen
Der Bürgermeister von Thessaloniki, Stelios Angeloudis, erläuterte im Rahmen einer Pressekonferenz am Montagmorgen die historische Tragweite der Ereignisse. Er betonte, dass die Bevölkerung aufgerufen sei, gemeinsam die Wege der deportierten Mitbürger nachzugehen, um die historische Wahrheit zu ehren und sichtbar zu machen. Der Verwaltungschef fügte hinzu, dass sich hinter jedem verlorenen Namen ein individuelles menschliches Leben verborgen habe, ausgestattet mit familiären Bindungen, Träumen und Zukunftsplänen. Der Marsch stelle eine klare Haltung gegen jegliche Versuche der Geschichtsfälschung sowie einen Akt der tiefen historischen Selbsterkenntnis dar.
Darüber hinaus verwies der Bürgermeister auf eine persönliche Nachricht des Vorstandsvorsitzenden des Pharmakonzerns Pfizer, Albert Bourla. Dieser habe in seiner Mitteilung große Genugtuung über die Schaffung des Gedenkparks geäußert, da sich sein eigener Vater im Jahr 1942 während der ersten großen Zusammentreibung auf genau diesem Platz befunden habe. Der Präsident der Jüdischen Gemeinde Thessaloniki, David Saltiel, der gleichzeitig dem Zentralrat der Jüdischen Gemeinden in Griechenland und dem Holocaust-Museum vorsteht, erinnerte mahnend an den Verlust von rund 97 Prozent der damaligen jüdischen Gemeinde.
Die Transformation des Eleftherias-Platzes bilde zusammen mit dem künftigen Holocaust-Museum einen entscheidenden Schritt für die historische Aufarbeitung. Diese neuen Stätten würden laut seiner Einschätzung künftig nicht nur die einst vergessene historische Wahrheit manifestieren, sondern auch als zentraler Anlaufpunkt für internationale Forscher, Akademiker und Besucher dienen. In diesem zeremoniellen Kontext wurde auch die maßgebliche Vorarbeit des verstorbenen ehemaligen Bürgermeisters Giannis Boutaris gewürdigt, der sich zeitlebens für die Aufarbeitung des jüdischen Erbes der Stadt eingesetzt hatte.
Geschlossene akademische Unterstützung und kulturelles Begleitprogramm
Die nordgriechische Hochschullandschaft positioniert sich im Rahmen der Gedenktage mit Nachdruck für eine aktive Erinnerungskultur. Der Rektor der Internationalen Hellenischen Universität, Stamatis Angelopoulos, unterstrich, dass der Marsch eine essenzielle Maßnahme sei, um das Gedenken an den Holocaust aufrechtzuerhalten. Es sei eine fundamentale Pflicht, zu erinnern, zu ehren, zu lehren und insbesondere das kritische Denken der jüngeren Generationen zu fördern. Der Prorektor der Aristoteles-Universität Thessaloniki, Iakovos Michailidis, bekräftigte die vollumfängliche Unterstützung der akademischen Gemeinschaft für diese Initiativen. Der Prorektor der Universität Makedonien, Ioannis Tampakoudis, ergänzte historisch einordnend, dass die beispiellose Tragödie exakt in jener Morgendämmerung ihren Anfang genommen habe, als der erste voll besetzte Zug ohne jegliche Aussicht auf Wiederkehr die Stadt verließ.
Flankiert wird der offizielle Gedenkmarsch von einem facettenreichen kulturellen Rahmenprogramm, das von Eleni Chontolidou detailliert vorgestellt wurde und die historische Thematik auf künstlerischer Ebene aufgreift. Im Amalia-Theater wird das Theaterspiel „96 Prozent“ unter der Regie von Prodromos Tsinikoris aufgeführt, welches bis zum 22. März jeweils von Donnerstag bis Samstag um 21:00 Uhr sowie an den Sonntagen um 20:00 Uhr zu sehen ist.
Bereits am Vorabend des Marsches, dem 14. März, steht um 21:00 Uhr im John-Cassavetes-Saal die Vorführung des Dokumentarfilms „Sag mir“ des Regisseurs Nikos Megrelis auf dem Programm, die organisatorisch in das laufende Dokumentarfilmfestival eingebettet ist. Den Abschluss der Veranstaltungsreihe bildet die bei freiem Eintritt stattfindende Präsentation des Films „Die Kunst der Erinnerung“ von Anneta Papathanasiou am 15. März um 19:00 Uhr im Allatini-Dassault-Saal.
Dieses kinematografische Werk dokumentiert das spezifische Schaffen der bildenden Künstlerin Artemis Alkalai und fungiert als abschließendes Element der diesjährigen Gedenkveranstaltungen.