Athen – Die griechische Hauptstadt durchläuft derzeit eine tiefgreifende urbane Transformation, deren Kernstück tief unter der Erde liegt. Im Mittelpunkt dieser massiven Entwicklung steht der Bau der neuen U-Bahn-Linie 4, die seit dem Jahr 2021 realisiert wird und als eines der größten laufenden öffentlichen Bauprojekte des Landes gilt. Die erste Bauphase umfasst eine Strecke von rund 12,8 Kilometern und verbindet den Park Alsos Veikou im Vorort Galatsi mit dem Stadtteil Goudi. Dabei durchkreuzt die Trasse einige der am dichtesten besiedelten Gebiete der Metropole.
Entlang dieser neuen Route entstehen insgesamt 15 unterirdische Stationen. Diese sollen zentrale und stark frequentierte Viertel wie Kypseli, Exarchia, Kolonaki sowie das Universitätsgelände (Panepistimioupoli) erschließen. Der Großteil dieser Infrastrukturmaßnahme wird in erheblicher Tiefe unter dem städtischen Gefüge vorangetrieben. Dabei kommen spezialisierte Tunnelbohrmaschinen zum Einsatz. Die beiden derzeit aktiven Maschinen haben bereits einen großen Teil der unterirdischen Strecke ausgehoben, wobei signifikante Abschnitte kurz vor der Fertigstellung stehen. An bestimmten Punkten finden die Grabungen in einer Tiefe von bis zu 40 Metern statt, was hochkomplexe technische Lösungen erfordert.
Entlastung des Zentrums und neue Verkehrsdynamik
Die Errichtung dieser neuen U-Bahn-Linie zielt nicht nur auf die Schaffung einer zusätzlichen Verkehrsachse ab. Ein wesentliches Ziel besteht darin, das historische Zentrum zu entlasten und Stadtteile anzubinden, die bislang stark vom motorisierten Individualverkehr oder von Bussen abhängig sind. Durch den zukünftigen Betrieb der Linie wird eine erhebliche Reduzierung der Fahrtzeiten zwischen den nördlichen Vororten und den zentralen Bezirken erwartet. Gleichzeitig verbessert sich die Erreichbarkeit von Universitäten, großen Krankenhäusern und bedeutenden Grünflächen für Hunderttausende Einwohner und Besucher der Stadt.
Neben dem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs umfassen die unterirdischen Infrastrukturprojekte in der Region Attika auch den Straßenverkehr. Ein markantes Beispiel hierfür ist der Straßentunnel der Poseidonos-Allee an der südlichen Küstenfront. Dieses Vorhaben ist ein zentraler Bestandteil der umfassenden Neugestaltung des ehemaligen Flughafengeländes Ellinikon. Das Projekt beinhaltet eine rund 1,3 Kilometer lange Unterführung, die den Autoverkehr unter die Erdoberfläche verlegt. Dadurch wird oberirdisch wertvoller Raum für neue Parkanlagen und öffentliche Flächen freigegeben.
Ausbau der Straßennetze und wirtschaftliche Folgen
Parallel zu den Arbeiten an der Küste treiben die Behörden weitere städtische Straßenbauprojekte mit unterirdischen Abschnitten voran. Zu den wichtigsten Vorhaben zählt die Erweiterung der Kymi-Allee. Diese soll über einen neuen, etwa 2,5 Kilometer langen Straßentunnel an die Autobahn Attiki Odos angeschlossen werden. Diese Maßnahme gilt als entscheidend, um den Verkehrsfluss in den nördlichen Vororten zu optimieren und bestehende Hauptverkehrsstraßen spürbar zu entlasten.
Die weitreichenden Eingriffe in das städtische Untergrundnetzwerk wirken sich bereits auf die wirtschaftliche Geografie Athens aus. Viertel, die bisher außerhalb der primären Verkehrsknotenpunkte lagen, verzeichnen einen Wertzuwachs und ziehen verstärkt das Interesse von Investoren auf sich. Durch die verbesserte Anbindung entstehen veränderte Rahmenbedingungen für Wohnraum und gewerbliche Aktivitäten. Die Stadt tritt somit in eine Entwicklungsphase ein, in der das Bauen unter der Erde die zukünftige Funktion der Hauptstadt maßgeblich bestimmt.